Wilhelmstraße 12 - Siegmund, Emilie, Fritz David & Hermann Schmidt
Siegmund Schmidt
*04.09.1968 in Trier
deportiert am 27.09.1942 nach Theresienstadt
ermordet am 09.11.1972 in Theresienstadt
Stolperstein verlegt am 26.06.2025
Emilie Schmidt, geb. Falkenstein
*08.06.1886
deportiert am 27.09.1942 nach Theresienstadt
im Januar 1943 weiter nach Auschwitz
ermordet in Auschwitz
Stolperstein verlegt am 26.06.2025
Fritz David Schmidt
*24.07.1899
deportiert am 04.03.1943 nach Auschwitz
ermordet in Auschwitz
Stolperstein verlegt am 26.06.2025
Hermann Schmidt
*03.05.1893
deportiert nach Hadamar
ermordet im Rahmen der Aktion "T4" am 07.02.1941
Stolperstein verlegt am 26.05.2026
Standort Stolpersteine Wilhelmstraße 12 folgt
Text zur Stolpersteinverlegung von Paula John, Schülerin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums Gießen, Jahrgangsstufe 13
Siegmund Schmidt wurde am 04.September 1868 in einer jüdischen Familie in Trier geboren. Er wurde Kaufmann und war durchaus sehr erfolgreich. 1892 heiratete er eine Frau namens Ricka Höxter, die ab dann Ricka Schmidt hieß. Im gleichen Jahr zog das Ehepaar nach Gießen Die beiden bekamen 3 Kinder. Ein Jahr nach der Hochzeit kam ihr ältester Sohn, Hermann, zu Welt, im Jahr darauf eine Tochter namens Alma. 1899 wurde der jüngste Sohn, David, geboren. Die Familie lebte ab 1919 in einer Wohnung im ersten Stock hier der Wilhelmstraße 12. Es handelte sich dabei um eine große Wohnung mit 7 Zimmern und voller Ausstattung wie Keller, Waschküche etc. Da Siegmund beruflich erfolgreich war und auch eine Firma leitete, konnte er diesen hohen Lebensstandard problemlos finanzieren. Die Familie beschäftigte sogar zusätzlich eine Haushälterin namens Emilie Falkenstein, da Ricka gesundheitlich eingeschränkt war. Auch für sie wird heute hier ein Stolperstein verlegt werden.
Der älteste Sohn der Familie, Hermann, lebte ab 1916 im Sanatorium Katzenelnbogen. Ihm war vorher eine eingeschränkte geistige Fähigkeit und unberechenbares Verhalten attestiert worden, weshalb er weder für den Beruf als Kaufmann, noch für den Militärdienst für geeignet gehalten wurde. Sein Vater bezahlte monatlich ca. 250 RM - eine ganz beträchtliche Summe für diese Zeit - für seine Unterbringung und Versorgung. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, begannen sie, das Vermögen der Familie Schmidt nach und nach einzuziehen und ihren Lebensstandard immer weiter herunterzuschrauben. Dies geschah zum einen dadurch, dass Siegmund Schmidt gezwungen wurde, Teile der zahlreichen Aktien und Wertpapiere in seinem Besitz der Bank zum Kauf anzubieten, oder diese vom Finanzamt verpfändet wurden. Außerdem waren die Beträge, die Schmidt für Forderungen wie die sogenannten „Judenvermögensabgaben“ oder „Reichsfluchtsteuer“ zu zahlen hatte, ausgesprochen hoch. Auch sein Gewerbe musste Schmidt schließlich im März 1938 abmelden, woraufhin er sich im Alter von 70 Jahren in Rente begab und nun aber keinerlei Einkommen mehr hatte.
Als schließlich all sein Vermögen gepfändet wurde und er nur noch Zugriff auf einen festgesetzten Betrag seines eigenen Geldes haben sollte, versuchte Schmidt, zu verhandeln und den hohen Lebensstandard seiner Familie so gut es ging aufrechtzuerhalten. So versuchte er zum Beispiel, die Ausgaben für die Haushälterin und die Unterbringung Hermanns durch die Krankheiten seines Sohnes und seiner Frau zu rechtfertigen. Dennoch konnte er sich der künstlichen Verarmung durch den Staat nicht mehr entziehen. Während dieser Prozess ablief, heiratete die Tochter der Familie, Alma, und zog mit ihrem neuen Ehemann nach Frankfurt.* Wie ihr Leben dort weiterging, lässt sich anhand der Akten aus dem hiesigen Stadtarchiv nicht mehr nachvollziehen.
Im März 1940 war es schließlich so weit gekommen, dass sich die Familie Schmidt mit dem ihr verbleibenden Geld die Wohnung hier in der Wilhelmstraße nicht mehr leisten konnte. Siegmund kündigte die Wohnung und sie zogen in den Wetzlarer Weg 17 um. Die Wohnung dort war deutlich kleiner und schlechter ausgestattet, außerdem war das Mietverhältnis auf zwei Jahre befristet. Allein in der kurzen Zeit, in der die Familie dort lebte, gab es bereits Auseinandersetzungen mit dem Vermieter, der schon Gegenstände wie ein Waschbecken als Luxusgüter ansah, für die er nicht zu zahlen bereit war. In der Zeit im Wetzlarer Weg starb auch die Ehefrau, Ricka. Nach ihrem Tod musste die Familie fast alle ihre Wertgegenstände an den Staat übergeben, zum Beispiel, Schmuck, Kleidung etc. Der älteste Sohn, Hermann, wurde Anfang 1941 Opfer eines sogenannten Krankenmordes. So wurde er vermutlich zunächst in eine sogenannte „Sammelanstalt“ in Heppenheim deportiert, wo man Jüd:innen von „arischen“ Patienten trennen wollte. Von dort aus wurde Hermann höchstwahrscheinlich zusammen mit 67 anderen jüdischen Kranken nach Hadamar deportiert und dort am 7. Februar 1941 ermordet. Von alledem bekam auch seine Familie zunächst nichts mit und zahlte auch noch weiter für seine vermeintliche Unterbringung in Katzenelnbogen. Später wurde eine gefälschte Sterbeurkunde ausgestellt, die besagt, er sei am 30. Mai an Typhus gestorben. Der Brief kommt angeblich aus der Irrenanstalt Cholm bei Lublin - diese gab es jedoch zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr.
Der Rest der Familie Schmidt bekam im November 1941 die Anordnung vom Oberbürgermeister, in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Landgrafenstraße 8 zu ziehen. Die Lebensbedingungen dort waren absolut menschenunwürdig, es lebten zeitweise bis zu 40 Menschen in diesem Haus auf engem Raum zusammen und wurden ständig von der Gestapo überwacht.
Siegmund und Fritz Schmidt lebten zusammen mit Emilie Falkenstein, zwei weiteren Erwachsenen und einem Kind in einer 6-Zimmer-Wohnung dort. Irgendwann in dieser Zeit nach Rickas Tod müssen Siegmund und Emilie geheiratet haben, offizielle Dokumente dazu finden sich jedoch nicht. Ob es sich dabei um eine Heirat aus Liebe oder mehr aus Zweckmäßigkeit handelte, weil sie ja ohnehin zusammen lebten, werden wir wohl nie erfahren. 1942 zog außerdem der jüngste Sohn, Fritz, nach Berlin-Charlottenburg. Von dort wurde er letztlich Anfang 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Siegmund und Emilie Schmidt wurden am 27. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Siegmund wurde dort am 9. November ermordet, Emilie hingegen wurde im Januar 1943 noch weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr genauer Todeszeitpunkt ist nicht bekannt, auf der Sterbeurkunde steht der 8. Mai 1945 als nachträglich willkürlich festgesetztes Datum.
* Stolpersteine Frankfurt/Main
Alma Schmidt, geb.11.08.1894, heiratete am 18.08.1920 Dr. Ernst Höxter. Das Ehepaar zog am 01.10.1920 nach Frankfurt-Bockenheim. Tochter Hilde wurde am 30.06.1921 geboren, Sohn Werner am 03.06.1926. Die Familie wohnte in der Gräfstraße 49 in Bockenheim.
Dr. Ernst Höxter und Sohn Werner begingen Suizid am 07.05.1942, Alma Höxter am 09.05.1942. Hilde Höxter konnte 1939 mit einem Kindertransport nach England entkommen.
Für Ernst, Alma und Werner Höxter wurden am 11.05.2012 Stolpersteine in Frankfurt-Bockenheim verlegt, für Hilde am 19.05.2018.
Anmerkung C. Buseck