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Neustadt 7 - Jenny Speier, Minni (geb. Bloch), Bernd und Bruno Oppenheimer

Jenny Speier
*25.05.1885 in Treis/Lumda
deportiert am 30.09.1942 über Darmstadt in das besetzte Polen
ermordet im besetzten Polen, vermutlich Treblinka
Stolperstein verlegt am 29.05.2024

Minni Oppenheimer, geb. Bloch
*15.04.1891 in New York, USA
Flucht in den Tod am 04.11.1937
Stolperstein verlegt am 26.05.2026

Bernd Oppenheimer 
*14.03.1923 in Gießen
unfreiwillig verzogen nach Berlin
deportiert am 19.04.1943 nach Auschwitz 
ermordet am 21.02.1945 
Stolperstein verlegt am 26.05.2026

Bruno Oppenheimer
*24.05.1925 in Gießen
Ausreise mit einem Kindertransport am 05.01.1939 in die Schweiz
verstorben am 13.05.2000 in Haifa
Stolperstein verlegt am 26.05.2026 

Weitere Informationen: spurenimvest.de

Standort Stolpersteine Neustadt 7

Jenny Speier

Jenny Speier, Tochter von Jeisel Ziegelstein II und seiner zweiten Frau Susanne, geb. Süsskind, wurde am 25.05.1885 in Treis/Lumda Landkreis Gießen geboren. Jenny hatte 11 Geschwister.

Sie heiratete Max Speier aus Züschen, heute ein Stadtteil von Fritzlar, am 24.07.1907. Das Ehepaar Speier kam am 30.07.1907 von Treis/Lumda nach Gießen und wohnte in der Sonnenstraße 6. Sie gehörten der liberalen israelitischen Religionsgemeinde an. Max Speier war Reisender bzw. Versicherungsinspektor. Aus der Ehe gingen 3 Kinder hervor, Herbert, geboren am 28.08.1907, Hilde, geboren am 03.12.1908 und Kurt, geboren am 22.09.1911. Max Speier fiel als Landsturmmann im Ersten Weltkrieg.

Jenny Speier zog als Witwe mit ihren Kindern in die Landgrafenstraße 8, später an den Landgraf-Philipp-Platz 10. Sie übernahm im Oktober 1920 das Kolonialwarengeschäft ihrer Schwester Selma am Landgraf-Philipp-Platz 8. Sie handelte mit Bier, Spezereien, Kaffee, Butter, Oel und Tabakwaren im Kleinen. Ab 01.04.1934 nahm Jenny Speier noch Spirituosen in versiegelten und etikettierten Flaschen hinzu. Im September 1931 zog Jenny Speier in die Neustadt 7 um. Hier war es ihr noch möglich, ihren Laden zu betreiben. Am 08.06.1938 legte sie alle Gewerbe nieder. Ab März 1939 musste sie mehrmals umziehen: zur Neustadt 14, Frankfurter Straße 11 und schließlich in das Ghettohaus Walltorstraße 48.

Von dort wurde sie am 16.09.1942 nach Darmstadt und am 30.09.1942 weiter in das besetzte Polen deportiert, vermutlich nach Treblinka. Jenny Speier wurde ermordet.

Ihren drei Kindern gelang die Emigration. Herbert flüchtete in den frühen 30er Jahren nach Süd-Afrika. Hilde heiratete im November 1935 Albert Meyer flüchtete mit ihm nach Palästina. Kurt flüchtete im Oktober 1938 nach New York.

Text: Christel Buseck

Minni Oppenheimer, geb. Bloch

Minni Oppenheimer, geborene Bloch, wird am 15. April 1891 in New York geboren. Ihre Eltern stammen aus Floß an der Waldnaab in der Oberpfalz, ein Ort mit einer bedeutenden jüdischen Gemeinde. 1888 wandern sie in die USA aus und heiraten dort zwei Tage nach ihrer Ankunft am 4. Oktober in New York. Minni hat noch einen älteren Bruder, der 1889 in Philadelphia zur Welt kommt. Sie und ihr Bruder Adolf sind somit durch Geburt US-amerikanische Staatsbürger.

1898 kehrt die Familie zurück nach Bayern und lässt sich in Bayreuth nieder. 1919 verstirbt die Mutter. Am 11. Januar 1922 heiratet Minni Bloch den in Ortenberg geborenen und seit 1899 in Gießen, Neustadt 13, ansässigen Kaufmann Theodor Oppenheimer, der an diesem Tag auch seinen 44. Geburtstag feiert. 1923 und 1925 kommen die beiden Söhne Bernd und Bruno in Gießen zur Welt. Bereits am 21. Februar 1929 verstirbt ihr Mann Theodor und sie muss nun den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei kleinen Kindern alleine bestreiten. Sie erhält dabei finanzielle Unterstützung durch ihren Bruder, der Jurist und Regierungsrat ist und ihr einen größeren Teil seines Gehaltes zukommen lässt.

Nach dem Tod des Ehemannes zieht die Familie in die Neustadt 7, wo sie spätestens ab 1931 wohnt und Minni Oppenheimer 1932 zeitweise ein eigenes Gewerbe für Warenvertretung angemeldet hat. Nach der Machtübernahme der NSDAP wird der Familie zunehmend das Leben erschwert. Mit Ablauf des 31. Dezember 1935 wird Minnis Bruder aus rassischen Gründen in den Ruhestand versetzt, womit auch ihre finanzielle Situation vermutlich deutlich schwieriger wurde. Es ist anzunehmen, dass die politischen Umstände maßgeblich dazu beitragen, dass Minni Oppenheimer sich am 4. November 1937 das Leben nimmt.

Text: Maria Jung

Bernd Oppenheimer

Bernd Oppenheimer wird am 14. März 1923 in Gießen geboren. Er ist der ältere von zwei Söhnen und wächst in einer liberalen jüdischen Familie auf. Er ist noch nicht ganz sechs Jahre alt, als sein Vater stirbt. Nach dessen Tod zieht die Familie von der Neustadt 13 in die Neustadt 7 um, wo sie spätestens ab 1931 wohnt.

Ein schwerer Einschnitt in das Leben der Geschwister ist der Suizid der Mutter am 4. November 1937. Bernd, zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, besucht das Realgymnasium in Gießen. Um weiter in Gießen zur Schule gehen zu können, nimmt ihn die Familie Bauer im Asterweg 53 auf. Anfang Mai 1938, zu Beginn des neuen Schuljahrs, zieht Bernd nach Berlin, wo Adolf Bloch, der Bruder seiner verstorbenen Mutter, lebt. Mit ihm zusammen reist er kurz darauf noch einmal zu seinem Bruder nach Bad Nauheim, um mit diesem dessen Bar Mitzwa zu feiern.

In Berlin lebt Bernd unter verschiedenen Anschriften zur Untermiete, zunächst zusammen mit seinem Onkel in der Xantener Str. 21, später in der Markobrunner Straße 7 bei Familie Guttmann, die ihm auch persönlich nahe steht, ab April 1939 in der Sächsischen Straße 10/11 bei Frau Hausdorf und ihrer Tochter. Anfang Dezember 1938 verstirbt überraschend sein Onkel Adolf Bloch.

Seinen Schulbesuch setzt Bernd in Berlin bis Oktober 1939 fort. Da Jüdinnen und Juden ab diesem Zeitpunkt der Schulbesuch insgesamt verboten ist, entschließt er sich zur Alija, der Auswanderung nach Erez Israel, und besucht zunächst entsprechende Vorbereitungslehrgänge für jüdische schulentlassene Jugendliche. Im Juni 1940 siedelt er in das südlich von Berlin zwischen Trebbin und Luckenwalde gelegene und von Makkabi Hazair betriebene Hachschara Landwerk Ahrensdorf über. Hier sollen Jugendliche auf ein Leben im noch britischen Mandatsgebiet Palästina vorbereitet werden. Dabei werden die männlichen Jugendlichen vorwiegend in Gartenbau und Landwirtschaft, die weiblichen Jugendlichen in Hauswirtschaft und Pflege und gemeinsam unter anderem in modernem Hebräisch und jüdischer Kultur unterrichtet. Das Hachschara Landwerk Ahrensdorf ist vergleichsweise ein ruhender Fels in der Brandung.

Mit dem Verbot jeglicher Berufsausbildung für jüdische Mitmenschen im Jahre 1941 wird das Hachschara Landwerk Ahrensdorf nach und nach aufgelöst. Ein Teil der Jugendlichen, darunter auch Bernd, wird in das Lehrgut Neuendorf im Sande bei Fürstenwalde/Spree verlegt, das die Nationalsozialisten in ein „Jüdisches Arbeitseinsatzlager“ umwandeln. Das heißt, die Bewohnerinnen und Bewohner werden zwangsweise zur Arbeit verpflichtet. Das Leben wird noch härter und unmenschlicher und immer häufiger finden Deportationen statt. Am 10. April 1943 wird das Lager aufgelöst und über 150 Personen, darunter Bernd, werden zunächst nach Berlin in das Sammellager Große Hamburger Straße verbracht. Von hier aus werden sie am 19. April nach Auschwitz deportiert, wo der Transport am 20. April ankommt.

Bernd verstirbt Anfang 1945. Zu den Todesumständen gibt es unterschiedliche, sich teils widersprechende Zeitzeugenberichte. In einer 2010 erschienenen Publikation berichtet der überlebende Mithäftling Benjamin Feingersch, ohne Zeit- und Ortsangabe, über die Tötung seines besten Freundes Bernd Oppenheimer, der wegen einer schweren Verletzung zurückbleiben muss und erschossen wird.

In einem anderen Bericht heißt es dagegen, Bernd sei „beim Marsch 1940 (!)“, vermutlich ist hier das Jahr 1945 gemeint, an einer Blutvergiftung verstorben.

Nach einem weiteren Bericht erstickten mehrere Häftlinge, darunter auch Bernd, während des Todesmarschs nach Geppersdorf in der Nacht vom 20. auf den 21. Februar 1945 in einem Bergwerksstollen bei Landeshut in Niederschlesien.

Text: Maria Jung

Bruno Oppenheimer

Bruno Oppenheimer wird am 24. Mai 1925 in Gießen geboren. Er ist der jüngere von zwei Söhnen und wächst in einer liberalen jüdischen Familie auf. Er ist drei Jahre alt, als sein Vater stirbt. Nach dessen Tod zieht die Familie von der Neustadt 13 in die Neustadt 7 um, wo sie spätestens ab 1931 wohnt.

Ein schwerer Einschnitt in das Leben der Geschwister ist der Suizid der Mutter am 4. November 1937. Bruno ist zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt und Vollwaise. Noch ahnt er nicht, dass ihm dieses einschneidende Ereignis vermutlich das Leben retten wird. Sein Vormund wird Isi Rosenbaum. Er findet Aufnahme im israelitischen Kinderheim in Bad Nauheim mit angeschlossener jüdischer Schule. Das Heim in der Frankfurter Straße 103, damals Hermann-Göring-Straße 103, wird nach jüdisch-orthodoxen Regeln geführt. Finanziell wird Bruno von in Weiden lebenden Verwandten unterstützt. Im Mai 1938 feiert Bruno, jetzt 13 Jahre alt, seine Bar Mitzwa. Dazu reisen sein Bruder und sein Onkel zusammen aus Berlin an. Es wird ihr letztes Zusammentreffen sein.

In den Sommerferien besucht Bruno noch einmal Tante und Onkel in Weiden. Diese Reise findet einen traurigen Abschluss, denn kaum abgereist, verstirbt sein Onkel.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November, der Reichspogromnacht, wird auch das israelitische Kinderheim verwüstet. Nach der Reichspogromnacht versuchen in Großbritannien, aber auch in etlichen anderen europäischen Ländern Organisationen, jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Mit einem dieser Kindertransporte gelangt Bruno am 5. Januar 1939 in die Schweiz nach Langenbruck in der Nähe von Basel. In der Schweiz beginnt eine Ausbildung zum Gärtner. Im Jahr 1942 ist er aber auch in der Region Basel im abgelegenen Bad Schauenburg im Arbeitslager für Emigranten. Nach einem 2023 erschienenen Zeitungsartikel müssen die dort untergebrachten männlichen, jüdischen, orthodoxen Flüchtlinge im Straßenbau arbeiten. Sie bauen die Schönmattstraße über den Gempen und schaffen damit eine Verbindungsstraße zwischen Liestal und Arlesheim. Das Leben im Arbeitslager für Emigranten in Bad Schauenburg ist nicht einfach. Es wird berichtet, dass sich die Emigranten wie Bürger zweiter Klasse behandelt fühlten und die Lagerleitung für sie bestimmte Lebensmittel für den Schwarzmarkt abzweigte.

Nach Ende des 2. Weltkriegs verlässt Bruno Ende August 1945 die Schweiz, wandert in das britische Mandatsgebiet Palästina ein und nimmt den Vornamen Baruch an. Später lässt er sich mit seiner Frau Batya, die die Shoa in den Niederlanden im Versteck überlebt hat, in Haifa nieder. Das Paar adoptiert zwei Kinder. Mehrmals besucht er zusammen mit seiner Frau im Rahmen von Besuchsprogrammen seine Geburtsstadt Gießen. Baruch Oppenheimer stirbt am 13. Mai 2000 in Haifa.

Text: Maria Jung

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