Keramikrelief
Objekt: Keramikrelief (außen) u. Holzrelief (innen)
Standort: Ehemals Kinderheim, heute Wirtschaftswissenschaften | Standort in der Karte
Stadtteil/Bezirk: Östliches Stadtgebiet, zwischen Licher Straße u. Alter Steinbacher Weg
Künstler: Carl Bourcarde, Gießen
Material: Außen: Keramik, Innen: Holz
Entstehung: 1931-32
Aufstellung: 1931-32
Eigentümer: Justus-Liebig-Universität
Beschreibung:
Der Klinkerbau im oberen Teil des Campusgeländes Recht und Wirtschaft, zum Alten Steinbacher Weg hin, wurde 1931-1932 als Kinderheim errichtet. Heute ist dort ein Teil des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts untergebracht.
Rechts neben der Eingangstür befindet sich eine mit C. Bourcarde signierte Relieftafel. Dargestellt ist das Gesicht einer jungen Frau mit geschlossenen Augen, gerahmt von zwei Kindern, die mit einem Ball spielen. Zu beiden Seiten ist die im Vergleich große Inschrift zu lesen: Kommt, lasst uns unseren Kindern leben! Das ist der Leitsatz von Friedrich Fröbel (1782-1852), der als Erfinder des Kindergartens gilt.
Es lohnt ein Blick ins Treppenhaus. Der breite Pfosten der Holztreppe weist eine figürliche Schnitzerei auf. Dargestellt ist ein nackter Säugling, im expressiven Stil der späten 1920er Jahre. Die Kinderfigur hält das Modell des Kinderheims in einer Hand und zeigt mit dem Finger der anderen Hand darauf. In der Sockelzone ist geschrieben: Erbaut / 1931-32. Hier ist keine Signatur zu finden. Es könnte auch von Bourcarde stammen, der in seinen frühen Jahren häufig in Holz arbeitete.
Künstler-Vita:
Carl Bourcarde (1899-1994) war Gießener. Zu seinen Schulfreunden zählte Hein Heckroth, der Bühnenbildner wurde und als Filmdesigner den Oskar erhielt (siehe Bronzekopf im Theaterpark). Bourcarde wurde noch im Frühjahr 1918 als Soldat eingezogen, kehrte unverwundet zurück. Er besuchte 1919-21 die Kunstgewerbeschule in Mainz, wo er seine spätere Frau Elisabeth kennenlernte. Den Wunsch Innenarchitekt zu werden konnte er aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht umsetzen. Er studierte Bildhauerei an der Kunstakademie München, wurde geprägt vom neoklassizistischen Stil seines Lehrers. 1927 nahm er in Gießen das Angebot an, als Zeichenlehrer an der Alice-Schule zu unterrichten. Bald kam das erste Kind des Ehepaars zur Welt. Sie verkehrten in Künstler- und Theaterkreisen. Er erhielt Porträtaufträge von Gießener Professoren, Mitte der 30er Jahre auch drei gut dotierte Großaufträge. Um der denunziatorischen Atmosphäre in beengten Wohnverhältnissen zu entgehen, baute er ein Heim abseits des politischen Alltags: ein Eisenbahnwaggon am Hardtwäldchen, den er für seine Familie ausbaute. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er noch einmal eingezogen, blieb aber im Stubendienst. 1943 war er Mitbegründer des Oberhessischen Künstlerbunds, der sich nach Kriegsende um Ausstellungen und Aufträge kümmerte. In den späten 1950er Jahren gab es wieder Kunst-am-Bau-Aufträge, für Bildhauer waren dies oft Mahnmale gegen den Krieg. Im Gießener Raum schuf Bourcarde diverse Gedenktafeln, Grabsteine, Brunnen und Kirchenkunst. 1979 wurde sein Schaffen mit einer Retrospektive in der Kunsthalle Gießen (Kongresshalle) gewürdigt.
Geschichte des Ortes: Das Klinkergebäude wurde 1931/32 als Provinzial-Kinderheim erbaut, es steht wie die gesamte historische Anlage unter Denkmalschutz. Die anderen Gebäude entstanden kurz nach der Jahrhundertwende 1900 als Provinzial-Siechenanstalt, erbaut im damals üblichen schlossähnlichen Stil, zu dem ein weitläufiger Park gehörte. Nach Auflösung der hessischen Provinzen ging das Areal 1933 an das Land Hessen, die Stadt Gießen konnte nun die Gebäude als Altenheim und für pflegebedürftige Kinder nutzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg belegte die US-Army das Areal. Die Versuche der Stadt, die Gebäude wieder als Altenheim nutzen zu können waren vielfältig, aber vergeblich. Nach Wiederbegründung der Universität Gießen kam 1965 auch der Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften dazu. 1972 wurde das neue Hörsaalgebäude errichtet, 2016 folgte dessen Erweiterung mit Cafeteria.
Literaturhinweise:
Zum Künstler: Dr. Friedhelm Häring, Carl Bourcarde – Das bildhauerische Werk, Katalog zum 85.Geburtstag, Privatdruck 1984; Meine Erinnerungen – C.B., o.J., Privatdruck; Dagmar Klein, Ein Gießener Bildhauer – Leben u. Werk von C.B., in: Hessische Heimat, Geschichtsbeilage der Gießener Allgemeinen Zeitung, Nr.8/13.4.1996.
Zum Ort: Denkmaltopographie Gießen, Landesamt für Denkmalpflege Wiesbaden 1993, S.
399 f.; Anita Barczynski, Die Provinzialsiechenanstalt, in: Psychiatrie in Gießen, hrsg.v. George/ Groß/ Putzke/ Sahmland/ Vanja, Gießen 2003
Autorin: Dagmar Klein, Stand Oktober 2024