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Henriette-Fürth-Straße 28 (ehem. An der Kläranlage 2) - Hedwig Kersten, geb. Klein

Hedwig Kersten, geb. Klein
*06.05.1918 in Gießen
deportiert am 05.08.1940 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
Zwangsarbeit im Kommando Dresden, Außenlager des KZs Flossenbürg
überlebte, verstorben am 13.02.1951 an den Folgen der Zwangsarbeit
Stolperstein verlegt am 19.06.2026

Standort Stolperstein folgt 


Hedwig wird am 6. Mai 1918 in Gießen geboren. Ihr Vater, Georg Klein, ist zum Zeitpunkt ihrer Geburt als Handelsmann tätig. In jungen Jahren wird Hedwig Mutter von vier Kindern, von denen zwei früh versterben. 1939 heiratet sie Walter Ernst Kersten. Die kleine Familie lebt in Gießen.
Am 20. Juli 1940 wird gegen Hedwig die sogenannte „Vorbeugungshaft“ verhängt. „Auf Anordnung der Kriminalpolizei Frankfurt“, so der Wortlaut in ihrer Entschädigungsakte, wird Hedwig am 5. August 1940 mit der Einordnung als „Zigeunermischling“ – einer antiziganistischen Zuschreibung – in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt.

Dokumente in ihrem Entschädigungsantrag deuten darauf hin, dass sie bis zum 28. März 1945 in Ravensbrück ist. Andere Dokumente im selben Antrag legen nahe, dass sie am 19. Januar 1945 von Ravensbrück aus in das KZ Flossenbürg gebracht wird. Hier trägt sie die Häftlingsnummer 62466 und muss im Kommando Dresden Zwangsarbeit leisten. Das Kommando Dresden bezeichnet die Universelle Maschinenfabrik Dresden, ein Außenlager des KZs Flossenbürg, in dem Häftlinge Rüstungsteile herstellen müssen.

Hedwig überlebt den Nationalsozialismus und bekommt nach der Befreiung vier weitere Kinder. Sie stellt im Dezember 1949 einen „Antrag auf Grund des Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ auf eine finanzielle Entschädigung für die Verbrechen, die ihr angetan wurden. Zum Zeitpunkt der Antragstellung ist sie als Hausfrau tätig. Die achtköpfige Familie lebt zu dieser Zeit in Gießen. Hedwig gibt an, aufgrund des Aufenthalts in den Konzentrationslagern an Nieren- und Herzleiden erkrankt zu sein. Im Zuge des Entschädigungsprozesses sind diverse Briefwechsel mit der Betreuungsstelle für ehemalige politisch, rassisch und religiös Verfolgte des Stadt- und des Landkreises Gießen und dem Regierungspräsidenten in Kassel dokumentiert, die die NS-Zuschreibungen gegen die Familie fortführen: „Es handelt sich bei Herr und Frau Kersten um nachweislich ausgesprochen assoziale [sic!] Elemente. Frau Kersten kam seinerzeit als Zigeunermischling in das KZ.“ Der Antrag wird am 25. August 1950 in Folge dieser Korrespondenz abgelehnt. Hedwig leidet nach ihrer Befreiung an einer Lungentuberkulose und ist so im Zuge der Behandlung zuerst in der Lungenheilstätte Reichelsheim, zuletzt in der Landesheil- und Pflegeanstalt Heppenheim.

Im Februar 1951 kommt es zu einem Fortschritt im Entschädigungsverfahren: Die International Refugee Organisation erstellt ein Schreiben, welches an das Regierungspräsidium Darmstadt gerichtet ist und Beweise für die Verbrechen an Hedwig Kersten aufführt. Hedwig hilft das Schreiben nicht mehr. Sie verstirbt am 13. Februar 1951 in der Landesheil- und Pflegeanstalt in Heppenheim. Die Erkrankung führt einer ihrer Söhne auf ihren Aufenthalt in Ravensbrück zurück.
Nach ihrem frühen Tod beantragen die Kinder der Verfolgten Entschädigung. Der Ehemann verstirbt 1973. Erst 1981 wird der Antrag angenommen.

Ihre Tochter hat die Geschichte ihrer Mutter, die sie bereits als Kleinkind verlor, erforscht und ist beeindruckt von ihrem unbändigen Willen. Fünf Jahre hat Hedwig Kersten in Konzentrationslagern überlebt und sich nach der Befreiung gegen widrigste Umstände für das Wohl ihrer Kinder eingesetzt. Die Tochter würdigt ihre starke Mutter mit den Worten: „Daher kommt meine Stärke, dass ich nie aufgebe.“

Text: Kevin A. Schaub

Aus: Randi Becker und Michelle Damm (Hrsg.): Ausstellungskatalog zur Wanderausstellung „Wo hatte man eine solche Entwürdigung verdient? So begegnete man keinem Vieh.“  Mittelhessische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück


Frau Sidonie Winkel, Tochter von Hedwig Kersten, zum Schicksal ihrer Mutter

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Nachbarn, Vertreter der Stadt und der Initiative „Stolpersteine“,

besonders möchte ich mich bei Frau Buseck meiner Großnichte Cindy Kersten und meiner Urgroßnichte Marcellina Kersten bedanken, die mitgeholfen haben, dass ich heute hier stehen kann.

ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie heute hier zusammengekommen sind, um meiner Mutter, [Hedwig Kersten], zu gedenken. Mit diesem Stolperstein wird ihr Name und ihr Schicksal genau an den Ort zurückgebracht, der einmal ihr Zuhause war.

Meine Mutter musste unfassbares Leid ertragen. Fünf Jahre ihres Lebens war sie im Konzentrationslager Ravensbrück  inhaftiert. Sie hat dort unmenschliche Dinge erlebt, die sie ihr Leben lang geprägt haben. Dass sie diese grausame Zeit überlebt hat, zeugt von einem unglaublichen Überlebenswillen und innerer Stärke.

Dieser Stolperstein ist mehr als nur ein Gedenkstein im Pflaster. Er ist ein leises, aber starkes Mahnmal gegen das Vergessen. Er erinnert uns daran, wohin Ausgrenzung, Hass und Faschismus führen können. Es ist mir ein großes Bedürfnis, dass ihre Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, sondern dass wir gerade heute – in einer Zeit, in der unsere Demokratie wieder wachsam sein muss – ein Zeichen setzen.

Möge dieser Stein ein Symbol für die Würde sein, die man ihr damals nehmen wollte, und ein Zeichen des Respekts für ihr Leben. Ich danke allen, die dieses Gedenken möglich gemacht haben.

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