Bleichstraße 30 - Richard, Karoline, geb. Schuster, und Milli Loewenthal
Richard Loewenthal
*21.12.1870 in Sophiental, Kreis Lesbus
zwangsverlegt ins ehemalige Israelitische Krankenhaus Frankfurt
verstorben am 15.02.1942 an den Strapazen
Stolperstein verlegt am 26.05.2026
Karoline Loewenthal, geb. Schuster
*28.10.1869 in Mannheim
verstorben am 11.01.1940 im Jüdischen Altersheim
Stolperstein verlegt am 26.05.2026
Milli Loewenthal
*01.06.1902 in Gießen
gelohen nach Großbritannien
überlebte
Stolperstein verlegt am 26.05.2026
Standort Stolpersteine in Karte folgt
Richard Loewenthal, Sohn von Julius und Ernestine Loewenthal, wurde am 21. Dezember 1870 in Sophiental, Kreis Lesbus, geboren. Er gründete 1896 in Gießen ein Geschäft für Weißwäsche und Kurzwaren in der Bahnhofstraße 1 und führte dieses bis 1930 gemeinsam mit seiner am 28.10.1869 in Mannheim geborenen Ehefrau Karoline geborene Schuster. Geheiratet hatten die beiden am 23.3.1898 in Mannheim. Am 14.8.1899 kam Tochter Elsezur Welt, Tochter Milli folgte am 1.6.1902. Die Familie lebte lange Jahre in einer Wohnung im Geschäftshaus in der Bahnhofstraße 1. Else und Milli waren Schülerinnen des Lyzeums, der späteren Ricarda-Huch-Schule Die Familienmitglieder gehörten der Liberalen Israelitischen Jüdischen Gemeinde an. 1930 zogen Richard, Karoline und Milli nach der Insolvenz/Geschäftsaufgabe in die Bleichstraße 30. Die Eltern teilten sich mit der Tochter Milli die Dachgeschosswohnung, wobei Tochter Milli davon zwei Räume bezog. So konnte sie dort auch ihre KlavierschülerInnen unterrichteten. Tochter Else heiratete 1922 den Leipziger Felix Zülzer und zog im gleichen Jahr mit ihm in seine Heimatstadt. Beide wurden im Februar 1943 von Leipzig über Berlin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Bisher gibt es in Leipzig keinen Stolperstein für das Ehepaar.
Milli belegte nach ihrer Schulzeit in Gießen Seminare bei Musikdirektor Gustav Trautmann und schloss 1924 in Karlsruhe am Badischen Konservatorium für Musik eine Ausbildung als Klavierlehrerin ab. Sie begann in Gießen, private Klavierstunden zu geben, Sie bildete sich weiter und schaffte es - neben dem Erteilen von Klavierunterricht - in die Meisterklasse Willy Renners in Frankfurt. Sie trat in Gießen, Wetzlar und Frankfurt in Konzerten auf, auch als Solistin.
Nach der Machtergreifung wurde sie 1934 aus dem Verband der Musik- und Tonlehrerinnen ausgeschlossen, da sie Jüdin war. Das war ein faktisches Berufsverbot. Auch war es ihr ab 1934/1935 nicht mehr erlaubt, anderen außer Juden Klavierunterricht zu erteilen. Ab 1935 war sie Organistin der Liberalen Synagoge. Diese Stelle bot jedoch kaum mehr als ein Taschengeld. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10.11.1938 wurde die Synagoge in der Südanlage niedergebrannt, so dass Milli fast jegliches Einkommen verlor. So entschloss sie sich, auch wegen der zunehmenden Repressionen, Deutschland zu verlassen.Milli Loewenthal gelang die Auswanderung/Flucht nach Groß Britannien. Dort wurde am 9.7.1939 in Richmond/England gemeldet, wohnte später lange Jahre in Reading, 74 Castle Hill.
Richard und Karoline Loewenthal kamen nach dem Wegzug der Tochter und dem Verlust der Wohnung in der Bleichstraße 30 in verschiedene Altersheime. Karoline Loewenthal brachte man im sogenannten Jüdischen Altersheim unter. Es war das „Judenhaus“, in der Walltorstraße 48 in Gießen, das schon zu dieser Zeit völlig überbelegt war. Sie verstarb ein halbes Jahr nach dem Wegzug der Tochter Milli, am 11. Januar 1940. Richard Loewenthal kam ins Israelitische Männerheim (Altenheim) nach Bad Nauheim, Frankfurter Straße. 63/65. Im Februar 1942 wurde er, wie alle anderen verbliebenen Heimbewohner nach Frankfurt zwangsverlegt, ins ehemalige Israelitische Krankenhaus in der Gagernstraße 36. Die Versorgung und Pflegesituation dort – nun nicht mehr im Besitz der Jüdischen Gemeinde - war Anfang 1942 katastrophal. Die Strapazen überlebte er nicht und verstarb am 15.2.1942, angeblich an „Herzschwäche und Dickdarmkrebs“. Er wird auf dem Erinnerungsmal (kein Grabstein) in Bad Nauheim als ehemaliger Heimbewohner namentlich mit aufgeführt.
Milli Loewenthal überlebte den Krieg in Richmond bei London, arbeitete zunächst als Dienstmädchen, später als Vertretungslehrerin für Musik an einer Privatschule. Sie klagte Mitte der 1950er Jahre auf Entschädigung gegen das Land Hessen, wodurch ihre persönlichen Erfahrungen in Gießen unter der Nazi-Herrschaft erhalten sind (Staatsarchiv Wiesbaden, Akte 518/46119). Erst nach einem Widerspruchsverfahren erhielt sie eine Entschädigung in Form einer lebenslangen Rente. Milli Loewenthal starb 71jährig in einem Altersheim in Kew bei London im 15.11.1973.
Text: Stefanie Berger