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15.05.2026

"Liebknecht. Ein Auszug" - Fünftägiges Happening im Wilhelm-Liebknecht-Jahr

Liebknecht200 - Logo
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Dienstag, 16. bis Samstag, 20. Juni 2026, Kirchenplatz Gießen
Dienstag bis Freitag, 10:00 bis 18:00 Uhr, Samstag 10:00 bis 15:00 Uhr

Im August 1846 war Gießen Schauplatz studentischer Proteste, an denen Wilhelm Liebknecht als junger Student federführend beteiligt war. Die Studierenden riefen damals zum Streik auf, bevor es den Begriff überhaupt gab, sie waren ihrer Zeit weit voraus. Das Gießener Künstler:innenkollektiv gärtnerpflichten hat zu diesem historischen Ereignis eine partizipative Performance entwickelt, die Fragen der Protestkultur verhandelt. Vom 16. bis zum 20. Juni lädt gärtnerpflichten die Stadtgesellschaft auf dem Kirchenplatz in Gießen dazu ein, sich an dieser Performance aktiv zu beteiligen. Ihre Überzeugung: Gerade in politisch bewegten Zeiten lohnt es sich, an Menschen wie Liebknecht zu erinnern, nicht als Denkmal, sondern als Herausforderung für die Gegenwart: „Im Jubiläumsjahr Liebknecht200 greifen wir den widerständigen Auszug der Gießener Studierenden nach Staufenberg auf und fragen: Wofür würden wir heute gemeinsam kämpfen? Welche Überzeugung gibt uns den Anlass, uns zu bewegen? Weshalb würden wir unsere Kisten packen und ausziehen?“, so gärtnerpflichten zu Liebknecht. Ein Auszug.

gärtnerpflichten über ihr Happening

Crew der Veranstaltung "Liebknecht. Ein Auszug" (von links): Leander Ripchinsky, Esther Steinbrecher, Jörg Wagner, Ingke Günther, Manuela Weichenrieder, Oliver Behnecke © Greta Klein
Crew der Veranstaltung "Liebknecht. Ein Auszug" (von links): Leander Ripchinsky, Esther Steinbrecher, Jörg Wagner, Ingke Günther, Manuela Weichenrieder, Oliver Behnecke © Greta Klein

Wilhelm Liebknecht war ein streitbarer Geist.
Widerständig und beharrlich.
Scheute keine Konflikte.
In den Gründungsjahren des deutschen Kaiserreichs agierte er als revolutionärer Radikaldemokrat.

Nahm es mit dem mächtigen Reichskanzler Bismarck auf.
Und mit der Leitung der Gießener Universität.
In Zeiten, in denen Militarismus, Ungleichheit und Unterdrückung den preußischen Obrigkeitsstaat auszeichneten, setzte er sich ein für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Frieden.

Und war Mitbegründer einer Partei, die noch heute das Wort „sozial“ im Namen trägt.
Bereits mit 20 Jahren organisierte Liebknecht einen wegweisenden Protest:
den Auszug der Gießener Studenten nach Staufenberg.
Der Auslöser: die brutale Behandlung eines Kommilitonen durch die Obrigkeit.
Die Reaktion: Die Studenten packten ihre Bündel und verließen die Stadt.
Ein politischer Streik, avant la lettre.*
Denn schon damals galt: Wenn die Studierenden gehen, wird es still in der Stadt.
Die Hörsäle leer, die Kneipen auch.
Der studentische Protest dauerte vier Tage und machte internationale Schlagzeilen.
Die Bürger:innen Gießens begrüßten die Rückkehr der „Studentenmeute“.
Solidarität!

Gerade in politisch bewegten Zeiten lohnt es sich, an Menschen wie Liebknecht zu erinnern, nicht als Denkmal, sondern als Herausforderung. Im Jubiläumsjahr Liebknecht200 greifen wir den widerständigen Auszug der Gießener Studierenden nach Staufenberg auf und fragen:

Wofür würden wir heute gemeinsam kämpfen?
Welche Überzeugung gibt uns den Anlass, uns zu bewegen?
Weshalb würden wir unsere Kisten packen und ausziehen?

Wir wollen es wissen und rufen zum gemeinsamen Auszug aus! Vier Tage wird die Basis für die Protest-Zukunft Gießens gelegt – mit Energie, der revolutionären Kraft des Humors und vielen Händen. Studierende! Gießener:innen! Schließt euch an!

In unmittelbarer Nähe zu Liebknechts Geburtshaus sind wir vorbereitet:

„Ob studiert oder nicht,
ob arm oder reich,
ob alt oder jung,
ob Hund oder Katz:
Unser Treffpunkt: Kirchenplatz!“

Bist DU dabei?!
Auf zum Auszug!

* „Avant la lettre“ (französisch für „vor dem Buchstaben/dem Schriftzeichen“) bedeutet, dass etwas existierte, bevor der entsprechende Begriff, die Bezeichnung oder das Konzept dafür erfunden wurde. Es beschreibt eine Idee oder Person, die ihrer Zeit voraus war.

www.gaertnerpflichten.org , info@gaertnerpflichten.org 

Was war 1846 in Gießen geschehen?

Nachdem ein Polizist einem Studenten einen Säbelhieb ins Gesicht versetzt hatte, protestierten Gießener Studenten Anfang August 1846 gegen diese Beamtenwillkür, unter ihnen der 20-jährige Wilhelm Liebknecht. Die städtischen Behörden verhängten daraufhin ein Versammlungs- und Ausgangsverbot und zogen Kavallerie aus Butzbach hinzu, um diese Regeln durchzusetzen. Rund 400 Studenten zogen daraufhin zur Burgruine Staufenberg und quartierten sich im gleichnamigen Dorf ein. Als Abgesandte kehrten Wilhelm Liebknecht und ein Kommilitone nach Gießen zurück, um vor dem Universitäts-Senat den Abzug des Militärs zu fordern. Das persönliche Risiko war groß, denn sie riskierten, eingekerkert zu werden. Liebknecht soll vor dem Universitätssenat seine erste öffentliche Rede gehalten haben. Zunächst fand die Forderung der Studenten kein Gehör, aber die Gießener Bürgerschaft hatte ein großes, vor allem auch wirtschaftliches Interesse an der Rückkehr der Studenten. Schließlich wurde ihrer Forderung entsprochen, das Militär verließ die Stadt und den „Auszüglern“ wurde eine Amnestie in Aussicht gestellt. Am 9. August 1846 zogen sie mit wehenden Fahnen zurück nach Gießen, „sehr zur Erleichterung der Bier- und Speisewirte, Metzger, Schuster, Scheider, Kaufleute und natürlich der Vermieter der ,Studentenbuden‘“*.  Trotz der zugesagten Amnestie erhielt Liebknecht ein sogenanntes „consilium abeundi“, d.h. er wurde „halbamtlich“ aufgefordert, die Universität zu verlassen, um einem offiziellen Verweis zu entgehen. Liebknecht verließ Gießen und studierte fortan in Marburg.
[Quelle: Wolfgang Schröder, Wilhelm Liebknecht, Soldat der Revolution, Parteiführer, Parlamentarier, Karl Dietz Verlag Berlin 2013, *Zitat: Schröder, Seite 34]


„Liebknecht. Ein Auszug“ wird gefördert von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, der Sparkassen Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Gemeinnützigen Stiftung Sparkasse Gießen. Die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte ist Hauptförderer.

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