Misteln gefährden Streuobstwiesen
Gemeinsame Informationskampagne für den Erhalt unserer Kulturlandschaft
Miraculix benötigt sie für seinen Zaubertrank und ein Kuss unter ihnen verspricht ewige Liebe – kein Wunder, dass die immergrünen Mistelzweige in der anstehenden dunklen Jahreszeit ein beliebtes Deko-Element sind. Doch die Laubholzmistel (Viscum album) stellt zunehmend eine Gefahr für Streuobstbestände dar. Das ist fatal, denn Streuobstwiesen sind wahre Naturschätze: Bis zu 5.000 Tier- und Pflanzenarten finden hier eine Heimat.
Problempflanze Mistel
Misteln sind parasitäre Pflanzen. Als sogenannte Halbschmarotzer zapfen sie die Leitbahnen ihrer Wirtspflanzen (häufig Apfelbäume) an und entziehen ihnen Wasser und Nährstoffe. „Gerade in Zeiten des Klimawandels, mit zunehmend heißeren und trockeneren Sommern führt ein starker Mistelbefall zu einer zusätzlichen Schwächung der Bäume", berichtet Andreas Baumann, der Leiter des Streuobstwiesenzentrums Hessen. Im Extremfall kann ein starker Befall mit Misteln auch zum Absterben eines Baumes führen. Eine weitere Gefahr droht im Winter: Aufgrund der größeren Auflagefläche brechen Äste mit starkem Mistelbefall besonders häufig unter der Last von Schnee. Die offenen Wunden sind dann wiederum eine Eintrittspforte für Pilze und andere Krankheitserreger. Obwohl Misteln eine gewisse ökologische Bedeutung haben, sollten sie daher immer aus Obstbäumen entfernt werden.
Vielfältiges Engagement
Mit einer gemeinsamen Informationskampagne möchten der DVL Hessen und das Streuobstwiesenzentrum Hessen auf die Gefahr hinweisen, die von Misteln für die befallenen Bäume ausgeht. „Die Hessischen Landschaftspflegeverbände setzen sich auf vielfältige und kreative Weise für den Erhalt der Streuobstwiesen und gegen die Ausbreitung der Misteln ein. Diese Arbeit wollen wir sichtbar machen“, erklärt Dietmar Simmering. Er leitet die Koordinierungsstelle Hessen des Deutschen Verbands für Landschaftspflege (DVL) e.V.
In den kommenden Wochen wird der DVL auf seinen Social-Media-Kanälen daher regelmäßigüber die Arbeit der Landschaftspflegeverbände berichten (www.facebook.com/DVL.Hessen und https://www.instagram.com/dvl_hessen/). Simmering und Baumann hoffen auch, dadurch mit einem Mythos aufräumen zu können.
Mythos "Naturschutz"
„Der Mythos, dass Misteln geschützt seien, hält sich leider hartnäckig“, erklärt Andreas Baumann. Dabei ist das ein Irrglaube. Misteln stehen nicht unter Naturschutz, sondern dürfen ganzjährig aus den Bäumen entfernt werden. Lediglich wenn eine gewerbliche Nutzung geplant ist, bedarf es vorab einer Genehmigung durch die zuständige Naturschutzbehörde.
Vielleicht hängt dieser Irrglaube auch damit zusammen, dass Misteln früher deutlich seltener waren. Doch in den letzten Jahrzehnten haben sich Misteln in ganz Deutschland stark ausgebreitet. Auch in Hessen sind fast alle Streuobstgebiete betroffen. Diese starke Zunahme der Misteln hat verschiedene Ursachen: Dazu gehört die mangelnde Pflege vieler Streuobstbestände. Werden Misteln regelmäßig entfernt, erreichen sie erst gar nicht das Alter, wo sie Samen bilden. Heute ist diese Pflege aber nicht mehr überall gegeben. Daher können Misteln in kurzer Zeit große Baumbestände stark befallen.
Auch andere Baumarten betroffen
Aber auch klimatische Veränderungen scheinen eine Rolle zu spielen. Es gibt mehrere Arten von Misteln. Aber nur eine Art, die Laubholzmistel (Viscum album) befällt Obstbäume. In erste Linie sind Apfelbäume betroen, aber teilweise auch Birnbäume. Kirschen und Zwetschgen bleiben dagegen bislang verschont.
Neben Obstbäumen befällt die Laubholzmistel aber auch viele andere Baumarten, wie etwa Pappeln und Weiden an Gewässern, oder Ahorne und Linden an Waldrändern oder Feldgehölzen. Auch diese sind deutlich stärker befallen als früher. Durch die zunehmend wärmeren Temperaturen verbessern sich oenbar die Wachstumsbedingungen von Misteln.
„Es sind zunehmend auch Bäume in innerstädtischen Grünflächen, Parks oder Friedhöfen stark mit Misteln befallen. Eine Umfrage unter den Landschaftspflegeverbänden in Hessen bestätigt dieses Bild eindeutig“, erklärt Dietmar Simmering. „Auch von diesen befallenen Bäumen aus verbreitet sich die Mistel immer weiter und infiziert weitere Obstbestände.“
Lebensweise Misteln
Misteln verbreiten sich hauptsächlich durch Vögel, die die Samen fressen. Dazu gehören etwa Misteldrossel und Mönchsgrasmücke. Die Mistelsamen sind von einem weißen und klebrigen Fruchtfleisch umgeben. Dadurch bleiben sie teilweise am Schnabel der Vögel haften. Diese streifen die Samen dann an den Ästen anderer Bäume ab. Die Mistel kann sich aber auch dann weiterverbreiten, wenn die Vögel den Samen verschlucken: Sie können den mit Schleim umhüllten Samen nicht verdauen und scheiden ihn wieder aus.
Anschließend keimen die grünen Embryonen in den Samenkernen. Sobald die Spitze des Keimlings die Baumrinde erreicht, bildet sich eine Haftscheibe. Aus dieser entsteht dann ein Keil, der die Rinde durchdringt und anschließend ein Saugfortsatz (Haustorium). Dadurch breitet sich die junge Mistel langsam in den Leitbahnen des Astes aus. In den kommenden Jahren bilden sogenannte Senkerwurzeln, die weiter in das Leitungsgewebe des Baumes eindringen und selbst auch wieder in der Lage sind, neue Senker sowie Wurzelsprosse auszubilden.
Handeln für den Erhalt unserer Kulturlandschaft
Es ist höchste Zeit, die Gefährdung durch die Laubholzmistel ernst zu nehmen. Die Initiatoren appellieren an alle: Setzen Sie sich für den Erhalt der Streuobstwiesen ein und entfernen Sie Misteln aus Ihren Bäumen. Nur durch gemeinsame Anstrengungen kann es gelingen, die Mistel unter Kontrolle zu bringen und die Lebensräume für viele Arten zu bewahren.
Für Rückfragen und weiterführende Informationen stehen Ihnen das SZH und der DVL gerne zur Verfügung.
Über das Streuobstwiesenzentrum Hessen (SZH):
Das SZH in Flörsheim am Main ist eine zentrale Einrichtung für Beratung und Vernetzung rund um Streuobstwiesen in Hessen. Es vermittelt Wissen über deren ökologische Bedeutung, unterstützt Projekte und fördert das Bewusstsein für den Wert dieser einzigartigen Kulturlandschaft. Gefördert wird das Projekt vom Hessischen Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat (HMLU). Projektträger ist derLandschaftspflegeverband Main-Taunus-Kreis.
Über den DVL Hessen:
Der Deutsche Verband für Landschaftspflege e. V. (DVL) ist der Dachverband der Landschaftspflegeverbände. Die DVL-Koordinierungsstelle Hessen berät und unterstützt die Arbeit der 18 hessenweit tätigen Landschaftspflegeverbände und ihre Mitglieder. Sie wird ebenfalls vom HMLU gefördert.
Kontakt:
Andreas Baumann
Projektleitung
Streuobstwiesenzentrum Hessen
andreas.baumann@streuobstzentrum-hessen.de
06145 355 76 98
https://streuobstzentrum-hessen.de
Dr. Dietmar Simmering
Landeskoordinator
Deutscher Verband für Landschaftspflege (DVL) e.V.
Koordinierungsstelle Hessen
d.simmering@dvl.org
06408 / 96978-28
https://www.hessen.dvl.org/
Quelle: Deutscher Verband für Landschaftspflege (DVL) e.V.; Streuobstwiesenzentrum Hessen