Menschen werden zu Büchern in der Lebenden Bibliothek
Im Gießener Dönerdreieck kam es am vergangenen Samstag zu vielen ungewöhnlichen Begegnungen. Fremde Menschen kamen zusammen, um von ihren persönlichen Geschichten zu berichten und voneinander zu lernen. Das fand statt im Rahmen der ersten „Lebenden Bibliothek“ in Gießen. Lebende Bibliotheken werden seit mehr als 20 Jahren europaweit eingesetzt, um Dialog zu fördern und Vorurteile abzubauen. In Gießen wurde die Veranstaltung gemeinsam von der Gemeinwesenarbeit der Stadt Gießen, dem Verein transit-giessen e.V. und dem Büro für Einfache und Leichte Sprache der Lebenshilfe Gießen organisiert.
Von 14 bis 17 Uhr verwandelte sich der Raum Walltor 3 in der Walltorstraße in eine Bibliothek der besonderen Art: Zehn Menschen aus dem Viertel wurden für einen Tag zu „lebenden Büchern“. Besucherinnen und Besucher konnten am Eingang durch Buchkarten blättern, ein „Buch“ auswählen und sich dessen Geschichte im persönlichen Tischgespräch erzählen lassen.
Die lebenden Bücher erzählten vom Ankommen in Gießen, von Kindheitserinnerungen, Träumen, Umwegen, Mut und Neuanfängen. Nach jeder Erzählung blieb Zeit für Fragen, Gespräche und Austausch. „Wir waren sehr positiv überrascht vom großen und breiten Interesse an der Veranstaltung“, berichtet Johann Erdmann von der Sozialen Stadterneuerung der Stadt Gießen. „Es kamen sowohl Menschen aus dem Viertel selbst als auch aus der Region, die sich aufrichtig für die lebenden Bücher interessiert haben.“ Besonders wertvoll sei auch die Rückmeldung der „Bücher“ selbst gewesen: „Sie haben uns gesagt, dass ihnen große Wertschätzung entgegengebracht wurde.“ Ziel der Veranstaltung war es, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen einander offen und vorurteilsfrei begegnen können. Dieses Ziel sei erreicht worden, so Erdmann: „Es kamen Menschen miteinander in Kontakt, die sich sonst vielleicht nie gesprochen hätten. Sie haben Sensibilität für die Lebenswelten anderer gezeigt und entwickelt. Das ist etwas, das in Zeiten von Filterblasen immer schwerer wird.“
Zu den lebenden Büchern gehörte unter anderem Abraham, der Betreiber der Enjoy-Bar im Dönerdreieck. In seiner Geschichte erzählte er von seiner Kindheit in Eritrea, seinem Weg nach Gießen und davon, wie er Anfang der 2000er Jahre seine eigene Bar eröffnete. „Es war für mich auch schön, mich an bestimmte Momente meiner Kindheit zurückzuerinnern“, sagte er am Ende der Veranstaltung. Weitere Bücher berichteten von jahrzehntelanger Freundschaft und sozialem Engagement, oder davon, wie es ist, mit fast 60 Jahren lesen zu lernen.
„Die Veranstaltung hat einen Nerv getroffen“, so Erdmann. „Sie hat uns einmal mehr gezeigt, welche Kraft von echter, physischer Begegnung ausgeht und dass Räume dafür heute wichtiger denn je sind.“
Die Veranstalter*innen danken der Arbeitsloseninitiative e.V. für die aufmerksame und professionelle Versorgung der Gäste, Anna-Paula Wichert für die Gestaltung von Flyern, Plakaten und Buchkarten und nicht zuletzt den lebenden Büchern selbst für ihre Offenheit, ihre Zeit und ihre Geschichten.