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27.10.2026

Demokratie ist ein dynamischer Prozess

Wertvolle Impulse und Ideen bei der Ars Democratica in Gießen

Zwei Tage lang standen die Gießener Kongresshalle und zentrale öffentliche Orte wie der Kirchenplatz im Zeichen der Ars Democratica. Der innovative Festigress für politische Bildung bildete den Höhepunkt des Wilhelm-Liebknecht-Jahres »Liebknecht200«, mit dem die Stadt den 200. Geburtstag des in Gießen geborenen großen Sozialdemokraten (1826–1900) feiert.

Das Programm, das politische Bildung mit performativen Methoden verband, zeichnete sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt aus: Austausch und Diskurs trafen auf Impulsvorträge, Konzerte, Workshops und künstlerische Performances – darunter ein Auftritt der Berliner Gruppe andcompany&Co. Ein Audiowalk, eine Kunstinstallation sowie ein musikalisch-literarischer Abend im Kleinen Haus des Stadttheaters rundeten das Angebot ab.

Etwa 400 Besucher*innen nutzten die Gelegenheit, um an den rund 25 Veranstaltungen zu den Themenkomplexen Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung und Demokratieentwicklung teilzunehmen.
Die Bandbreite der Fachforen war groß: Expertinnen und Experten leiteten interaktive Workshops wie „Wem gehört der Raum?“ (Irfan Taufik), „Feminist Leadership“ (Katja Sonnemann) oder das Demokratietraining „Betzavta – miteinander demokratisch handeln“ (Danny Zuber, Sophia Brostean-Kaiser). Als besonderes Highlight im Rahmen der „Liebknecht Specials“ bot die Gruppe „Radikale Töchter“ einen „Mut-Muskel-Workshop“ an. Auch die Impulsvorträge spannten einen weiten Bogen von historischen Themen mit aktuellem Bezug – wie Tobias Daurs Beitrag „Wilhelm Liebknecht – Gemeinwohlökonom“ – bis zu Freya Lindemanns Analyse zu „Beziehungen mit Chatbots? Die emotionalen Auswirkungen von KI“.

Liebknechts Erbe bleibt lebendig
Dr. Stefan Neubacher, Leiter des Gießener Kulturamts und Initiator von Liebknecht200, zieht eine positive Bilanz: „Unser Ziel war es, mit neuen Perspektiven und Ansätzen für künftiges demokratisches Engagement zu inspirieren – und das ist uns gelungen. Der lebendige Austausch hat viele wertvolle Impulse und konkrete Ideen für die künftige politische Arbeit hervorgebracht.“

Bereits in seiner Eröffnungsrede hatte Gießens Oberbürgermeister und Kulturdezernent Frank-Tilo Becher betont, dass die Gesellschaft bis heute von Liebknechts Kampf für Bildung, Frieden, soziale Gerechtigkeit und Demokratie profitiert. Gleichzeitig seien Fragen, die schon Liebknecht beschäftigten, bis heute aktuell, zum Beispiel: „Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum?“ oder „Wie schaffen wir die Bedingungen dafür, dass jedes Kind gut lernen kann?“ Vor diesem Hintergrund appellierte der Oberbürgermeister an das Publikum: „Lassen Sie uns neugierig auf die Erfahrungen anderer sein!“

Demokratie als dynamischer Prozess
Dr. Kai-Michael Sprenger, Direktor der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, betonte als Vertreter einer der Förderinstitutionen des Wilhelm-Liebknecht-Jahres, dass Demokratie kein
statischer Zustand sei. Vielmehr handele es sich um einen fortlaufenden Prozess, der immer wieder aufs Neue Debatte, Diskussion und lebendigen Austausch brauche.
Zudem hob Sprenger hervor, wie wichtig das lebendige Gedenken an historische Vorkämpfer ist: Die Erinnerung an Menschen, die sich in der Vergangenheit für die Demokratie eingesetzt haben, sei unverzichtbar – weshalb Persönlichkeiten wie Wilhelm Liebknecht auch heute noch als bedeutende „Erinnerungsorte“ fungieren können.

Partizipatives Format
Zum Auftakt der Ars Democratica setzten die Kuratoren Dominik Breuer und Gunnar Seidel vom „Brachland-Ensemble“ auf Partizipation. So hatte das Publikum, das in kleinen Gruppen an Tischen saß, genau eine Minute Zeit, um Ideen für die Lösung eines gesellschaftlichen Problems zu sammeln und anschließend via Gruppensprecher*in dem Publikum zu präsentieren. Das Ergebnis: Sogar in einem sehr kurzen Brainstorming zu Problemfeldern wie Klimawandel, häusliche Gewalt oder der Politik Donald Trumps können in kürzester Zeit Ideen für Lösungen gefunden werden, selbst wenn sie (noch) utopisch sind. Das Experiment untermauerte das Credo der Brachland-Macher: „Vieles in der Welt ist positiver, als wir glauben.“ Ein Beispiel: Die Anzahl der Atomwaffen wurde weltweit nach Ende des sogenannten Kalten Krieges um 80 Prozent minimiert.

Austausch und Diskurs zum Thema Frieden
Unterschiedliche Perspektiven auf das Thema Frieden prägten am Freitag fünf parallele Gesprächsrunden, jeweils nach rund 25 Minuten hatten die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, zu einer anderen Runde zu wechseln, so dass sie an bis zu drei Gesprächsrunden teilnehmen konnten.

Marianne Liebknecht – Enkelin von Karl und Urenkelin von Wilhelm Liebknecht, 1941 im französischen Exil geboren – sprach über ihre „Biografie als Auftrag“, die sie zur Friedensaktivistin machte. Dr. Stefan Kroll vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung betonte, dass militärische Verteidigungsfähigkeit zwar notwendig, „Maßnahmen der Rüstungskontrolle“ für den Friedenserhalt jedoch ebenso essenziell seien. Die Gießener Kinderärztin Dr. Ulrike Kilic berichtete von ihren Einsätzen für „Ärzte ohne Grenzen" in Indien, Haiti und dem Tschad. Die weltweit aktive Organisation sorgt in Krisen und Kriegsgebieten für medizinische Versorgung, gleichzeitig ist sie ein wichtiger Arbeitgeber vor Ort: Laut Kilic sind 70 bis 80 Prozent der Mitarbeitenden Einheimische. Humanitäre Hilfe verstehe sich bei "Ärzte ohne Grenzen" als Hilfe zur Selbsthilfe, die friedensstiftend wirken könne. Dr. Gabriel Brand, unter anderem Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Gießen, hob hervor, dass Religionen ein friedensstiftendes Potenzial entfalten, wenn sie einen „Raum für Dialog“ schaffen. Die Runde komplettierte der Politikwissenschaftler Timo Feilen mit seinem Beitrag über eine „Wehrhafte Demokratie, kriegstüchtige Bundeswehr? Anmerkungen zur Geschichte einer Debatte“.

Das Fazit des 71-jährigen Gießeners Michael Bär fiel positiv aus: „Ich habe neue Sichtweisen und Argumente kennengelernt; die Interaktion mit den verschiedenen Menschen war spannend.“

Austausch und Diskurs zum Thema Demokratie(entwicklung)
Am Samstag gab es zum Thema Demokratieentwicklung fünf parallele Gesprächsrunden. Der Sozial-Aktivist und Autor Ali Can forderte mehr „kommunale Räume der Begegnung“, um im direkten Austausch Vorurteile und Rassismus abzubauen. Anja Mielke von der KniggeAkademie verdeutlichte, dass es Adolph Freiherr von Knigge, der heute für seine Benimmregeln bekannt ist, vor allem um „Freiheit und Gleichheit für jeden Menschen, jenseits von Rang, Titel und Macht“ ging. In seinem Bestseller von 1788 „Über den Umgang mit Menschen“ habe Knigge demokratische Tugenden wie
die Fähigkeit, anderen zuhören zu können und sich für sie zu interessieren propagiert. Weitere Gesprächsrunden gab es mit der Gießener Politikwissenschaftlerin Prof. Dorothée de Nève, der Geschäftsführerin des Netzwerks LandHessinnen Kerstin Weis, und Prof. Lars Mayer, der zu den Themen Soziale Arbeit, Demokratie und Politische Bildung arbeitet.

Workshop thematisiert demokratische Entscheidungsprozesse
Clara Ehrenwerth, Autorin und Spieleentwicklerin beim Game-Theater-Kollektiv machina eX, lud die rund 20 Teilnehmenden ihres Workshops zunächst zu einem Gedankenexperiment ein: Sie sollten sich vorstellen, gemeinsam ein Haus zu kaufen, um dort zu leben. In dieser fiktiven Situation mussten sie viele gemeinschaftliche Entscheidungen treffen– eine praktische Erfahrung für die Gruppe, wie unterschiedlich demokratische Prozesse gestaltet werden können. Darf man bei vier Entscheidungsmöglichkeiten nur eine Stimme abgeben oder dürfen es auch zwei sein? Wer entscheidet darüber, in welcher Form abgestimmt wird? Welche Mehrheiten müssen gefunden werden, damit eine Entscheidung getroffen werden kann, mit der alle zufrieden sind? Teilnehmerin Doris Wirkner (58); Politologin aus Gießen, fasst ihre Erfahrung mit Clara Ehrenwerths Workshop so zusammen: „Demokratie ist anstrengend, aber demokratische Prozesse sind die einzige Möglichkeit, sich einzubringen und gemeinschaftlich zu gestalten.“ Sie war gemeinsam mit Lucia Lang aus Leihgestern beim Workshop. Die 12-jährige Schülerin engagiert sich schon jetzt bei einem Verein namens „Colourful future“, der sich für ein vielfältiges Zusammenleben einsetzt.

Die Konzerte bildeten den furiosen Schlusspunkt beider Festigress-Abende: Während die Berliner Sängerin und Songschreiberin Bernadette La Hengst das Publikum am Freitag in der Kongresshalle in ausgelassene Tanzstimmung versetzte, zog Fritzi Ernst am Samstag die Besucher im Rahmen ihrer „Introvert Tour“ in ihren Bann.

Eindrucksvoll war auch der musikalisch-literarische Abend im Kleinen Haus des Stadttheaters „Freiheit heißt der letzte König“ mit Musik von Woody Guthrie bis zu „Ton Steine Scherben“. Eingeblendete Zitate von Wilhelm-Liebknecht sorgten immer wieder für eine direkten Bezug zum berühmten Sohn der Stadt. Der junge Regisseur Aleksandr Kapeliush gestaltete den Abend gemeinsam mit den Ensemble-Mitgliedern Carolin Weber, Ben Janssen und Joey Nashaa Scholl.

Das Wilhelm-Liebknecht-Jahr geht weiter
Am 6. Dezember, 18 Uhr, steht „Freiheit heißt der letzte König“ erneut auf dem Programm im Kleinen Haus des Stadttheaters Gießen, mehr dazu hier. Die Ausstellung »Von Barrikaden und Parlamenten. Wilhelm Liebknechts Ideen für die Demokratie« im Museum für Gießen ist noch bis zum 31. Januar 2027 zu sehen. Zur digitalen Ausstellung geht es hier. 

Am Donnerstag, 5. November, und Freitag, 6. November 2026, organisiert die Justus-Liebig-Universität Gießen mit dem Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Universitätsstadt unter dem Titel »Demokratie made in Gießen« eine Konferenz zum 200. Geburtstag Wilhelm Liebknechts, die sich an ein akademisches Publikum richtet. Eine Anmeldung per E-Mail ist noch möglich: demokratie-made-in-giessen@uni-giessen.de

Die Ars Democratica wurde von der Stadt Gießen in Zusammenarbeit mit dem Brachland-Ensemble und Greta Katharina Klein ausgerichtet. Liebknecht200 (darunter die Liebknecht Specials) wird gefördert durch die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Gemeinnützige Stiftung Sparkasse Gießen und den SPD-Bundesverband. Die Ars Democratica wurde zudem gefördert durch die Bundeszentrale für Poltische Bildung.

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