Aufsuchende Jugendsozialarbeit: 25 Jahre Jugendarbeit auf der Straße
Die Aufsuchende Jugendsozialarbeit der Stadt Gießen feiert Jubiläum. Seit 25 Jahren sind die Fachkräfte unterwegs auf Gießens Straßen, suchen Jugendgruppen auf, bieten Unterstützung an und setzen sich für die Interessen junger Menschen ein.
Im Jahr 1999 wurde sich in Gießen erstmals für ein mobiles und neues Konzept der Jugendarbeit entschieden. Zunächst als zeitlich befristetes Projekt wurde die Aufsuchende Jugendsozialarbeit (AJS) in der Abteilung Kinder- und Jugendförderung im Jugendamt verortet. Mit dem Ziel, Jugendarbeit auf die Straße zu bringen, traten die Sozialarbeiter ihre Tätigkeit an. Im Fokus der Arbeit standen jene junge Menschen, die von den bestehenden Angeboten nicht erreicht werden. Sie leben häufig in prekären Lebenslagen und haben zahlreiche negative Erfahrungen mit dem Hilfesystem gesammelt. Misstrauen, Beziehungsabbrüche und eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft kennzeichnen diesen Personenkreis. Die Fachkräfte der AJS gehen mit viel Offenheit und Interesse auf junge Menschen zu. Sie suchen Jugendgruppen an ihren Treffpunkten auf, sind in Parks, Fußgängerzonen, auf Schulhöfen und in Einkaufszentren unterwegs. Dabei setzen sie auf Beziehungsarbeit, Vertraulichkeit und Flexibilität.
Grundlegend ist der Respekt vor den Jugendlichen und ihrer Lebenswelt. Viele haben bereits traumatische Erfahrungen und schwere Schicksalsschläge erlebt. So sprechen die Sozialarbeiter mit jungen Menschen über Gewalterfahrungen in der Familie, Vernachlässigung, das Aufwachsen mit süchtigen oder psychisch erkrankten Eltern, Flucht aus dem Herkunftsland, Armut oder auch das Aufwachsen in der Jugendhilfe. Neben der Beratung gehören auch Gruppenarbeit, gemeinwesenorientierte Projekte und Vernetzung zum breiten Tätigkeitsbereich der AJS. Im Laufe der Jahre haben sich starke Kooperationsbündnisse etabliert. So pflegt das Team eine enge Zusammenarbeit mit Jugendzentren, dem Jobcenter, der Wohnungsnotfallhilfe, Schulsozialarbeitern und diversen weiteren Beratungsstellen in der Stadt Gießen. Durch diese Bündnisse können junge Menschen schnell und effektiv unterstützt und versorgt werden.
Die Arbeitsweise der AJS hat sich bewährt. Im Jahr 2007 wurden die beiden 75 %-Stellen entfristet. Damit endete der Projektstatus der AJS und sie wurde zum festen Bestandteil der Gießener Jugendhilfelandschaft. Zudem war dies ein wichtiger Schritt für die Stärkung der personellen Kontinuität im Team. So begleitet Sozialarbeiterin Tanja Klein bereits seit 2007 junge Menschen im Rahmen der Aufsuchenden Jugendsozialarbeit. Im Jahr 2022 wurden die beiden Stellen in der AJS zu Vollzeitstellen erweitert, was eine erneute Entwicklung ermöglichte.
In den vergangenen 25 Jahren hat die AJS gemeinsam mit jungen Menschen an vielen Stellen gewirkt. So engagierte sich eine Jugendgruppe in Kleinlinden erfolgreich für einen überdachten Treffpunkt im Freien sowie eine offene Jugendarbeit im Stadtteil (2007 – 2011). „25 Jahre Perestroika – wohin steuert Russland?“ mit dieser Frage im Koffer machten sich Jugendliche im Jahr 2010 auf den Weg nach St. Petersburg. Im Rahmen einer deutsch-russischen Jugendbegegnung erkundeten sie das alltägliche Leben wie auch die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten Russlands. Das „Projekt Klappstuhl“ wurde von Jugendlichen am Marktplatz ins Leben gerufen. Mit selbst gebauten Klappstühlen und einer professionellen Fotografin lichteten sie sich an öffentlichen Plätze ab und beschäftigten sich im Rahmen einer Fotoausstellung mit der Frage „Wo in Gießen haben Jugendliche (k)einen Platz?“ (2011 – 2012). Im Jahr 2016 gründete sich die Jugendinitiative „Gießener Punks“ und setzte sich für mehr Dialog mit den Bürgern und den Abbau von Vorurteilen ein. Die Punkergruppe stellte einen Förderantrag bei der Stadt Gießen und gestaltete mit Hilfe der Fördergelder einen Stand auf dem städtischen Weihnachtsmarkt. Auf diese Weise kam die Gruppe mit Bürgern, Geschäftsleuten und politischen Akteuren ins Gespräch. Auch das Projekt „StadtGestalten“ forcierte Begegnung und Dialog. Das Kunstprojekt lud am Gießener Kirchenplatz zum Zusammenkommen und Mitmachen ein. Gestärkt durch die Kooperation mit Diakonie und Arbeitsloseninitiative trafen unterschiedliche Nutzergruppen des Kirchenplatzes aufeinander und bauten Vorurteile ab. Die Kunstwerke wurden anschließend in den Schaufenstern der ansässigen Geschäfte ausgestellt (2018 – 2019). Gemeinsam mit Diakonie, Aidshilfe und der Gemeinwesenarbeit Innenstadt etablierte die AJS die Straßenzeitung giessener schwätzer. In der Redaktion arbeiteten Personen aus der Straßenszene gemeinsam mit Studierenden, Grafikern, Sozialarbeitern und weiteren interessierten Bürgern. So entstanden nicht nur spannende Begegnungen, sondern auch vier gelungene Zeitungsausgaben (2018 – 2022). Das jüngste Projekt ist die Mobile Kontakt- und Beratungsstelle, die seit 2023 in Betrieb ist. Mit Hilfe eines Wohnmobils, welches zum fahrbaren Büro umgebaut wurde, können junge Menschen nun unmittelbar vor Ort Unterstützung bei ihren Anliegen erhalten.
Die Mobile Kontakt- und Beratungsstelle ist ein Teilprojekt des Förderprogramms „Jugend Stärken – Brücken in die Eigenständigkeit“. Hierin werden innovative Konzepte erprobt, die Zugänge zu entkoppelten jungen Menschen schaffen. Im Zuge der Förderung wurde das Team der AJS erweitert. Neben Tanja Klein und Markus Barbir kamen 2023 noch Johannes Giesler und Elisabeth Heine hinzu. Zusätzlich verstärken vier Honorarkräfte die aufsuchende Arbeit. So wurde die AJS zum größten und entwicklungsstärksten Bereich der Abteilung Kinder- und Jugendförderung.
Durch die vielfältigen Angebote im öffentlichen Raum, die niedrigschwellige Beratung und die ständige Ausrichtung an den Interessen und Bedarfen junger Menschen erreicht die AJS eine stetig wachsende Zahl an jungen Menschen. So hat sich die Zahl der Kontakte von aufgesuchten jungen Menschen im öffentlichen Raum von 348 Kontakten im Jahr 2020 auf 2458 Kontakte im Jahr 2023 explosionsartig entwickelt. Dies bedeutet ein Anstieg um mehr als 600 %. Auch die Zahl der Beratungsgespräche ist von 358 im Jahr 2022 auf 502 im Jahr 2023 gestiegen.
Die Fachkräfte begleiten Jugendliche zum Teil über viele Jahre und bieten ihnen eine verlässliche Anlaufstelle für ihre Anliegen. Sie sind Berater, Stadtforscher, Freizeitverschönerer, Begleiter, Interessenvertretung, Vermittler, Veranstalter, Förderer – und das seit einem viertel Jahrhundert.
Mehr Informationen gibt es unter www.ajs-giessen.de.