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25.11.2022

[Gem]einsames Gedenken

Bei dem rassistischen Brandanschlag in Mölln ermordeten 1992 Neonazis drei türkische Mitbürgerinnen. Hunderte von Beileids- und Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Bundesrepublik verschwanden im Stadtarchiv Mölln und kamen erst Jahrzehnte später bei den Hinterbliebenen an. Im oberen Foyer des Stadttheaters Gießen lädt ab sofort eine Schreibstube dazu ein, Briefe an die Opferfamilien zu verfassen. Mit der Aktion unter dem Titel „(Gem)einsames Gedenken“ beginnt das „Jahr der Erinnerungskultur“ am Stadttheater unter der Künstlerischen Leitung von Ayşe Güvendiren.

Durch einen Zufall erfahren die Familien Yılmaz und Arslan von der an sie gerichteten Post: Eine Studentin wird im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit auf die Ordner im Stadtarchiv mit den gesammelten Solidaritäts- und Beileidsbekundungen aufmerksam. Sie informiert die Betroffenen. Erst auf Druck der Familien, insbesondere von İbrahim Arslan, Opfer und Überlebender des Möllner Brandanschlags, händigt die Stadt die Briefe an ihre Adressaten aus. Erst jetzt haben die Betroffenen die Möglichkeit jene Zeilen zu lesen, die ihnen vor knapp drei Jahrzehnten hätten Kraft geben können: Worte des Bedauerns, der Solidarität, der Anteilnahme. İbrahim Arslan bezeichnet diese Handhabe als "zweiten Anschlag, den zwar nicht die rechtsextremistischen Brandstifter, aber die Stadt Mölln auf sie verübt hat.“

Ein Politikum. Auf mehreren Ebenen. Denn selbst konkrete Geldspenden und Hilfsangebote, wie beispielsweise von Architekt*innen, die den Hinterbliebenen ihre fachliche Expertise zur Unterstützung bereitstellten, erreichten die Überlebenden nicht. Stattdessen stellte die Stadt Mölln den Betroffenen die Wahl, entweder in eine Geflüchtetenunterkunft zu ziehen oder in das Brandhaus zurückzukehren.

Anlässlich des 30. Jahrestages des Brandanschlages wurde im Foyer des Großen Hauses ein installativer Zufluchtsraum vorbereitet. Eine Art Dichterklause, in die man sich zurückziehen und ganz allein für sich mit seinen Gedanken sein kann, immer dann, wenn das Haus für Vorstellungen geöffnet ist. Neben Schreibmaterial steht auch Tee bereit. Hier können Botschaften verfasst werden, nicht nur an die Familien Yılmaz und Arslan, sondern auch an weitere Opferfamilien rassistischer Gewalt. Denn der Möllner Brandanschlag ist nur ein Glied einer langen rechten sowie rassistischen Gewaltkette in der Bundesrepublik Deutschland. Die hier verfassten Botschaften werden den Opferfamilien ohne Verzug zugestellt.

Das „Jahr der Erinnerungskultur“ am Stadttheater Gießen widmet sich dem würdevollen Gedenken an die Opfer von rechter und rassistischer Gewalt. Es ist der Versuch aus dem einsamen Nicht-Vergessen-Können der Überlebenden und Opferfamilien ein gemeinsames Nicht-Vergessen-Dürfen unserer Stadt zu machen. Alle sind herzlich eingeladen, Teil dieser kollektiven Erinnerungsarbeit zu werden.

In Gedenken an Yeliz Arslan, Bahide Arslan und Ayşe Yılmaz, die bei einem von Rechtsextremisten verübten Brandanschlag am 23. November 1992 ermordet wurden und in Solidarität mit den Hinterbliebenen, ihren Angehörigen, den Opfern und den Überlebenden des Möllner Mordanschlags, sowie allen weiteren Opferfamilien rechter Gewalt.

 

Quelle: Stadttheater Gießen

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