Erleben

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Walltorstraße 32 (ehem. Walltorstraße 42) - Josef, Paula, Henny und Sonja Wohlgeruch

Josef Wohlgeruch
*12.11.1892 in Warschau
20.07.1939 Flucht nach England
Stolperstein verlegt am 02.02.2023

Paula Pesla Wohlgeruch, geb. Ruß
*06.02.1899 in Kaluschyn
28.10.1938 Flucht nach Polen
deportiert ins Warschauer Ghetto
ermordet
Stolperstein verlegt am 02.02.2023

Henny Wohlgeruch, verh. Schuller
*03.07.1923 in Gießen
20.07.1939 Flucht nach England
Stolperstein verlegt am 02.02.2023

Sonja Karola Wohlgeruch
*08.12.1931 in Gießen
28.10.1938 Flucht nach Polen
deportiert ins Warschauer Ghetto
ermordet
Stolperstein verlegt am 02.02.2023

 

Standort Stolpersteine Walltorstraße 32


Josef Wohlgeruch

Josef  Hersch Wohlgeruch wurde am 12.11.1892 in Warschau geboren. Er war selbstständiger Uhrmacher. Am 26.06.1921 kamen er und Paula Pesla Ruß nach Gießen. Sie wohnten mit den Eltern von Paula, Mendel und Serka Ruß, zusammen am Marktplatz 17. Am 03.07.1923 wurde Tochter Henny geboren. Zunächst hatte Josef Wohlgeruch ein Gewerbe zum An- und Verkauf von Gold- und Silberwaren angemeldet. Dies legte er im Juli 1923 nieder. Ab Frühjahr 1928 handelte er mit Bijouteriewaren.

Am 08.12.1931 wurde Tochter Sonja Karola geboren.

Mehrfach verlegte Josef Wohlgeruch den Geschäftssitz (Neustadt 57, wieder Marktplatz 17, Steinstraße 60). Ab 01.12.1933 führte er das Geschäft als Uhrmacher und Uhrenhändler in der Walltorstraße 42 (heute Walltorstraße 32).

Im Oktober 1938 wurde Josef Wohlgeruch verhaftet. Nach einer Nacht im Gefängnis wurde er mit seiner ältesten Tochter Henny nach Polen abgeschoben. Bei der Ankunft an der polnischen Grenze durften beide nicht einreisen. Sie fuhren mit dem Zug wieder zurück in der Hoffnung, die Mutter und Tochter Sonja zu Hause anzutreffen. (siehe Brief von Henny (Ann) Wohlgeruch, verh. Schuller)

In Gießen angekommen, fanden sie die Wohnung versiegelt vor. Paula und Sonja waren zwischenzeitlich von der Polizei abgeholt und ebenfalls nach Polen ausgewiesen worden. Da die Gefahr bestand, in ein Konzentrationslager abgeschoben zu werden, versuchte Josef Wohlgeruch Visa für Belgien, Frankreich und die USA zu bekommen. Dies gelang nicht. Mit Tochter Henny flüchtete Josef Wohlgeruch am 20.07.1939 nach London.

Paula Wohlgeruch

Paula Pesla Ruß wurde am 06.02.1899 in Kaluschyn, Krs. Mazowiek Minks, als zweite Tochter der Eheleute Mendel und Serka Ruß, geb. Liebermann, geboren. Ihre Schwester Sara kam am 28.06.1892 zur Welt. Die Familie zog im Dezember 1914 von Frankfurt/Main nach Gießen. Zunächst wohnte sie in der Wettergasse 7. Nach mehreren Umzügen innerhalb der Stadt lebte Familie Ruß ab August 1917 am Marktplatz 17.

Der Vater, Mendel Ruß, war Lederarbeiter und Händler. Serka Ruß, die Mutter, handelte mit verschiedenen Artikeln. Paula verlobte sich am 03.05.1919 mit Samuel Schmulewitz, löste diese Verlobung wieder im Dezember 1920. Sie ging am 06.12.1920 nach Warschau und kehrte nach dem Tod des Vaters am 23.03.1921 am 26.06.1921 mit ihrem späteren Mann Josef Wohlgeruch nach Gießen zurück.

Am 03.07.1923 wurde Tochter Henny geboren. Paula Ruß und Josef  Wohlgeruch heirateten am 04.03.1929. Tochter Sonja Karola wurde am 08.12.1931 geboren.

Paula handelte ab 19.08.1929 mit Wäsche. Ihr Geschäft befand sich bis zur Schließung im März 1932 am Marktplatz 17.

Ab Dezember 1933 wohnte Familie Wohlgeruch in der Walltorstraße 42 – heute Walltorstraße 32.

Paula Wohlgeruch wurde unter polizeilicher Begleitung mit ihrer Tochter Sonja am 28.10.1938 nach Warschau ausgewiesen. Mutter und Tochter wurden im Warschauer Ghetto ermordet.

Henny Wohlgeruch

Henny Wohlgeruch wurde am 03.07.1923 in Gießen geboren. Ihre Eltern, der Uhrmacher Josef Wohlgeruch und Paula Ruß, heirateten im März 1929. Die Familie wohnte in der Walltorstraße 42 (heute Walltorstraße 32). Henny besuchte ab Ostern 1931 die Schillerschule – heute Haus B der Ricarda-Huch-Schule. Ostern 1938 wurde sie mit ihren Klassenkameradinnen aus der Schule entlassen.

Henny wurde mit ihrem Vater nach Polen ausgewiesen. Dort durften sie in Polen nicht einreisen und kehrten nach Gießen zurück, in der Hoffnung, die Mutter und die kleine Schwester dort noch anzutreffen. Beide waren in Gießen geblieben, um vor ihrer eigenen Ausweisung alles Notwendige zu regeln. (siehe Brief von Henny (Ann) Wohlgeruch, verh. Schuller)

In Gießen angekommen, fanden Henny und ihr Vater die Wohnung versiegelt vor. Paula und Sonja waren zwischenzeitlich von der Polizei abgeholt und ebenfalls nach Polen ausgewiesen worden. Da für Henny und ihren Vater die Gefahr bestand, in ein Konzentrationslager abgeschoben zu werden, versuchte Josef Wohlgeruch Visa für Belgien, Frankreich oder die USA zu bekommen. Dies gelang nicht.  Henny flüchtete mit ihrem Vater Josef Wohlgeruch am 20.07.1939 nach London.

In England änderte sie ihren Vornamen in „Ann“. Sie arbeitete als Sekretärin und Verkäuferin.

Sonja Wohlgeruch

Sonja Karola Wohlgeruch wurde am 08.12.1931 als zweite Tochter des Uhrmachers Josef Wohlgeruch und seiner Ehefrau Paula, geb. Ruß, in Gießen geboren. Henny, ihre Schwester, war acht Jahre älter. Die Familie wohnte in der Walltorstraße 42 (heute Walltorstraße 32). Aufgrund einer staatlichen Verfügung vom 28. März 1938 konnte Sonja nicht in einer staatlichen Schule eingeschult werden. Daher besuchte sie ab Ostern 1938 die Jüdische Bezirksschule in Bad Nauheim (heute Sophie-Scholl-Schule Wetterau). Sonja wohnte im angeschlossenen Internat.

Am 28.10.1938 wurde Sonja von der Polizei abgeholt und nach Gießen auf die Wache gebracht. Unter polizeilicher Begleitung musste sie mit ihrer Mutter an die polnische Grenze fahren. Dort konnten beide, im Gegensatz zu ihrem Vater und der älteren Schwester, einreisen. Sonja wurde im Warschauer Ghetto ermordet.

Brief von Henry Wohlgeruch

Ausschnitt aus einem Brief von Sonja Wohlgeruchs Schwester Henny Wohlgeruch, verh. Schuller, zum Schicksal ihrer Familie

Entnommen: HannoMüller, Juden und jüdische Kurgäste in Bad Nauheim und Steinfurth, Seite 729 ff.

Übersetzt von Manfred Stein, Feldatal-Stumpertenrod

„Während der sogenannten „Polen-Aktion“ im Oktober 1938 wurde zuerst mein Vater verhaftet, am nächsten Morgen wurde ich abgeholt. Nach einer Nacht im Gefängnis durfte mein Vater kurz nach Hause, um ein paar Sachen zu holen, dann mussten wir beide auf den Weg nach Polen. Meiner Mutter wurde erlaubt zunächst zu Hause zu bleiben, um wichtige Dinge zu regeln, - das Haus verkaufen, alles zusammenpacken -, sie sollte uns nach Polen folgen. Meine Schwester Sonja war zu dieser Zeit in einem jüdischen Internat (Jüdische Bezirksschule) in Bad Nauheim. Wir sahen es als Glück an, dass Polizeiinspektor Gunther meiner Mutter erlaubte, solange zu bleiben, bis sie von uns hören würde. Als wir schließlich die polnische Grenze erreichten, was einige Tage gedauert hatte, weil andere polnische Familien unterwegs aufgenommen worden waren, durften wir nicht passieren. Man sagte uns, wir könnten mit dem gleichen Zug wieder zurückfahren, mit dem wir gekommen waren. Ich glaube, insgesamt haben Hin- und Rückweg zwischen 10 und 14 Tagen gedauert. Als wir zu Hause ankamen, war die Wohnung von der Polizei versiegelt. Unsere Nachbarn sagten uns, meine Mutter sei ungefähr acht Stunden, nachdem mein Vater weg war, von der Polizei abgeholt worden. In der Polizeistation wartete da schon meine Schwester. Sie hatte man von der Schule geholt. Weil meine Mutter uns unbedingt erreichen wollte, kaufte sie selbst eine Fahrkarte für eine schnelle Verbindung nach Polen. Sie und meine Schwester wurden von der Polizei bis zur Grenze begleitet. Sie konnten die Grenze passieren und kamen schließlich in Warschau an, wo sie hofften, uns zu finden. Auf diese Reise durfte meine Mutter nur Handgepäck mitnehmen. Mein Vater suchte nach einer Möglichkeit, meine Mutter und meine Schwester wieder zu uns zurückzuholen, aber das wurde verweigert. Unglücklicherweise war der polnische Pass meines Vaters abgelaufen und hätte verlängert werden müssen, was das Konsulat aber auch verweigerte.

Man hatte meinen Vater zu einer staatenlosen Person gemacht, nach Polen konnte er deshalb nicht zurück. Zu meiner Mutter und Schwester nach Polen konnten wir auch nicht und sie konnten nicht zurück zu uns. Mehrere Anträge, ihre Rückkehr zu erreichen, wurden von den Behörden in Darmstadt abgelehnt. Wir konnten jetzt nirgendwo hin und blieben in der Walltorstraße 42. Wir hofften auf eine Ausreise in die USA, hatten aber eine sehr hohe Nummer auf der Warteliste, und auch der Versuch nach Frankreich oder Belgien auszureisen war erfolglos. Die örtliche Polizei warnte uns inzwischen, dass wir Deutschland verlassen müssten, sonst käme mein Vater in ein Konzentrationslager und ich in ein Frauenlager.

Am 22. August 1939 bekamen wir schließlich die Zusage für England und schon am 26. August kamen mein Vater und ich in Harwich an, nur mit Handgepäck, und etwa 10 shilling englischem Geld, das erlaubte Minimum an persönlichem Schmuck, den man am Körper trug, ein Ring und eine Uhr.

Während dieser ganzen Zeit, also von Oktober 1938 bis August 1939, haben wir nichts aus unserem Haus verkauft, hauptsächlich, weil wir gar nicht genug Zeit hatten, uns mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen. Der Versuch wieder zusammenzukommen und zusammenzubleiben nahm alle Zeit in Anspruch.

Unser Ziel war ungewiss, wir konnten nicht planen, was wir in Zukunft brauchen würden, also hielten wir alles zusammen, so gut es ging.

Man hatte uns auf Beschränkungen hingewiesen. Als Staatenoser durfte mein Vater nichts verkaufen. Die Gefahren, in denen wir ohnehin waren, noch zu vergrößern, wollten wir nicht riskieren.

 

Texte: Christel Buseck

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