Teil 2 - Fassadenstudie für die Gebäude ehemals „Samen Hahn“

Aktuelle Planungen im Sanierungsgebiet Schanzenstraße/ Mühlstraße

Das Eckgebäude ehemals Samen-Hahn bildet den Auftakt zu einem historisch geprägten Straßenzug. Der Baukörper, seine Geschossigkeit und die Fassadengestaltung mit Materialität wurden in diesem Teil der Studie näher untersucht.

Innerhalb der Gesamtbetrachtung haben sich in der weiteren Verfolgung der Planung vier Fassadenvarianten gezeigt, die weiter ausgearbeitet wurden.

1. Rekonstruktion

Fassade Bahnhofstraße - Version 1


Fassade Reichensand - Version 1


Fassade - Übersicht Version 1

Auf Grund der vorhandenen Dokumentenlage wurde der Versuch unternommen die Gestaltung und Materialität des historischen Gebäudes nachzuempfinden. Es zeigte sich,   dass zu einer wahrheitsgetreuen Rekonstruktion verlässliche Angaben etwa über die Beschaffenheit von Stützen in der Schaufensterebene, die Ausbildung der Gauben, etc. fehlen. Somit sind in den dargestellten Zeichnungen „Näherungen“ an den vermutlich historischen Bestand wiedergegeben. Weiterhin ist anzumerken, dass die Rückseite des historischen Gebäudes als qualitativ nicht rekonstruktions-würdig angesehen wurde, da es sich um eine profane Hofsituation mit schlichter Putzfassade handelte.

Die Hauptfassaden an der Bahnhofstrasse / Reichensand wiesen in ihrer Materialität eine Mischung aus rotem Sandstein, rotem und gelbem Klinker auf. Das Mansarddach wie auch die Gauben waren schiefergedeckt. Die Ausbildung der Fassadenornamentik variierte je nach Orientierung. So war die Gestaltung   der Fassaden an der ehem. Wolkengasse „ärmer“ als jene an der repräsentativen Bahnhofstrasse. Vermutlich waren die Ladenfassaden des Erdgeschosses mit Stahlstützen und Holzausfachungen versehen. Jedoch weder eine materielle noch farbliche Identifikationsquelle war bislang zur genauen Recherche vorfindlich.
Die Gebäude wiesen jeweils Ladennutzungen im Erdgeschoss und Wohnnutzungen in den Obergeschossen auf. 

Die Herstellung einer originalgetreuen Rekonstruktion ist im Vergleich zu allen weiteren Lösungen die aufwendigste und teuerste. Die Einbindung in die bauliche Umgebung in Gestalt und Form entspricht den historischen Vorgaben und fügt sich in das historische Gesamtbild ein.

 

2. Inverstechnik (Leistenputz)

Fassade Bahnhofstraße - Version 2


Fassade Reichensand - Version 2


Fassade - Übersicht Version 2

Als Alternative zur Rekonstruktion, wurde eine Variante untersucht, bei der zwar alle Hauptmaße des historischen Gebäudes wie Geschosshöhen, Dachausbildung, Traufe, First, Fensteraufteilung getreu nachkonstruiert  werden, jedoch die Fassade nicht im Wortsinn „rekonstruiert“ wird, sondern durch ein spezielles Verfahren invers – also „umgekehrt“ – in den Putz eingelassen wird. Sprich: dort, wo im Original ein Sims oder ein Vorsprung war, ist nun ein Abdruck im Putz in gleicher Größe.

Durch diese Technik, die bereits bei mehreren Gebäuden in Deutschland angewendet wurde – und im Grunde eine Weiterentwicklung der traditionsreichen Leistenputztechnik (Bossenputz) ist, lässt sich ein interessanter optischer Sinnzusammenhang zwischen dem historischen Original und dem neuen Gebäude herstellen ohne „rekonstruieren“ zu müssen.

Die Nutzungen, Geschossausbildungen, etc. blieben im Vergleich zur Rekonstruktion unverändert. Die Einbindung in die bauliche Umgebung in Gestalt und Form entspricht den historischen Vorgaben und fügt sich ebenfalls in das historische Gesamtbild ein.

 

 

 

3. Neubau (Klassische Ausbildung)

Fassade Bahnhofstraße - Version 3


Fassade Reichensand - Version 3


Fassade - ÜberblickVersion 3

Untersucht wurde ebenfalls die Errichtung eines Neubaus unter Beibehaltung verschiedener gestalterischer und funktionaler Prämissen des historischen Gebäudes. Dieses sind:

  • vertikale Dreiteilung der Fassaden: Sockel – Mittelzone – Dach
  • Teilung in zwei Gebäudeteile
  • Beibehaltung des Erkers
  • Ausbildung eines Mansarddachs
  • Verwendung von Naturstein als Gestaltungselement in der Fassade

Bei einem Neubau ohne Bezug auf die historische Geschossigkeit, lässt sich bei annähernd gleicher Gebäudehöhe und Reduzierung der Wohngeschosshöhen auf 2,80m (brutto) ein weiteres Geschoss nachweisen. Unter Berücksichtigung der variierenden Höhen der umliegenden Bebauung, ist dies stadträumlich vertretbar. Der besondere Aspekt des historischen Bezugs ist bei dieser Variante verhaltener ausgebildet. Die Einbindung in die bauliche Umgebung in Gestalt und Form entspricht nicht mehr den historischen Vorgaben.

 

 

 

 

4. Neubau (Moderne Ausbildung)

Fassade Bahnhofstraße - Version 4


Fassade Reichensand - Version 4


Fassade - Übersicht Version 4

Die letzte Variante stellt die Frage, ob es denn unter Zugrundelegung des status quo: des unbebauten Grundstücks und der Frage der späteren Parzellierung (eine Parzelle) grundsätzlich richtig sei, von einer Parzellierung alten Zuschnitts (zwei Gebäude) und einer historisierenden Ausbildung / Gestaltung auszugehen. Oder ob nicht im Umkehrschluss ein Neubau ohne formale Anleihen an die Historie hier im Sinne der Fortentwicklung von Stadt als Kontinuum mit den jeweiligen Instrumenten der Jetztzeit die richtigere weil ehrlichere Antwort wäre.

Hierzu wurde eine Lösung entwickelt, welche die Thematik der „profilierten“ Fassade als Mittel   der Gestaltung in moderner Weise verwendet. Dabei werden die plastischen Rücksprünge im Bereich der Fenster entsprechend modelliert, sodass ein bewegtes Fassadenbild entsteht. Auf die Ausbildung eines sichtbaren Daches wurde zugunsten einer Flachdachlösung verzichtet. Das Gebäude weist, wie auch schon die vorherige Variante maximal fünf Vollgeschosse auf.
Auf weitere Bezüge zur Historie wurde bewußt verzichtet. Als Material der Fassade kämen z.B. geschlämmte Klinker oder aber auch Putz in Frage.

Der besondere Aspekt des historischen Bezugs ist bei dieser Variante nicht vorhanden. Die Einbindung in die bauliche Umgebung in Gestalt und Form entspricht nicht mehr den historischen Vorgaben.

Die Finanzierung dieser Studie erfolgt aus Städtebauförderungsmitteln des Bundes, des Landes und/oder der Stadt Gießen.

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