Pressemitteilung der IHK Gießen-Friedberg

Auch diesmal geht die Konjunktur-Umfrage wieder detaillierter auf die wirtschaftliche Lage einiger Branchen im IHK-Bezirk ein. Lichtblicke in diesen schwierigen Zeiten gibt es in der Medizintechnik, der Chemie- und Pharmaindustrie und aus dem Baugewerbe. Dagegen ist der lange Zeit als Vorzeigebranche agierende Maschinenbau weiter in der Krise – es ist noch nicht ausgemacht, wohin die Reise dieser stark exportabhängigen Branche geht. Der Einzelhandel wird wohl mit einem dunkelblauen Auge davonkommen, allerdings verschlechtert sich das Konsumklima zusehends. Zwar ist die aktuelle Kauflaune noch recht stabil. 2010 dürfte dennoch ein weiteres schwieriges Jahr für den Handel werden. Entscheidend dürfte die weitere Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt werden. Die befürchtete Totalkatastrophe, die unmittelbar negative Auswirkungen auf den Handel gehabt hätte, ist bisher ausgeblieben. Probleme gibt es weiterhin im Gastgewerbe und bei den Hotelliers, die sich gleichwohl über das Steuergeschenk der Regierung freuen.

Maschinenbau: Kurzarbeit rettet Jobs
Fünf Jahre lang blickte der Maschinenbau auf hoch erfreuliche Ergebnisse. Doch Umsatzrekorde, volle Auftragsbücher und boomende Märkte gehören nun der Vergangenheit an. Stattdessen kämpfen viele Maschinenbauer mit drastischen Nachfrage- und Umsatzrückgängen. Maßnahmen zur raschen Kostensenkung waren deshalb unerlässlich und wurden auch, mitunter schmerzhaft, realisiert. Klar identifizierbares Ziel inmitten der Krise war jedoch, die Stammbelegschaft zu halten. Dabei war die Kurzarbeit ein recht geeignetes Instrument.
Die Maschinenbauer gehen davon aus, dass die Krise noch nicht beendet ist. Der Auftragseingang der Branche lag im November real um zwölf Prozent unter dem Ergebnis des Vorjahresmonats. Dieses Ergebnis war deutlich besser als in den Vormonaten. Im April beispielsweise beklagte die deutsche Vorzeigebranche Einbrüche von bis zu 58 Prozent. Insgesamt brach die Maschinenproduktion im Jahr 2009 um rund 20 Prozent ein. Wobei man gerade Anfang des vergangenen Jahres noch von Auftragsüberhängen aus dem Jahr 2008 profitieren konnte. Insofern wird das laufende Jahr zur harten Bewährungsprobe. Nach 13 Monaten tiefen Falls hofft man nunmehr auf eine zaghafte Besserung. Größte Hoffnungen setzt man in den Betrieben auf neu einsetzende Nachfrage, gerade aus China, Indien und Brasilien. Die europäische Nachfrage, die für den Industriezweig wichtige Nachfrage aus den ölfördernden Ländern und aus den Vereinigten Staaten ist noch nicht wieder auf den Beinen.
Interessant ist für die Branche sicher auch der Versuch des Bundes und der führenden Kreditversicherer, den Liquiditätsspielraum der Betriebe zu erhöhen. Bei anziehender Nachfrage gilt es, das Wachstum vorzufinanzieren. Insgesamt 7,5 Milliarden stellt der Bund für sein „Top-up Modell“ aus dem Kredit- und Bürgschaftsprogramm zur Verfügung. Die Gelder werden gerade von produzierenden Unternehmen benötigt, um die teure Vorfinanzierung ihrer Produkte, bei gleichzeitigen Zahlungszielen für die Kunden von 30 bis gar 180 Tagen. Kredite werden somit versichert, eine sinnvolle Hilfe des Staates.
Der Klimaindex des Maschinenbaus liegt genau bei 80,9 gegenüber 81,5 im Vorjahr.

Bau erwartet Krisenjahr 2011
Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich 2009 im Baubereich wesentlich weniger ausgewirkt als in der Industrie. Im Jahre 2009 ging der Umsatz der deutschen Bauwirtschaft um vier Prozent zurück. Für das laufende Jahr rechnet die Branche mit einem neuerlichen Umsatzrückgang, der allerdings mit minus 1,5 Prozent schwächer ausfallen dürfte als im Vorjahr. Somit dürfte die Branche auch das zweite Jahr der schweren Krise mit einem blauen Auge überstehen. Weil die Konjunkturprogramme 2010 wohl auslaufen werden, dürfte das Jahr 2011 das eigentliche Krisenjahr der Bauunternehmen werden. Insbesondere im Wirtschaftsbau ist keine Trendwende zu erkennen. Erweiterungsinvestitionen, die Bauaufträge in der Regel zur Folge haben, sind noch die Ausnahme. Hier könnte auch der Begriff der „Kreditklemme“ die Situation verschärfen. Im Jahr 2009 gingen im Wirtschaftsbau die Umsätze deutschlandweit um zehn Prozent zurück. 2010 wird mit einem Minus von zwölf Prozent gerechnet. Im Wohnungsbau wird 2010, erstmals seit 2006, wieder mit einem Zuwachs bei den Wohnungsfertigstellungen gerechnet. Insofern wird hier eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau erwartet: 2009 gab es ein Umsatzminus von 5,5 Prozent und im laufenden Jahr wird sogar von einem ganz leichten Umsatzplus ausgegangen. Im öffentlichen Bau haben die Konjunkturprogramme voll durchgeschlagen. Eine positive Sondersituation gab es insbesondere im Straßenbau. Somit gab es 2009 ein Umsatzplus von fünf Prozent und 2010 werden sogar acht Prozent Steigerung erwartet. Nur: Was wird 2011?
Der Klimaindex der Bauwirtschaft liegt bei 122,5 gegenüber 103,9 im Vorjahr.

Einzelhandel: Glimpflich davon gekommen
Für den Einzelhandel hätte es im Krisenjahr schlimmer kommen können. Der befürchtete Umsatzeinbruch blieb aus. Die Umfrage fiel überdies ins Weihnachtsgeschäft, ein für den Einzelhandel lebensnotwendiger Zeitraum. Insgesamt wurde das befriedigende Ergebnis des Weihnachtsgeschäftes 2008 gehalten. Besonders profitieren Bau- und Heimwerkermärkte von der Sehnsucht der Menschen, sich in den eigenen vier Wänden wohl und sicher zu fühlen. Weitere Stimmen zeigen, dass insbesondere Einzelhandelsbetriebe, die hohe Qualität anbieten und auch deshalb über eine treue Stammkundschaft verfügen, mit dem diesjährigen Weihnachtsgeschäft zufrieden waren. Sorgenfalten bereiten der Branche zum einen die weitere Entwicklung der Sparquote. Werden die Konsumenten aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes immer mehr Geld horten? Aber auch der anhaltende Trend zu den großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese gibt Anlass zur Klage. Das Ende 2010 auslaufende hessische Gesetz zur „Stärkung von innerstädtischen Geschäftsquartieren“ soll demzufolge verlängert werden. Die Gießener Einzelhändler sind hier mit ihren BID-Lösungen Vorreiter.
Der Klimaindex im Einzelhandel liegt bei 68,0 gegenüber 51,0 im Vorjahr.

Gastgewerbe: Geschäftsreisen bleiben aus
Das Gastgewerbe ist von der Wirtschafts- und Finanzkrise in Deutschland weiter hart getroffen. Der Umsatz der Branche sank nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Zeitraum Januar bis September 2009 real von 6,3 Prozent. Unter besonders starkem wirtschaftlichen Druck stehen die Hoteliers: Insbesondere die Tagungs- und Stadthotellerie musste zum Teil eklatante Umsatzeinbußen hinnehmen. In vielen Häusern wurden Veranstaltungen und Events in kleinerem Rahmen durchgeführt bzw. ganz storniert. Zudem haben viele Unternehmen ihren Mitabeitern Reise- und Übernachtungsbeschränkungen auferlegt. Die Großstädte als klassische Orte für Messen und Kongresse leiden dabei besonders unter dem Ausbleiben der Geschäfts- und Tagungsreisenden. Auch die relativ stabile Buchungslage in der Ferienhotellerie und der Inlandstourismus konnten den dramatischen Einbruch im Business-Segment nicht wettmachen. So sank der Umsatz in der Hotellerie in den ersten neun Monaten des Jahres 2009 um real 8,9 Prozent.
Das Gaststättengewerbe steht mit einem Minus von real 4,9 Prozent im selben Zeitraum etwas besser da. Die Krisenstimmung scheint sich jedoch auf die Bars, Kneipen und Discotheken stärker auszuwirken als auf die speisengeprägte Gastronomie. So fiel der Umsatz in diesem Segment um real 8,3 Prozent, während die Restau-rants, Cafés und Imbissbetriebe lediglich 4,2 Prozent weniger in der Kasse hatten. Die Krise trifft jedoch nicht alle Gastronomiebetriebe gleichermaßen hart. Es verfestigt sich der Trend, wonach in der Gastronomie immer mehr von einer Unternehmenskonjunktur statt von einer Branchenkonjunktur gesprochen werden kann. So haben es die Betriebe aus dem Quick-Service-Segment geschafft, die Umsätze stabil zu halten bzw. sogar noch auszuweiten. Relativ unberührt von der Krise zeigen sich auch die Unternehmen der Systemgastronomie, die ihre Flächenexpansion fortgesetzt haben. Schlechter ist dagegen die Stimmung bei den Individualgastronomen. Der klassische Restaurantbesuch wird in Zeiten der Krise entweder ganz gestrichen oder durch den kurzfristigen Verzehr im Schnellrestaurant, beim Bäcker oder an der Tankstelle ersetzt. Neben der allgemeinen Konsumzurückhaltung macht den Gastronomen auch der Ausfall geschäftlich veranlasster Bewirtungen zu schaffen. Die Betriebe mit hohem Getränkeanteil spüren zusätzlich noch die Auswirkungen der gesetzlichen Rauchverbote. Gleichwohl scheint auch in dieser Branche das Schlimmste überstanden.
Der Klimaindex im Gastgewerbe liegt bei 99,7 gegenüber 70,7 im Vorjahr.

Getränkeindustrie: Unterschiedliche Probleme
Die deutschen Mineralbrunnen verzeichneten im vergangenen Jahr einen leichten Absatzrückgang. Mineralwasser konnte sich aber trotz eines schwierigen Umfelds als beliebtestes alkoholfreies Getränk in Deutschland behaupten. Der Absatz von Mineral- und Heilwasser sowie von Mineralbrunnen-Erfrischungsgetränken ging um 1,6 Prozent zurück. Grund war vor allem das Ausbleiben längerer sommerlicher Schönwetterperioden. Die Wirtschaftskrise hatte nur wenig Einfluss auf die Gesamt-Absatzentwicklung. Die erhöhte Preissensibilität der Verbraucher führte allerdings dazu, dass der Discount seine starke Position weiter ausbauen konnte. Davon konnten nur wenige große Handelsmarkenabfüller profitieren. Viele der regionalen und mittelständischen Markenabfüller mussten höhere Absatzeinbußen hinnehmen.
Der hohe Pro-Kopf-Verbrauch von Mineralwasser in Deutschland blieb mit rund 131 Litern weitgehend stabil. Damit ist Mineralwasser nach wie vor das beliebteste alkoholfreie Getränk der Deutschen. Im Trend lagen weiterhin die Mineralwässer mit wenig oder völlig ohne Kohlensäure. Der Marktanteil der Wässer mit wenig Kohlensäure stabilisierte sich bei rund 43 Prozent, der von Mineralwasser ohne Kohlensäure stieg auf knapp 10 Prozent. Am beliebtesten war nach wie vor der klassische Sprudel, der einen Marktanteil von gut 44 Prozent hatte.
Die Branche fordert ebenfalls einen reduzierten Mehrwertsteuersatz. Der hohe Pro-Kopf-Verbrauch zeige, dass Mineralwasser zu den Grundnahrungsmitteln gehöre. Es sei daher ein dringendes Erfordernis der Politik, dass im Zuge der geplanten Mehr-wertsteuerreform die Umsatzsteuer für Mineralwasser von 19 auf den Satz von sieben Prozent gesenkt werde, wie er auch für andere Grundnahrungsmittel gelte.
Den Brauereien macht der Rückgang des Pro-Kopf-Verbrauches Sorgen: Die ersten Zahlen aus dem Jahr 2009 deuten auf einen Pro-Kopf-Verbrauch von unter 110 Liter Bier hin. 1980 waren es noch über 145 Liter. Die Gründe für den Rückgang sind na-heliegend: Die deutsche Gesellschaft wird älter, und Ältere trinken weniger Bier. Jün-gere Konsumenten weichen gerne auf Alternativen wie Alkopops aus. In diesen Zusammenhang gehören auch Diskussionen um übertriebenen Alkoholkonsum von Jugendlichen, die auch bei Brauereien Imageschäden verursachen. Nach wie vor schadet überdies das Rauchverbot dem Bierabsatz in den Gaststätten. Auch die Brauer fordern im Übrigen eine Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes auf sieben Prozent.
Die Getränkebranche kommt auf einen Klimaindex von 47,1 gegenüber 35,4 im Vorjahr.

Medizintechnik: Der Lichtblick
Dieser heterogenen Branche geht es gut. Sie schneidet mit dem besten Klimawert aller größeren Branchen ab. Seit 2007 werten wir die Branche „Medizintechnik“ aus. Wir haben dazu sämtliche Firmen aus unserem Bezirk, die in dieses Raster fallen, mit in die Konjunkturbefragung aufgenommen bzw. in dieser Gruppe zusätzlich zu-sammengefasst.
Beispielhaft die Entwicklung der Pharmabranche. Hier ist der Anteil dieser Branche an den deutschen Exporten in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Lag er im Jahre 2000 noch bei 2,3 Prozent, so wird für 2015 ein Anteil der Pharma-Exporte an den deutschen Gesamt-Exporten von 5,6 Prozent prognostiziert. Für die Branche spricht der Megatrend Demographie. Je älter die Menschen werden, desto größer der Bedarf nach Produkten und Leistungen der Medizintechnik. Gänzlich von der konjunkturellen Entwicklung kann sich die Branche allerdings nicht abkoppeln. Wenn in Deutschland die Steuereinnahmen sinken und Arbeitsplätze verloren gehen, dann wird sich das auch auf die Investitionen kommunaler Krankenhäuser auswirken. Denn letztlich lebt das Gesundheitsgeschäft vom Steueraufkommen und der Finanz-kraft der gesetzlichen Krankenversicherungen.
Der Klimaindex in der Medizintechnik liegt bei 121,1 gegenüber 102,6 im Vorjahr.

03.03.2010