Pressemitteilung der IHK Gießen-Friedberg

Im Tal angekommen
Hoffnung auf China – Vogelsberger Händler besser als Landesdurchschnitt 


Die konjunkturelle Situation hat sich leicht gebessert. Dies wird insbesondere im Vergleich mit den Ergebnissen der Frühjahrsumfrage 2009 klar. Nach der rasanten Talfahrt in den beiden vergangenen Umfragen hat sich der Absturz nicht weiter fortgesetzt. Offenbar ist man im Tal angekommen und macht sich nun an den beschwerlichen Anstieg. Bei der Einschätzung der aktuellen Lage ist derzeit jedes fünfte Unternehmen zufrieden. Vor einem Jahr war jedes dritte Unternehmen zufrieden. Damit wird heute ein Klimaindex von 83,3 ermittelt. Dieser Wert lag vor einem Jahr bei 95,6 und im Frühjahr bei 62,9. Der Klimaindex ist ein Durchschnittswert aus den Antworten zur Gegenwart und zur Zukunft. Er kann zwischen 200 als bestem Wert und Null als schlechtestem Wert liegen.

Die Konjunkturumfrage der IHK Gießen-Friedberg fand von Mitte August bis Mitte September 2009 statt. Befragt wurden rund 1.200 Mitgliedsbetriebe aus den Landkreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau.

Erstmals, in dieser schwersten Rezession der Nachkriegszeit, sank das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2008, um genau 0,6 Prozent. Vor einem Jahr, also im dritten Quartal 2008, betrug der Rückgang 0,3 Prozent. Im vierten Quartal 2008 lag der Rückgang schon bei 2,4 Prozent und im ersten Quartal 2009 bei minus 3,5 Prozent. Vier Quartale in Folge lag das BIP im Minus. Im zweiten Quartal 2009 stieg das Bruttoinlandsprodukt bereits wieder, allerdings nur um 0,3 Prozent. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum lag das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2009 um insgesamt 7,1 Prozent niedriger. Die Wirtschaftsleistung befindet sich somit auf dem Niveau von 2005.

Keine rasche Erholung
Die Unternehmen sehen keine rasche Erholung. Keinesfalls steht ein unmittelbarer, kräftiger Aufschwung bevor. Der Aufstieg aus dem tiefen Tal wird mit einigem Auf und Ab verbunden sein. Denn es bleiben Risiken: Die Konjunkturpakete laufen aus. Dem Arbeitsmarkt steht das Schlimmste noch bevor. Gibt es eine Kreditklemme, wenn die Unternehmen wieder investieren wollen? Was kostet die Krise den Steuerzahler? Der starke Euro, derzeit auf einem Jahreshoch, erschwert nach wie vor die Exporte. Der Ölpreis schließlich gehört immer zu den Risikogruppen. Dennoch ist der Abschwung mutmaßlich gestoppt. Doch auf einem mehr als kläglichen Niveau.

Zarte Lichtblicke gibt es bei den Pharmabetrieben, im Maschinenbau und im Automobilhandel. Während einige Maschinenbauer bereits wieder von gestiegenen Auslandsorders sprechen, ist die relative Zufriedenheit bei den Automobilhändlern nicht verwunderlich. Die Abwrackprämie hat den Verkauf von vornehmlich ausländischen Kleinwagen gefördert. Der Absturz der Branche allerdings wurde vermutlich lediglich verzögert, da Käufe vorgezogen wurden. Den Werkstätten andererseits, die auch von alten, reparaturanfälligen PKWs leben, gefiel die Prämie nicht. Für das Jahr 2010 stehen der Automobilwirtschaft schwierige Zeiten bevor.

Jeder fünfte zufrieden
Insgesamt sind im IHK-Bezirk 20,6 Prozent der Unternehmen zufrieden mit der derzeitigen Lage. Vor einem Jahr waren 33,7 Prozent zufrieden, aber bei der Frühjahrsumfrage lediglich 15,6 Prozent. Die Struktur der unzufriedenen Stimmen hat sich im gleichen Trend entwickelt: Aktuell sind mehr Betriebe unzufrieden als vor einem Jahr, aber weniger als im Frühjahr. Daraus ergibt sich ein negativer Stimmensaldo von 13,8 Prozent. Dieser Wert lag im Frühjahr bei minus 30,6 Prozent. Dies ist eine deutliche Verbesserung, auf allerdings schwachem Niveau.

Optimismus verfestigt sich
Für das kommende Halbjahr gehen 18,7 Prozent der Betriebe von einem günstigeren Verlauf aus. Vor einem Jahr waren 11,4 Prozent und im Frühjahr nur 7,8 Prozent der Unternehmen optimistisch. Skeptisch blicken 38,1 Prozent der Betriebe nach vorn. Im Frühjahr war die Hälfte der Unternehmen pessimistisch. Daraus ergibt sich ein negativer Stimmensaldo von 19,4 Prozent. Der lag vor einem Jahr bei minus 21 Prozent und im vergangenen Quartal bei minus 43 Prozent. Beim Blick in die Zukunft scheint sich der Optimismus noch mehr zu verfestigen. Denn der aktuelle negative Saldo ist niedriger als vor einem Jahr.

Maschinenbau: 2010 eher seitwärts
Fünf Jahre lang blickte der Maschinenbau auf hoch erfreuliche Ergebnisse. Zu Jahresbeginn 2009 kam dann die Nachricht von einem 40prozentigen Rückgang der Auftragseingänge. Dabei sank die Inlandsumfrage in gleicher Höhe wie die Auslandsnachfrage. Auch bei den in der Branche üblichen Dreimonatsvergleichen blieb von Mai bis Juli 2009 ein Bestellungs-Minus von 46 Prozent. Allein im Juli sank der Auftragseingang um 43 Prozent.
Insgesamt rechnet die Branche 2009 mit einem Produktionsminus von 20 Prozent. Damit wäre der Produktionswert innerhalb eines Jahres um 38 Milliarden Euro gesunken. Die Produktionskapazitäten des Maschinenbaus waren im Juli 2009 nur noch zu 69 Prozent ausgelastet. Die Unternehmen wollen das Maximum an Beschäftigten halten, um gut ausgebildete Belegschaften zu haben, wenn es wieder aufwärts geht. Die Kurzarbeit half auch den Maschinenbauern des IHK-Bezirkes.
In 2010 wird es wohl noch nicht stramm aufwärts gehen, eher seitwärts. Womit das Produktionsniveau 2009 gehalten würde und der Marsch durch das konjunkturelle Tal ansteht. Asien hat bei den Zielregionen eine Vorreiterrolle eingenommen. Die deutschen Maschinenlieferungen nach China waren selbst im ersten Halbjahr auf Wachstumskurs geblieben. China ist mittlerweile größter Auslandskunde der Branche, vor den USA. Hoffnungen setzt der Maschinenbau überdies auf notwendige Investitionen für eine effiziente Energieherstellung, umweltschonende Produktion oder auch Umstellungen in der Automobilproduktion auf Hybrid- und Elektrofahrzeuge.
Der Klimaindex des Maschinenbaus liegt genau bei 100,0 gegenüber 120,0 im Vorjahr und 52,4 in der Frühjahrsumfrage.

Bau: Konjunkturprogramm zeigt Wirkung
Die Konjunkturprogramme der Bundesregierung zeigen Wirkung. Die Aufträge kommen beim Bau an. Dies wird durch ein deutliches Auftragsplus im Juni um 8,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat deutlich. Trotzdem reichen die Impulse aus dem Öffentlichen Bau nicht aus, um die weiterhin negative Entwicklung im Wohnungsbau und im Wirtschaftsbau auszugleichen. Deshalb ist das Ergebnis beim Auftragseingang im Juni im gesamten Baubereich mit Minus 5,6 Prozent negativ. Im ersten Halbjahr 2009 blieben die Auftragseingänge um 9,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Das deutliche Auftragsplus im Öffentlichen Bau geht bisher vor allem auf eine rege Straßenbaunachfrage zurück. Die ist im Juni um 18,7 Prozent gestiegen. Dies ist auf die Aufstockung der Mittel für den Bundesfernstraßenbau im ersten Konjunkturprogramm der Bundesregierung zurückzuführen. Richtig fühlbar wirken die Konjunkturprogramme aber erst im zweiten Halbjahr 2009. Der Schwerpunkt der Effekte wird 2010 zu beobachten sein. Die Mittel werden insbesondere für den Bau und die Sanierung von Schulen, Krankenhäusern und Kindergärten verwandt. Alleine der Wetteraukreis wird 58 Millionen in die Schulen bauinvestieren.
Sorgenkinder bleiben hingegen der Wirtschaftsbau und der Wohnungsbau. Der Wirtschaftsbau leidet nach wie vor unter der gesamtwirtschaftlichen Rezession und der damit einhergehenden Investitions-zurückhaltung der Unternehmen. In Städten wir München, Frankfurt und Düsseldorf steigen die Mieten und erste Wohnungsengpässe zeichnen sich ab. Im Jahre 2008 wurden rund 156.000 Wohnungen neu erstellt, vier Jahre vorher waren es noch 100.000 mehr. Ein Grund ist sicher der Rückzug des Staates aus der steuerlichen Förderung des Wohnungsbaus.
Der Klimaindex der Bauwirtschaft liegt bei 129,1 gegenüber 118,3 im Vorjahr und 89,4 im Frühjahr 2009.

Einzelhandel: Verbraucher trotzt der Krise
Für den Einzelhandel hätte es im Krisenjahr schlimmer kommen können. Der befürchtete Umsatzeinbruch blieb aus. Er lag in den ersten sieben Monaten des Jahres mit nominal minus 1,7 Prozent nicht so schlecht, wie in anderen Branchen. Allerdings konnten die Händler beim vergangenen Aufschwung nicht so recht profitieren und damit kaum Reserven anlegen. Das dünne Polster wird kaum ausreichen, um eventuelle Schwankungen auszugleichen. Und die werden erwartet, wenn in den restlichen Monaten des Jahres die Arbeitslosigkeit steigt und damit der Konsum fallen wird. Der Verbraucher zeigt sich allerdings bisher krisenresistent. Der Konsum ist ziemlich robust. Erleichtert wird dies durch die günstige Entwicklung der Verbraucherpreise. Diese verbraucherfreundliche Preisentwicklung schont die Kaufkraft der Deutschen. Die Spielräume allerdings werden nicht für den Konsum genutzt. Denn im ersten Quartal 2009 war die Sparquote beim Rekordwert von 15 Prozent des verfügbaren Einkommens. Zufrieden zeigten sich die Händler mit dem Sommerschlussverkauf, bei dem mit hohen Rabatten die Käufer in die Läden gelockt wurden. Erstaunlich das Ergebnis bei den Kreisvergleichen: Hier liegen die Einzelhändler des Vogelsbergkreises nicht nur im IHK-Bezirk vorn, sondern schneiden auch besser ab als die Betriebe in hessischen Landesdurchschnitt.
Der Klimaindex im Einzelhandel liegt bei 72,1 gegenüber 74,0 im Vorjahr und 51.1 bei der Frühjahrs-umfrage.

Wetterau diesmal vorn
Zum zweiten Male in Folge kamen die besten Ergebnisse aus dem Wetteraukreis. Erstaunlich sind die vergleichsweise guten Ergebnisse aus dem Vogelsberg. Am Ende der Skala liegt diesmal der Landkreis Gießen. Die Kreisergebnisse, die die IHK seit 2002 ermittelt wurden lange, fast schon traditionell, vom Landkreis Gießen angeführt. Nun liegt der Wetteraukreis vorn. Sämtliche Ergebnisse bewegen sich auf einem relativ niedrigen Niveau. Der Wetteraukreis kommt auf einen Klimaindex von 85,7, gegenüber 98,4 im Vorjahr und 62,1 im Frühjahr 2009. Dahinter kommt der Vogelsbergkreis auf einen Klimaindex von 84,3, gegenüber 82,4 im Vorjahr und 62,0 im Frühjahr. Damit weist der Vogelsberg als einziger Landkreis eine Steigerung gegenüber der letztjährigen Umfrage aus. Der Landkreis Gießen rangiert mit einem Klimawert von 79,6, gegenüber 100,7 im Vorjahr und 63,4 bei der Frühjahrsumfra-ge, am Ende des IHK-Bezirkes. Dessen Klimaindex liegt bei 83,3, gegenüber 95,6 im Vorjahr und 62,9 im Frühjahr 2009. Damit liegen alle drei Landkreise des IHK-Bezirks schlechter als die Ergebnisse aus Hessen. Hessenweit wurde ein Klimaindex von 94,3, gegenüber 99,0 im Vorjahr und 71,6 bei der Frühjahrsumfrage gemessen.