Pressemitteilung der IHK Gießen-Friedberg

Die jetzt vorliegende Frühjahrsumfrage der IHK Gießen-Friedberg lässt keine Verbesserung der Konjunktur und kein Licht am Ende des Tunnels erkennen. Die derzeitige Lage wird schlecht eingeschätzt. Aber auch für den Rest des Jahres sind keine Hoffnungsschimmer erkennbar. Gerade nach dem Absturz der Exporte steckt die Wirtschaft in der tiefsten Rezession der Nachkriegszeit. Im ersten Quartal des Jahres 2009 sank die Wirtschafsleistung um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Index in ungeahnten Tiefen
Überdeutlich wird die rasante Talfahrt bei der Betrachtung des regionalen Klimaindex. Der ist mit 62,9 auf seinen historisch tiefsten Stand gefallen. Im Vergleich zur Umfrage im vergangenen Jahr bedeutet dies einen Rückgang um satte 40 Prozentpunkte. Vergleicht man den aktuellen Wert mit dem Index der Umfrage aus dem Jahre 2007 ergibt sich gar ein Rückgang um rund 60 Prozentpunkte. Der Klimaindex ist ein Durchschnittswert aus den Antworten zur Gegenwart und zur Zukunft. Er kann zwischen 200 als bestem Wert und Null als schlechtestem Wert liegen. Die Umfrage der IHK Gießen-Friedberg fand von Anfang April bis Anfang Mai 2009 statt. Befragt wurden rund 1.200 Unternehmen aus den Landkreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau.

Eklatanter Rückgang
Ein steiler Rückgang wird aus allen drei Landkreisen vermeldet. Die stärkste Abnahme im Vergleich zum Vorjahr hat mit 47 Prozentpunkten der Kreis Gießen zu vermelden. Mit rund 45 Prozentpunkten liegt der Abwärtstrend im Wetteraukreis auf etwa vergleichbarem Niveau. Dagegen nimmt sich der Rückgang des Index im Vogelsbergkreis mit ca. 25 Prozentpunkten vergleichsweise bescheiden aus. Dort wurde bereits im Vorjahr ein sehr niedriges Niveau bei der aktuellen Lage und den Zu-kunftsaussichten ermittelt. Alle drei Kreise liegen nahe beim IHK-Durchschnittswert. Dieser liegt rund neun Prozentpunkte niedriger als der Klimaindex im Bundesland Hessen. Doch auch hier ist der Absturz mit knapp 40 Prozentpunkten eklatant.


Industrie: Krise schlägt voll durch
Bei der IHK-Umfrage im Frühjahr 2008 wurde erstmals davon gesprochen, dass die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise nun auch uns treffen. Mittlerweile sind die Folgen der weltweiten Krise annähernd täglich zu verfolgen. Auftragseinbrüche gibt es in fast allen Branchen, insbesondere aber bei den exportorientierten Unternehmen. Weil die deutsche Wirtschaft aber stark von den Ausfuhren abhängig ist, schlägt die Krise nun voll durch. Um ganze 20 Prozent lag der Export in den ersten Monaten des Jahres unter dem Vorjahresniveau. Seitherige Hindernisse wie der hohe Benzinpreis oder der starke Euro treten angesichts der globalen Finanzkrise in den Hintergrund.

Offenbar ist, dass Deutschland als Folge der Finanzkrise in der schwersten Rezession seit dem Krieg steckt. Zu Jahresbeginn überboten sich die verschiedenen Wirtschaftsforschungsinstitute mit Horrorszenarien über die Schwere der Rezession. Institute und Banken meldeten fast täglich neue Prozentsätze über den Rückgang des Bruttoinlandsproduktes. Der Rückgang um 3,8 Prozent wird allenthalben als stärker als erwartet eingeschätzt. Aktuell gehen die Prognosen vom Erreichen der Talsohle aus. Schlimmer soll es nun nicht mehr werden: Aus der IHK-Umfrage ist eine solche Aussage nicht zu belegen.

Tempomacher im Tief
Im Gegenteil: Die Industrie klagt über ein noch schlechteres Klima als die gesamte Wirtschaft. So sackte der Klimaindex innerhalb eines Jahres von 112,7 auf nunmehr 55,6 ab. Die besten Ergebnisse kommen aus der Chemischen Industrie (66,7) und von den Pharmaherstellern (75,6). Dagegen kommen die Betriebe aus der Elektro-technik lediglich auf einen Index von 41,8, der Maschinenbau erreicht nur 52,4 oder die Druckereien 40,8. Gerade der Maschinenbau und die Elektrotechnik waren über lange Jahre die Tempomacher bei den Exporterfolgen der deutschen Wirtschaft.

Einzelhandel: Stabil, auf niedrigem Niveau
Das Konsumklima ist vergleichsweise stabil– auf niedrigem Level. Von panischen Reaktionen sind die Verbraucher allerdings weit entfernt. Offenbar lässt sich die private Nachfrage nicht die maßvolle Konsumlaune verderben. Überdies profitiert der Konsum von stabilen Preisen, besonders von den sinkenden Energiepreisen. Auch die steigenden Renten sorgen für ein verbessertes Konsumklima. Wenn allerdings im Laufe des Jahres die Arbeitslosigkeit wieder steigt, wird dies auch den Konsum fühlbar schwächen. Gerade die Teile des Konjunkturpaketes II, die dem Konsum zugeflossen sind, haben dafür gesorgt, dass der Einzelhandel bisher mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Der Klimaindex im Einzelhandel liegt mit 51,1 auf dem gleichen Niveau wie im ersten Quartal des Jahres. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Index um rund 14 Prozentpunkte gefallen.

Automobilhandel läuft gut
Aktuell erlebt der Automobilhandel einen Boom. Doch wie wird sich die Automobil-konjunktur nach dem Auslaufen der Abwrackprämie darstellen? Es ist zu erwarten, dass die gesamte Branche dann abrupt in ein tiefes Loch fällt. Im Kraftfahrzeughan-del wird folgerichtig der aktuell höchste Klimaindex ermittelt. Er liegt bei 95,8 und ist gegenüber der Vorjahresumfrage um stolze 38,7 Prozentpunkte gestiegen.

Bau: Konjunkturprogramme noch nicht angekommen
Zur Abfederung der Talfahrt sollen die Konjunkturpakete der Bundesregierung beitragen. Gerade von den öffentlichen Ausgaben für Infrastrukturprojekte, so die Absicht, werde die die Bauwirtschaft profitieren. Gleichwohl geht auch die Stimmung in dieser Branche deutlich zurück. Denn die Vorhaben sind noch nicht in den Baubetrieben angekommen und können die erhoffte, stabilisierende Wirkung auf die Branche noch nicht entfalten.
Der Klimaindex im Baugewerbe liegt bei 89,4. Im Vergleich zum Vorquartal ist dies ein Rückgang um 14,5 Prozentpunkte, im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um 37,1 Prozentpunkte.

Fragen zur Finanzkrise
Mit einer Zusatzbefragung wollte die IHK die Einschätzung der Unternehmen zu Fragen aus der Finanzkrise wissen. So wurde gefragt, welche Erfahrungen die Unternehmen mit den Finanzierungskonditionen im Vergleich zum Vorjahr machen. Während drei Fünftel von unveränderten Konditionen sprechen, sieht jeder fünfte Betrieb eine Verschlechterung der Bedingungen. Die Verschlechterung mache sich insbesondere bei den geforderten Sicherheiten und mit höheren Zinsen bemerkbar.

Weiter wurde gefragt, welche Maßnahmen das Bundesland Hessen zur Stützung der Konjunktur vornehmen solle. Ganz oben im Vorschlagskatalog steht der vergleichsweise kostengünstige Wunsch nach beschleunigten Genehmigungsverfahren. Dies wünscht sich jedes zweite Industrieunternehmen. Weitaus mehr Geld kostet der zweite Vorschlag der Wirtschaft: Das Land Hessen möge mehr Investitionen in die Infrastruktur, am besten in die Verkehrswege, vornehmen.