Bericht von Kira Hof

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Gießener Liebig-Stipendiatin 2006/2007, Studiengang Chemie

"Ich befinde mich jetzt schon in den Vorbereitungen zu meiner Diplomprüfung, obwohl ich doch „gerade erst“ angefangen habe zu studieren. Die letzten viereinhalb Jahre sind so schnell vergangen. Semester reihte sich an Semester und nun habe ich alle Vorlesungen, Seminare und Praktika schon hinter mir.

Bevor ich nun von meinen Eindrücken des letzten Jahres Gießen betreffend erzähle, möchte ich kurz darauf eingehen, warum ich eigentlich Chemie studiere und warum ich es in Gießen tue.

Zur Chemie kam ich durch Zufall. Eigentlich wollte ich Medizin studieren. Nachdem sich dann allerdings meine Abiturnote als nicht tauglich zum sofortigen Studienbeginn in Medizin herausgestellt hatte, habe ich im Sommersemester 2003 ein Chemie-Studium begonnen. Allerdings war der Gedanke hierbei auch nur, dass ich vielleicht einige Scheine, die ich hier erwerbe, nutzbringend im Medizin-Studium anführen könnte. Nach wenigen Wochen im ersten Semester war mir jedoch klar, dass die Chemie das Fach ist, bei dem ich bleiben wollte.

Warum nun aber ein Chemie-Studium in Gießen? Chemie in Gießen zu studieren, war weniger Wunsch als schlichte Notwendigkeit. Da ich es mir finanziell nicht leisten konnte, zu Hause auszuziehen, musste ich eine Universität in der Nähe meines damaligen Wohnortes finden. Es kamen daher nur die zwei Universitätsstädte Frankfurt am Main und Gießen in Betracht, die dennoch beide 60 Kilometer entfernt liegen. Der Vorteil von Gießen war, dass es eine direkte Zugverbindung nach Gießen gibt. Der letzte Zug fährt allerdings bereits kurz nach 18 Uhr, was mich des Öfteren im Labor zu hektischem Aufräumen trieb, um diesen Zug noch zu erwischen. Des Weiteren hatte auch schon meine Cousine hier in Gießen mehrere Jahre zuvor Agrarwissenschaften studiert. So entschied ich mich letztlich für Gießen.

Außerdem ist hier anzumerken, dass mir der eher bescheidene Ruf, der der Gießener Chemie auch in aktuellen Hochschul-Rankings noch immer vorauseilt, damals noch nicht bekannt war und sicherlich auch der Revidierung bedarf. Die Studentenschaft ist zwar zahlenmäßig verglichen mit anderen Universitäten eher klein, aber gerade das sorgt für eine sehr gute Betreuungssituation. Anders als in anderen Studiengängen sind in der Chemie die meisten Studenten bei den Professoren namentlich bekannt. Nicht nur Seminare sondern auch Vorlesungen finden in vergleichsweise kleinen Gruppen statt und sind keine anonymen Massenveranstaltungen für zig Studierende. Das sorgt meiner Meinung nach für eine angenehme und entspannte Lernsituation. Auch die Freiheit, Prüfungstermine so zu legen, wie es der/dem Studierenden passt, ist so nicht in allen Studiengängen möglich. Die flexible Gestaltung des Diplomstudienganges kam mir daher auch eher gelegen als starre Vorgaben und feste Termine – insbesondere da ich in einem Sommersemester angefangen habe zu studieren.

Ein Studienbeginn im Sommersemester ist nämlich mit einigem Zeit- und Organisationsaufwand verbunden. Es gibt im Sommer keine Vorlesungen für Studierende im ersten Semester. Wir – meine drei Kommilitonen und ich – setzten also direkt im zweiten Semester ein, was bedeutete, dass wir den Stoff des ersten Semesters in unserer Freizeit nachholen mussten. Im zweiten Semester wurde es besonders kompliziert, weil wir das Praktikum für das zweite Semester machten und die Vorlesungen sowohl für das dritte als auch das erste Semester hörten. Erschwerend kam hinzu, dass nach zwei Semestern von diesen vier Leuten nur noch ich übrig war. Trotz einiger daraus resultierender organisatorischer Schwierigkeiten hatte ich aber immer die Unterstützung der Dozenten, Assistenten und nicht zuletzt meiner Kommilitonen, die auch bereit waren nur für mich ihren Stundenplan zu ändern, damit ich alle meine Vorlesungen, Seminare und Praktika unter einen Hut bekam. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal bedanken!

Dass die Anzahl der Studenten relativ klein ist, hat noch einen weiteren wichtigen Vorteil. So absolviert man im Hauptstudium nicht nur die Fortgeschrittenen-Praktika zum Teil in den verschiedenen Arbeitsgruppen, sondern hat auch die Möglichkeit auf Wunsch in der vorlesungsfreien Zeit zusätzlich in einer Arbeitsgruppe zu arbeiten und einen vertieften Einblick in die Themen, die dort bearbeitet werden, zu erhalten. So konnte ich in der vorlesungsfreien Zeit im März und April bzw. von August bis Oktober des letzten Jahres einige Wochen in zwei verschiedenen Arbeitsgruppen der Organischen Chemie verbringen, was eine interessante Erfahrung für mich war. Auch hierfür möchte ich mich noch einmal bedanken! Auf diese Art und Weise weiß man schon in etwa, was einen später einmal während Diplom- und Doktorarbeit erwarten wird, und man kann sich darüber klar werden, in welche Richtung der Chemie es einen „zieht“.

Nun zu Gießen … Was gibt es über diese Stadt zu erzählen? Gemeinhin heißt es immer, Gießen sei eine nicht sonderlich schöne Stadt. Als ich hier angefangen habe zu studieren, bestätigte sich dieser Eindruck zunächst. Insbesondere das Chemie-Gebäude trug dazu bei. Die besondere Ästhetik des Baus erschließt sich dem Betrachter sicherlich nicht auf den ersten Blick – und wahrscheinlich auch nicht auf den zweiten. Allerdings hat sich hier im letzten Jahr einiges getan. Wände sind gestrichen, teilweise neue Abzüge eingebaut worden. Im Übrigen kommt es ja doch eher auf den Inhalt an und nicht auf die Verpackung. Und in Gießen stimmt der Inhalt sicherlich: gute Dozenten, ausreichende Ausstattung und nette Kommilitonen.

Nachdem ich seit einem Jahr in Gießen wohne, hat sich auch mein Eindruck die Stadt betreffend etwas geändert. In Gießen gibt es auch viele schöne Plätze und die Stadt ist grüner als man denkt, wenn man nur die Fußgängerzone kennt. Alles in allem ist zu sagen, dass Gießen eine Stadt mit großer Bandbreite ist. Hat man Lust auf etwas Stadt-Gefühl, begibt man sich einfach in die Innenstadt oder in die Fußgängerzone mit einem sehr schönen Angebot verschiedenster Geschäfte. Möchte man eher das Landleben genießen und seine Ruhe haben, besucht man zum Beispiel die Stadtteile Allendorf oder Lützellinden, die ruhig gelegen und durch den Stadtbusverkehr dennoch sehr gut mit der restlichen Stadt verbunden sind. Von großem Vorteil ist auch die sehr zentrale Lage Gießens in der Mitte von Hessen. In relativ kurzer Zeit sind zum Beispiel Frankfurt oder Kassel gut zu erreichen.

Sehr schön ist auch die enge Beziehung zwischen Stadt und Universität. In diesem Jahr feiert die Universität ihr 400-jähriges Bestehen und die gesamte Stadt feiert mit. So gab es im Mai ein Wissenschaftsfestival, das die Innenstadt zur Uni machte. Des Weiteren hat Gießen meiner Meinung nach mit dem „Mathematikum“ eines der besten Museen Deutschlands und auch das Liebig-Museum mit seinen Experimentalvorlesungen soll hier natürlich nicht vergessen werden. Auch zum Ausgehen am Abend oder Wochenende bietet Gießen einige schöne Restaurants oder Musikkneipen. Stellvertretend für diese Vielfältigkeit seien hier die „Kate“ und der „Ulenspiegel“ genannt.

Ein spannendes Jahr, in dem ich die letzten noch zu absolvierenden Praktika, Seminare und Vorlesungen in Anorganischer, Organischer und Physikalischer Chemie hinter mich gebracht habe, ist nun also vorüber und ich bin sicher: Mit den Diplomprüfungen und der Diplomarbeit wird ein weiteres spannendes Jahr folgen.

Zum Abschluss möchte ich mich noch einmal bei allen Beteiligten dafür bedanken, dass ich als Gießener Liebig-Stipendiatin ausgewählt wurde. Die zukünftigen Stipendiaten beglückwünsche ich herzlich!

Kira Hof, Oktober 2007"

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