Bericht von Sabrina Kern

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Gießener Liebig-Stipendiatin 2006/2007, Studienrichtung Agrarwissenschaften

"Ein Rückblick

Das Jahr als Liebig-Stipendiatin ist nun vorüber und es wird Zeit, dieses Jahr und meine gesamte Studienzeit in Gießen Revue passieren zu lassen…

Ich erinnere mich noch genau an den Tag im August 2006, an dem plötzlich ein Brief der Stadt Gießen in meinem Briefkasten landete. Als ich ihn öffnete und davon erfuhr, dass mir das Liebig-Stipendium zuerkannt wird, konnte ich mein Glück kaum fassen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr an dieses Stipendium gedacht - umso größer war dann die Überraschung. Sofort nahm ich das Telefon in die Hand um meiner Familie die freudige Nachricht zu verkünden. Von allen Seiten bekam ich Glückwünsche. Mir wurde aber auch bewusst, dass ich die guten Leistungen im Studium neben dem fleißigen „Durchforsten“ von Ordnern und Fachliteratur auch meinem gesamten Umfeld zu verdanken hatte. Da gab es meine beiden Schwestern, die immer ein offenes Ohr für mich hatten, wenn die Prüfungszeiten und Klausuren überhaupt kein Ende mehr zu nehmen schienen, meinen Freund, der versuchte, die freien Pausen zwischen dem Lernen für mich so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten und natürlich meine Eltern, die mich während des gesamten Studiums in
jeglicher Art und Weise unterstützten. Auch ihnen allen gebührt mein Dank, dass das Liebig-Stipendium zu einem Teil meines Lebenslaufs geworden ist.

Im Dach-Café wurde mir dann im feierlichen Rahmen die Stipendien-Urkunde überreicht. Nun wurde meine Arbeit der letzten sechs Semester, viele lange Lerntage und -nächte, die geopferten Wochenenden für Hausarbeiten oder Vorträge und nicht zuletzt die kontinuierlichen Vorlesungsbesuche belohnt. Es zeigte sich für mich, dass es doch noch lohnenswert ist, Leistung und Ehrgeiz zu zeigen und seine Ziele stetig zu verfolgen. Das Stipendium war nun nicht nur Bestätigung für die bisher erbrachten Leistungen, sondern auch Motivation für die folgenden letzten beiden Semester meines Studiums, insbesondere für das Anfertigen der Master-Arbeit.

Nun sind zehn Semester agrarwissenschaftliches Studium vorüber und die Masterarbeit ist geschrieben, gedruckt und verteidigt, daher möchte ich an dieser Stelle kurz darüber berichten, warum meine Wahl auf ein Agrarstudium in Gießen gefallen ist. Meine Liebe zur Landwirtschaft ist darin begründet, dass ich selbst von einem landwirtschaftlichen Betrieb stamme. Meine Eltern besitzen diesen Betrieb und schon in jungen Jahren gefiel mir die Arbeit mit den Tieren, das Arbeiten auf den Feldern und im Stall, sodass ich schon immer freiwillig den Großteil meiner Freizeit auf unserem Hof verbrachte um dort meine Eltern tatkräftig zu unterstützen. Nach der Realschule entschied ich mich daher für die Schulform des Beruflichen Gymnasiums, da dort die Fachrichtung „Agrarwirtschaft“ angeboten wurde. Meine Eltern waren zunächst skeptisch, wollten sie doch ihre Tochter am liebsten an irgendeinem Schreibtisch eines Büros arbeiten sehen. Als Kompromiss bot ich an, ein Praktikum in einem Büro zu absolvieren, um mir ein Bild von dieser Arbeit machen zu können und um zu entscheiden, ob mir diese Form der Arbeit überhaupt gefällt. Schon nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass mich die Arbeit im Büro nicht ausfüllt und mich nicht glücklich machen kann. Ich meldete mich also am Beruflichen Gymnasium an. Nach bestandenem Abitur stand für mich dann auch ohne größere Überlegungen fest, Agrarwissenschaften zu studieren. Aber wo?

Die räumliche Nähe zu meinem Heimatort ließ mich relativ schnell entscheiden: es sollte Gießen sein. Nach zehn Semestern Studium in Gießen bin ich davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, denn: ich habe es bisher nie bereut. Während es viele meiner Freunde zum Studieren in größere Städte zog, war ich mit meiner Wahl, nach Gießen zu ziehen, nie unzufrieden. Zu große Städte verleihen mir immer das Gefühl der absoluten Anonymität und Hektik. In Gießen hatte ich dieses Gefühl nie. Gießen zählte für mich zu den Städten mit „überschaubarem Rahmen“ und das gefiel mir so. Optisch gehört Gießen sicherlich nicht zu den allerschönsten Städten Deutschlands, doch auch in Gießen gibt es durchaus Ecken, die zum Verweilen und Entspannen geradezu einladen. Die Mittagspausen zwischen den Vorlesungen lassen sich beispielsweise sehr gut mit einer Decke vor dem Zeughaus verbringen. Auch der Botanische Garten bietet Anlass zum Entspannen und zum Genießen der Natur. Gießen lässt für die Freizeitgestaltung - meiner Meinung nach - keine Wünsche offen. Auch Freunde und Bekannte konnte ich an zahlreichen Wochenenden von der Vielfalt der Ausgehmöglichkeiten überzeugen: neben dem Stadttheater eröffnen sich die Möglichkeiten, die unterschiedlichsten Konzerte zu besuchen. Auch das Kino, verschiedene Cocktail-Bars, Discotheken etc. sind einen Besuch wert und lassen keine Langeweile aufkommen. Tagsüber lässt es sich sehr gut auf dem Seltersweg flanieren, aber auch der Bau des neuen Einkaufszentrums am Neustädter Tor hat dazu geführt, dass Shopping-Ausflüge nach Frankfurt für mich eher zur Seltenheit geworden sind.

Als ich anfing zu studieren wurde der Fachbereich zum Wintersemester 2002/2003 vom Diplom- auf das Bachelor-/Master-System umgestellt. Anfangs waren wir „Erstis“ noch in den Diplomstudiengang eingeschrieben. Der Wechsel in den Bachelorstudiengang erfolgte automatisch, wenn kein Einspruch eingelegt wurde. Ich entschied mich, auch weiterhin wie bisher nach dem Bachelor-/Mastersystem zu studieren, da mir und meinem Lernrhythmus die sich gleich an das Semester anschliessenden Modulprüfungen von Vorteil erschienen. Neben den Kernmodulen, die als „Pflichtveranstaltungen“
belegt werden mussten, konnte man im Bachelor-/Masterstudiengang eine Reihe von Profilmodulen, die frei wählbar sind, besuchen. Das individuelle Zusammenstellen des eigenen Studien-Verlaufsplans empfand ich dabei als äußerst angenehm. Besondere Interessensschwerpunkte baute ich durch die freie Wahl der Profilmodule aus, es wurde mir aber auch
ermöglicht, in fremde Themengebiete, die mich neugierig machten „hineinzuschnuppern“.

Den Stundenplan zusammengestellt (wobei man im ersten Semester noch keinen wirklichen Freiraum für individuelle Wünsche hat), startete ich optimistisch in das erste Semester - und wurde herb enttäuscht: die Vorlesungen waren überlaufen, die Hörsäale brechend voll, und das, obwohl lediglich fünfzig Studenten das Fach Agrarwissenschaften im ersten Semester studierten. Der Grund hierfür lag schlicht und einfach darin, dass auch die Ernährungswissenschaftler und Ökotrophologen dieselben Basisveranstaltungen und Grundlagenvorlesungen hören mussten wie wir. Die Betreuung der Studenten blieb auf der Strecke und man kam sich oftmals vor wie bei einer „Massenabfertigung“.

Viele meiner Kommilitonen gaben bereits nach dem ersten Semester auf, ich hielt durch. Und siehe da: es wurde besser. Bereits im zweiten Semester konnte man fächerspezifische Vorlesungen belegen, die Betreuung wurde wesentlich besser, man lernte die Professoren näher kennen, Exkursionen wurden unternommen etc. Nun fing das Studium, nach kurzer Anlaufzeit und einigen Schwierigkeiten an, Spaß zu machen. Es folgten die Besuche von sechszehn Kernmodulen, von
dreizehn frei wählbaren Profilmodulen, Praktika auf verschiedensten landwirtschaftlichen Betrieben und auch im nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft und schließlich eine praxisnahe Studienarbeit. Nach sechs Semestern endete der erste Teil meines Studiums dann mit dem Bachelor-Abschluss. Da mir der Bachelorstudiengang zunehmendst Spaß bereitete und neugierig auf mehr machte, wollte ich mein Wissen schwerpunktmäßig vertiefen. So entschloss ich mich, in weiteren vier
Semestern den Masterabschluss in der Studienrichtung: Nutztierwissenschaften zu erlangen. Nun ist auch diese Hürde gemeistert und ich sehe mich am Ende des Studiums um viele Erfahrungen reicher, mit einem erweiterten Horizont und einem fundierten Wissen, motiviert für neue Herausforderungen in das Berufsleben starten.

Das Stipendium hat mir in den letzten beiden Semestern sehr geholfen und mir mein Leben in diesen beiden Semestern wesentlich angenehmer gestaltet. Finanzierte ich bisher den Großteil meines Studiums über Ferienjobs, die mich in der vorlesungsfreien Zeit an Fabrikbändern monotone Arbeit verrichten ließen, so konnte ich nun die vorlesungsfreie Zeit dazu nutzen, mit den Recherchen meiner Masterarbeit zu beginnen und mich ausschließlich auf die letzten Prüfungen meines Studiums zu konzentrieren. Weiterhin ermöglichte mir das Stipendium, dass ich mir endlich einen neuen und vor allen Dingen einen eigenen Laptop zulegen konnte, den ich für das Schreiben der Masterarbeit benötigte. Musste ich mich bisher mit einem älteren, etwas zu langsamen Computer mit dementsprechend älterer Software durch Hausarbeiten und Referate kämpfen, so erleichterte mir mein neuer Laptop das Schreiben der Masterarbeit um einiges. Wie es der Zufall so will, streikte auch mein Drucker, sodass ich mir einen neuen Drucker mit Scanner und Kopierer zulegte. Vorbei waren also die Zeiten, in denen ich für jedes Bild, welches ich scannen wollte, zu Kommilitonen oder wegen jeder Kopie in den Copy-Shop laufen musste. Diese Anschaffung ersparte mir bisher schon sehr viel Zeit. Auch einige Bücherwünsche gingen mit Hilfe des Stipendiums in Erfüllung. Nachschlagewerke, die uns von den Professoren als Basiswissen empfohlen wurden und in jedes Bücherregal eines
Nutztierwissenschaftlers gehörten, jedoch aus finanzieller Sicht bisher lediglich innerhalb der Ausleihfrist der Universitätsbibiliothek in meinen eigenen Räumen wieder zu finden waren, zieren nun zu jeder Zeit meine Regale.

Nach fünf Jahren leben und studieren in Gießen verlasse ich Gießen mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Das weinende Auge steht für die vielen Erinnerungen und Erlebnisse, die ich mit Gießen verbinde, schließlich habe ich dort ein halbes Jahrzehnt meines Lebens verbracht und mich immer sehr wohl gefühlt. Das lachende Auge blickt voraus in die Zukunft: das „neue“ Leben, nun nicht mehr als Student, mit vielen neuen Herausforderungen und Dingen, die entdeckt werden wollen,
wartet auf mich ...

Ich möchte mich abschließend bei all denen, die es ermöglicht haben, dass mir das Gießener Liebig-Stipendium zuerkannt wurde, herzlichst bedanken. Vielen, vielen Dank!

Sabrina Kern, Oktober 2007"

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