Bericht von Christoph Weidmann

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Gießener Liebig-Stipendiat 2005/2006, Studiengang Chemie

"Mein Jahr als Gießener Liebig-Stipendiat geht nun zu Ende und erst im Rückblick wird mir klar, wie schnell manchmal die Zeit vergeht. Das Jahr als Liebig-Stipendiat ist zwar wie im Flug vergangen, aber vor allem kommt es mir nicht so vor, als sei es schon vier Jahre her, dass ich mich in Gießen zum Chemiestudium eingeschrieben habe. Im Rückblick kann ich sagen, dass diese Entscheidung auf jeden Fall die richtige war. Ich möchte hier die Erfahrungen mit Stadt und Universität schildern und kurz erläutern, wie es dazu kam, dass ich in Gießen studiere:

Nachdem ich schon früh wusste, dass ich nach dem Abitur Chemie studieren will, war mir relativ bald ebenfalls klar, dass ich in Gießen studieren werde. Ich muss aber sagen, dass ich mich im Vorfeld sehr wenig über potentielle Studienorte informiert hatte, so dass mir der damals negative Ruf der Justus-Liebig-Universität im Bereich Chemie glücklicherweise entgangen war. Ich muss gestehen: Ich hatte mich in erster Linie für Gießen entschieden, weil ich in der Nähe wohnte. Gießen war mir schon lange als nächste größere Stadt vom Einkaufen und abends Ausgehen bekannt. Ich fühlte mich daher in dieser Stadt schon fast heimisch, wusste ihre Vorteile zu schätzen und empfand es hier daher im Gegensatz zu manchen Kommilitonen weder extrem hässlich, noch unfreundlich oder abschreckend. Dass zudem die Gießener Universität mit Liebig nach einem großen Chemiker benannt war, spielte bei meiner Entscheidung ebenfalls im Hintergrund eine Rolle. Daher fühle ich mich besonders geehrt, dass mir das Liebig-Stipendium 2005/2006 zuerkannt wurde!

Ich erfuhr erst hinterher vom nicht überragenden Ruf der chemischen Institute der JLU, den ich mittlerweile aber für absolut ungerechtfertigt halte! Es gab tatsächlich eine Übergangszeit, in der viele alteingesessene Professoren in den Ruhestand gingen und dadurch eine Lücke hinterließen. Zu Beginn meines Studiums fand ich aber aufgrund der freigewordenen Stellen eine hervorragende Situation vor: Junge und motivierte Wissenschaftler, die als Professoren eine sehr gute Lehre und Betreuung boten. Der wenig herausragende Ruf der JLU führte zu einer geringen Anfängerzahl der Studierenden, was in kleinen Gruppengrößen resultierte. Außerdem hatte ich vom ersten Semester an den Eindruck, dass alle Professoren ehrlich daran interessiert sind, den Studenten die bestmögliche Lehre zu bieten und sie bei Problemen zu unterstützen. Dadurch war eine sehr gute Betreuung der Studenten gewährleistet: Der oft gehörte Spruch, man könne sich bei Fragen oder Problemen jederzeit an die entsprechenden Professoren wenden, war hier wirklich so gemeint. Vielen Dank dafür!

Viele der Vorteile, die diese gute Betreuung, aber zum Teil auch die Diplomprüfungsordnung mit sich brachten, wurden mir erst durch Gespräche mit Schulfreunden klar, die an anderen Hochschulen studierten: Für die zahlreich abzulegenden mündlichen Prüfungen konnte man den Prüfungstermin mit den entsprechenden Prüfern selbst vereinbaren, was die selbstständige Organisation der Prüfungsvorbereitung enorm vereinfachte, von Freunden jedoch oft Kopfschütteln einbrachte. Daher muss ich sagen: Der Studiengang Diplom-Chemie war sicherlich reformbedürftig und auch von den Lerninhalten nicht mehr wirklich zeitgemäß, aber die dort vorgesehen mündlichen Prüfungen kamen mir stets mehr entgegen als entsprechende schriftliche Klausuren. Zu meinem persönlichen Lernrhythmus passen umfassende mündliche „Semesterabschlußprüfungen“ eher, als die vielen kleinen Modulprüfungen des Bachelor-/Master-Systems. Ich bin also der rein subjektiven Meinung, dass für mich der Diplomstudiengang besser geeignet ist. Dennoch bringt die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge auch unbestreitbare Vorteile mit sich. Die internationale Vergleichbarkeit sorgt möglicherweise dafür, dass sich der Ruf Gießens verbessert, die Anfängerzahlen steigen und damit Stadt und Universität den Zulauf erhalten, den sie verdienen.
Mein Studienbeginn brachte aber auch durchaus abschreckendes mit sich: Das Institutsgebäude der Chemie im Heinrich-Buff-Ring ist zwar auch schon von außen kein Glanzlicht Gießens, aber innen wirkten die schmutzig-grün gestrichenen Flure, die schweren Stahltüren und die ständig ausgefallenen Aufzüge erst recht abschreckend bis deprimierend. Dennoch: Durch nette Kommilitonen und interessante Lehrveranstaltungen verflüchtigte sich dieser Eindruck zusehends.

Nach dem Vordiplom ermöglichten im Hauptstudium diverse Praktika den direkten Einblick in die Tätigkeiten der verschiedenen Arbeitsgruppen. Durch diese interessanten Einblicke in den Forschungsbereich der jeweiligen Arbeitsgruppe ist es bereits früh möglich, sich über seine speziellen Interessen im großen Bereich der chemischen Forschung klar zu werden. Man konnte so einen Eindruck davon gewinnen, wie der Arbeitsalltag im „wirklichen Leben“ als Doktorand aussehen könnte. Ich wusste natürlich zwar bereits vorher, dass sich ein diplomierter Chemiker nicht mit den Dingen beschäftigt, die die Studenten in den ersten Grundlagenpraktika durchführen, die konkrete Vorstellung von der Arbeitsweise bei Diplomarbeit oder Promotion fehlte mir bis dahin jedoch. Ich bin daher sehr dankbar dafür, dass ich diese Vorstellung gewinnen konnte und weiß nun, was mich in meiner Zukunft erwarten wird.

Ich möchte jetzt, nach dem ich mich bis hier im Wesentlichen mit der Universität beschäftigt habe, etwas näher auf meine Eindrücke von der Stadt Gießen selbst eingehen: Wie bereits angesprochen kannte ich die Stadt bereits lange vor dem Ende der Schulzeit. Ich fuhr schon früher zusammen mit Freunden mit dem Zug zum Einkaufen in die Stadt, wobei ich das große Angebot an Geschäften verschiedenster Art zu schätzen lernte, das diese Stadt ihren Einwohnern und Gästen bietet. Ich persönlich hatte immer einen positiven Eindruck vom Seltersweg als Haupteinkaufsstraße. Ich finde es positiv, neben Fachgeschäften auch große Kaufhäuser vorzufinden sowie tagsüber einen Kaffee trinken zu können, während man abends nur wenige Meter entfernt in einer Seitenstraße im „Ulenspiegel“ feiern geht. Zur positiven Atmosphäre des Selterswegs gehören neben all diesen Dingen aber auch Details wie ein etwas verwirrter Zeitgenosse, der friedlich auf seinen Schildern die Rettung von oder durch Außerirdische prophezeit sowie die umstrittene stadtplanerische Leistung des Fußgängerüberwegs Selterstor (besser bekannt als Elefantenklo).

Gießen bietet seinen Einwohnern neben kulturellen Einrichtungen wie dem Stadttheater auch interessante Museen wie das Liebig-Museum oder das Mathematikum. Auch das Nachtleben kommt nicht zu kurz, viele Cocktail-Bars, Kneipen und auch Biergärten laden nach getaner Arbeit zum Einkehren ein. Als größere Stadt bietet Gießen in diesem Bereich einfach ganz andere Möglichkeiten als kleinere Städte. Schon zu Schulzeiten war ich mit Freunden regelmäßig im Bowling-Center zu Gast, da es an unseren Wohnorten nichts Vergleichbares gab.

Wie jede Stadt verfügt auch Gießen über schöne und weniger schöne Ecken. Es mag sein, dass es hier vielleicht einige Stellen mehr gibt, die eher zur weniger vorteilhaften Kategorie gehören, aber der Gesamteindruck ist aus meiner Sicht durchaus positiv. Der hohe Studentenanteil der Bevölkerung trägt sicherlich ebenfalls zum jungen und positiven Bild bei, so dass ich die allgemein vorherrschende negative Einstellung absolut nicht teilen kann.

Dennoch denke ich, ist es für eine Stadt wie Gießen sehr wichtig, an ihrem Image zu arbeiten! Viele der Studenten, die in zulassungsbeschränkten Studiengängen von der ZVS einen Studienplatz in Gießen bekommen, bezeichnen sich selbst als „ZVS-Opfer“. Ich finde, das muss nicht sein, die Stadt Gießen ist besser als ihr Ruf!

Meine Zeit als Gießener Liebig-Stipendiat entsprach dem letzten Jahr vor der Vorbereitung auf die Diplomprüfungen. Da ich die Fortgeschrittenen-Praktika der anorganischen und analytischen Chemie bereits erfolgreich absolviert hatte, standen in diesem Zeitraum die Pendants in der organischen und physikalischen Chemie auf dem Plan. Ich befinde mich nun in der Vorbereitung auf die Diplomprüfungen und werde nach deren Abschluss in der nächsten Zeit mit meiner Diplomarbeit beginnen.

Ich möchte allen Verantwortlichen bei Stadt und Universität dafür danken, dass mir das Gießener Liebig-Stipendium im Fach Chemie zuerkannt wurde. Ganz besonderer Dank gebührt hier natürlich in erster Linie dem Magistrat der Universitätsstadt Gießen dafür, dass es dieses Stipendium zum Andenken Liebigs überhaupt gibt und nun bereits im vierten Jahr verliehen wird. Ich möchte diese Gelegenheit natürlich auch nutzen, um den Stipendiaten im Jahr 2006/2007 ganz herzlich zu gratulieren und ihnen weiterhin viel Erfolg zu wünschen!

Christoph Weidmann, Oktober 2006"

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