Bericht von Nicole Schichtel

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Gießener Liebig-Stipendiatin 2004/2005, Studiengang Chemie

"Vier Jahre Gießen – Ein Rückblick

Nun ist es soweit, das Jahr des Liebig-Stipendiums ist zuende und zwei neue Anwärter bekommen ihre Chance. Dass auch ich einmal zu denjenigen gehören sollte, die ein Stipendium bekommen, hatte ich bis vor einem Jahr noch in keinster Weise glauben können. Ein Kommilitone hatte mir zwar immer wieder Mut gemacht, aber bis die frohe Botschaft endlich in Form eines Briefes bei mir ankam, war ich sehr skeptisch. Umso großartiger war dann natürlich die Überreichung. Und es war ein Ansporn für die noch verbleibende Studienzeit bis zum Diplom.

Erst jetzt, kurz vor meinen Studienabschluss im Fach Chemie, wird mir klar, wie lange es her ist, dass es mich sozusagen nach Gießen verschlagen hat. Und bevor ich dazu übergehe, meine Erfahrungen bezüglich des Studiums in Gießen zu beschreiben, sollte ich erklären, wieso ich überhaupt in diese Stadt gekommen bin.

Gießen war ehrlich gesagt nicht meine erste Wahl. Eigentlich stand Gießen nach Abschluss der Schulzeit überhaupt nicht auf meiner Liste der möglichen Studienorte. Das hing zum Ersten damit zusammen, dass auch das Chemiestudium zu diesem Zeitpunkt nicht meine erste Wahl war. Ich interessierte mich eher für den künstlerischen Bereich, allerdings war es mir während der Schulzeit nicht möglich, in diesem Fach einen Leistungskurs zu belegen. Ich wählte also Chemie als Leistungsfach, unter anderem weil ich es damals als Herausforderung ansah. Dennoch bewarb ich mich nach dem Abitur zunächst an einer Kunsthochschule. Nun ja, Studienplätze in diesen Fachbereichen sind knapp und nur wirklich talentierte Bewerber werden angenommen. Ich hatte einsehen müssen, dass ich nicht dazu zählte.

Um nicht ganz ohne Studienplatz dazustehen und zugegebenermaßen auch auf Drängen meiner Familie und Freunde bewarb ich mich dann an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Dies war in meinem Fall der Weg des geringsten Widerstandes: nahe an meinem bisherigen Wohnort und außerdem aufgrund der geringen Anzahl an Bewerbern ohne große Gefahr, dass meine Bewerbung abgelehnt werden könnte.

Anfangs hatte ich mir fest vorgenommen, lediglich "Zeit totzuschlagen" und es zum nächsten Semester noch einmal mit einer Kunsthochschule zu versuchen. Aber ich bin dann wohl irgendwie hängen geblieben …

Manchmal muss man eben einfach etwas ausprobieren, um zu erkennen, was das Richtige ist. Ein Semester Chemiestudium hat ausgereicht, um mich an dieses Fach und letztendlich auch an Gießen zu binden.

Es gab außer mir wie erwartet nur vergleichsweise wenige Erstsemestler im Fach Chemie. Bis heute hat sich daran noch nicht viel geändert. Wer wirklich Chemie studieren möchte, dem wird damals wie heute Marburg empfohlen. Mir wurde sogar teilweise vehement von Gießen abgeraten. Wenn ich es also zum Zeitpunkt meiner Einschreibung wirklich ernst mit der Chemie gemeint hätte, wäre ich vermutlich auch nach Marburg gegangen. Noch während des Grundstudiums spielte ich lange mit dem Gedanken an einen Wechsel nach Marburg. Aber auch dazu ist es nicht gekommen. Aus heutiger Sicht empfinde ich meine Entscheidungen als richtig, aber anfangs war meine Verunsicherung groß.

Das ist wohl ein Problem, das Gießen nach wie vor leider hat: gerade in der Chemie ist der ehemals so gute Ruf der Universität bei vielen Neubewerbern nur noch Geschichte. Schlechte Ausstattung und überalterte Personalstruktur sind Beispiele für immer wieder genannte Nachteile des Chemiestudiums in Gießen. Dagegen glänzt der Nachbar Marburg mit einem hervorragenden Ruf, auf den alljährlich veröffentlichten Rankings steht Marburg weit oben, Gießen hat Glück überhaupt erwähnt zu werden.

Der erste Eindruck beim Betreten des Chemiegebäudes konnte dieses mir zuvor vermittelte Bild zugegebenermaßen noch nicht verdrängen. Meine Meinung änderte sich aber im Laufe des Studiums. Mittlerweile trifft man im Fachbereich Chemie fast ausschließlich auf junge Professoren, die nicht nur deutschlandweit sondern zum Teil auch bis über die Grenzen Deutschlands hinaus einen sehr guten Ruf genießen. Und diese Professoren sind nicht unerreichbar weit weg oder erst nach endlosen Wartezeiten für Studenten zu sprechen: ganz im Gegenteil. Wenn ich nun die vier Jahre Revue passieren lassen, kann ich nur sagen, dass ich immer das Gefühl hatte, gut aufgehoben zu sein. Keine überfüllten Hörsäle, eine wirklich sehr gute Betreuung und genügend Platz in den Laboratorien. Als Student kann man, hat man ein Problem, in der Regel immer an die Tür eines Dozenten klopfen und wird freundlich aufgenommen. Das ist bei weitem nicht der Regelfall an anderen Universitäten! Nur durch diesen direkten Kontakt ist es möglich, das Studium flexibel zu gestalten und ein schneller Abschluss ist dann kein Problem.

Auch wenn die geschilderten Bedingungen natürlich zum großen Teil ein Effekt der geringen Bewerberzahlen sind: in Gießen sind die Professoren meiner Erfahrung nach ehrlich am Erfolg der Studenten interessiert und unterstützen jeden, der sich mit einem wissenschaftlichen Problem an sie wendet. Interessierte Studenten können so beispielsweise auf unkomplizierte Weise zusätzliche Praktika innerhalb einzelner Arbeitskreise absolvieren, wodurch natürlich weitaus tiefgehendere Einblicke in die Arbeit eines Naturwissenschaftlers eröffnet werden als das bei den eher traditionell strukturierten Pflichtpraktika der Fall ist. Auch ich war froh, ein solches Angebot während meiner Studienzeit nutzen zu können.

Die einzelnen Arbeitskreise im Fachbereich bleiben nicht anonym, sondern stehen offen. Gerade während des Hauptstudiums wird der Kontakt zwischen Studenten und Arbeitsgruppen intensiviert, was hilft, sich zu orientieren. Anfangs litt ich darunter, dass ich nicht wusste, wo denn nun eigentlich meine Interessen und Fähigkeiten innerhalb des doch recht großen Bereiches der Chemie liegen, nicht zu vergessen auch im Hinblick auf eine spätere Berufswahl. In meinem Fall brachte der Zufall in Form eines Nebenjobs als studentische Hilfskraft innerhalb der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Jürgen Janek, Physikalisch-Chemisches Institut, einen entscheidenden großen Vorteil. An meinem Arbeitsplatz nahm ich am Alltag der Arbeitsgruppe teil und lernte aufgrund meiner organisatorischen Tätigkeit innerhalb eines DFG-Projektes eine große Anzahl Professoren und Doktoranden verschiedener Universitäten kennen, was wohl zu den besten Dingen gehört, die einem Studenten passieren können. So gelangte ich zu der Einsicht, dass Gießen sich wirklich nicht hinter anderen Universitäten verstecken muss. Außerdem bemerkte ich, dass mich besagter Zufall genau an den Ort gebracht hatte, der meinen Interessen am meisten entspricht: ein Institut der physikalischen Chemie. Zugegeben, eine solche Gelegenheit bekommt nicht jeder Student, aber mir wäre es nicht möglich gewesen, meine Entscheidung so sicher zu treffen, hätten nicht alle Institute immer einen so offenen und direkten Einblick ermöglicht.

Nun sollte ich aber auch noch ein paar Worte zu der Stadt Gießen selbst sagen. Sicher, es gibt schönere Städte als Gießen. Auf den ersten Blick ist Gießen nämlich nicht gerade besonders reizvoll, vor allem, wenn man, wie es ein Großteil der Studenten tut, mit dem Zug anreist. Daran sind allerdings nicht vorrangig die kleinen aber harmlosen Gruppen von Obdachlosen schuld, die ihr Dasein in Bahnhofsnähe fristen. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass man sich allgemein wenig schert, wie sauber und einladend es um den Bahnhof herum aussieht. Dabei könnte man den Bahnhof durchaus nutzen, um beispielsweise auf Veranstaltungen in der Stadt aufmerksam zu machen. Ein paar wegweisende Informationen, zum Beispiel wie man die verschiedenen Universitätsgebäude erreicht, würden mit Sicherheit einen zusätzlichen positiven Effekt erzielen. Schließlich sind die Studenten ein wichtiger Teil von Gießens Bevölkerung. Zudem kommen durch die Universität auch hin und wieder Besucher aus dem Ausland nach Gießen. Ein guter erster Eindruck würde der Stadt als Ganzes sicherlich ein paar Pluspunkte einbringen.

Dies alles soll nicht heißen, dass ich Gießen ganz und gar gering schätze. Aber hier ist es wie mit der Universität: Man bemerkt die positiven Dinge leider erst beim zweiten Blick. Gießen hat aus meiner Sicht den Vorteil, dass es nicht hektisch, aber auch nicht langweilig ist. Wer sich einmal gründlich umgeschaut hat, kann viele Möglichkeiten entdecken, sich in seiner Freizeit oder an den Abenden die Zeit zu vertreiben. Und wer an dem sprichwörtlichen abendlichen Studentenleben in Bars und Kneipen nicht interessiert ist, dem kann ich das Gießener Theater empfehlen. Ich habe dort jeden Besuch genossen, natürlich auch deshalb, weil eigentlich immer verfügbare Restkarten äußerst studentenfreundliche Preise haben. Wer in Gießen trotzdem nichts nach seinem Geschmack findet: dank der guten Verkehrsanbindung ist beispielsweise Frankfurt mit dem Studententicket schnell erreicht. Ich hoffe allerdings, dass Gießen das eigene kulturelle Angebot noch weiter ausbaut.

Insgesamt hoffe ich, dass ich den vielleicht immer noch in den Köpfen vorhandenen Vorurteilen bezüglich des Chemiestudiums in Gießen ein Gegenbeispiel liefern konnte.

Gleichzeitig möchte ich aber daran erinnern, dass sowohl am Ruf der Stadt als auch der Universität etwas getan werden sollte. Am ersten Eindruck darf nicht gespart werden!

Abschließend möchte ich mich noch einmal dafür bedanken, dass mir die Auszeichnung des Gießener Liebig-Stipendiums zuteil geworden ist. Natürlich gilt das im Besonderen für all diejenigen, die sich für mich stark gemacht haben.

Zwar beinhaltet das Liebig-Stipendium neben seiner Bedeutung als Auszeichnung nur eine finanzielle Förderung, aber weil ich wie viele andere nicht zu einer Familie von Besserverdienenden gehöre, wurde mir mit dem Stipendium ein von finanzieller Seite her sorgenfreier Aufenthalt in Gießen und damit die ungeteilte Konzentration auf mein Studium gestattet. Und da ich während des Studiums auf einen Auslandsaufenthalt verzichtet habe, steht für mich fest, dies während meiner nun folgenden (hoffentlich erfolgreichen) wissenschaftlichen Laufbahn nachzuholen. Dafür habe ich einen Teil des Stipendiums bisher unangetastet gelassen, so dass ich auch nach Ablauf der Förderung noch davon profitieren werde.

Bleibt mir nur noch, den nächsten Stipendiaten zu gratulieren und alles Gute zu wünschen.

Nicole Schichtel, September 2005"

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