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Heute hat mehr als jeder fünfte Erwerbstätige (22%) zuvor an einer Universität, Fachhochschule oder Berufsakademie studiert. Der ungebremste Trend zur Akademisierung sorgt jedes Jahr für viele neue Jungakademiker auf dem Arbeitsmarkt: Seit 2007 kletterte der Akademikeranteil unter den Erwerbstätigen um 13 Prozentpunkte. Laut Statistischem Bundesamt haben 2017 rund 502.000 Studierende ihre akademische Ausbildung erfolgreich abgeschlossen ein neuer Rekord. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Plus von rund zwei Prozent. Vor dem Hintergrund hoher Studienanfängerzahlen (rund 509.000 Neuimmatrikulationen im Studienjahr 2017/18) dürfte die Zahl der Berufsanfänger mit akademischem Abschluss auch in den nächsten Jahren weiter deutlich wachsen, bevor sie in Folge der demografischen Entwicklung zurückgehen wird.

Warum sich so viele Menschen für ein Hochschulstudium und nicht für eine berufliche Ausbildung entscheiden, beruht unter anderem auf einem Gesellschaftsbild, das nicht zuletzt durch die Politik vermittelt wurde: Das Abitur wird mittlerweile vielfach als Mindestabschluss einer schulischen Qualifikation angesehen. Daraus resultiert bei Jugendlichen der Trugschluss, dass nur das Abitur optimal auf eine erfolgreiche Berufstätigkeit vorbereitet. Kai Schelberg, stellvertretender Leiter des Geschäftsbereiches Aus- und Weiterbildung bei der IHK Gießen-Friedberg sagt dazu: "Die duale Berufsausbildung wird gesellschaftlich noch immer nicht so wertgeschätzt wie ein Studium. Oft denken Eltern, nur ein Studium sichere ihren Kindern eine gute Startposition ins Berufsleben. Jugendliche brauchen aber Zeit, um sich beruflich zu orientieren und ihre persönlichen und individuellen Stärken und Entwicklungspotenziale einschätzen zu können. Vor allem an Gymnasien sollte die Berufsorientierung daher stärker in den Fokus rücken. Nur so kann sich die berufliche Ausbildung als Karrierebaustein neben dem Studium in der Gesellschaft etablieren."

Des Weiteren wird das Bild vermittelt, dass Akademiker mehr verdienen als Nicht-Akademiker und dass das Arbeitslosenrisiko geringer ist und Akademiker schlicht die besseren Jobs haben. Doch stimmen diese (Vor-)urteile tatsächlich?

Stimmt es eigentlich, dass Akademiker mehr verdienen als Nicht-Akademiker?

Vergleicht man Gehälter von Akademikern und Nicht-Akademikern, kommt man schnell auf den Vergleich des Lebenseinkommens: Einer aktuellen Studie des Münchener ifo-Instituts (2017) zufolge verdienen Akademiker, die ein Universitätsstudium im ersten Bildungsweg abgeschlossen haben, durchschnittlich 390.000 Euro netto in ihrem Erwerbsleben und damit 65 Prozent mehr als jemand mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Jedoch gibt es in der Gruppe der Akademiker erhebliche Unterschiede: Darf ein Ingenieur in Luft- und Raumfahrt mit einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt von ca. 5.800 Euro rechnen, so hat ein Architekt zu Beginn seines Arbeitslebens durchschnittlich lediglich 3.000 Euro zur Verfügung. Absolventen der Sozialpädagogik oder der Geisteswissenschaften müssen beim Gehalt meist noch größere Abstriche machen.

Demgegenüber ist das Einstiegsgehalt von ausgebildeten Fachkräften oft höher, als man vielleicht meint: Bankkaufleute können nach ihrer Berufsausbildung mit einem Gehalt von bis zu 3.400 Euro brutto rechnen. Ebenso sind Arbeitskräfte in der Industrie sehr gefragt: Ein ausgelernter Industriemechaniker wird mit bis zu 2.500 Euro brutto monatlich entlohnt. Wird später noch eine Höhere Berufsbildung (auch: Aufstiegsfortbildung) absolviert, wie beispielsweise zum Industriemeister, werden sogar Monatsgehälter in Höhe von bis zu 4.400 Euro brutto erzielt stets in Abhängigkeit von Branche und Betriebsgröße. Das klassische Vorurteil, dass Akademiker grundsätzlich mehr verdienen als Nicht-Akademiker, stimmt also nur bedingt. Der insgesamt höhere Gehaltsdurchschnitt wird bei den akademisch Qualifizierten insbesondere durch Ärzte und Ingenieure angehoben, während andere Berufe deutlich darunter rangieren. Eine berufliche Ausbildung kann also lukrativer sein als ein jahrelanges Studium insbesondere dann, wenn Absolventen durch die zunehmende Akademisierung immer häufiger dazu gezwungen sind, mit unterqualifizierten und somit schlechter bezahlten Jobs ins Erwerbsleben einzusteigen.

Perspektivisch dürfte sich das Einkommensgefüge sogar insgesamt zu Gunsten der beruflich Gebildeten verschieben, wenn der Trend zur Akademisierung weiterhin anhält wie sich am Beispiel der MINT-Berufe eindrucksvoll belegen lässt: Im Herbst 2018 berechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) eine MINT-Arbeitskräftelücke von insgesamt 337.900 Personen, die damit den höchsten Oktoberwert seit Beginn der Aufzeichnung erreichte und zu über zwei Dritteln im Segment der beruflich Qualifizierten verortet ist. Sie setzt sich zusammen aus 171.700 Personen in MINT-Facharbeiterberufen sowie 60.200 im Segment der Spezialisten-/Meister-/Technikerberufe. Demgegenüber ist die akademische Arbeitskräftelücke im MINT-Sektor mit 106.000 fehlenden Personen nicht einmal halb so groß.

Stimmt es eigentlich, dass Akademiker weniger oft arbeitslos sind als Nicht-Akademiker?

Das Arbeitslosenrisiko sinkt mit steigendem Bildungsniveau ein ziemlich stabiles Bild: Seit dem Jahr 1975 hat sich die Rangfolge bei den Arbeitslosenquoten in den drei Qualifikationsebenen nicht verändert. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag die qualifikationsspezifische Arbeitslosenquote für Akademiker im Jahr 2017 bei 2,1 Prozent. Bei Fachkräften, die sich zum Meister- oder Techniker weiterqualifiziert haben, betrug die Arbeitslosenquote im Vergleichszeitraum hingegen lediglich 1,5 Prozent. Dies zeigt: Eine duale Ausbildung mit anschließender Aufstiegsfortbildung schützt noch besser vor Arbeitslosigkeit als ein Studium. Wie auch beim Einkommen kann man beim Thema Arbeitslosigkeit nicht alle Akademiker über einen Kamm scheren. Die Arbeitslosenquote für studierte Werbe- und Marketingspezialisten wurde zuletzt mit 4,8 Prozent angegeben aber lediglich 1,3 Prozent der Absolventen in der Human- und Zahnmedizin finden keine Beschäftigung, was die Quote insgesamt wieder senkt (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2018).

Stimmt es eigentlich, dass Akademiker immer sicherere Jobs haben als Nicht-Akademiker?

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Befristungsanteil. Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge lag dieser zuletzt für Nicht- Akademiker mit einer abgeschlossenen dualen Ausbildung oder gleichwertigem Berufsfachschulabschluss bei 6,3 Prozent; für Absolventen einer Meister-/ Technikerausbildung bei nur 5,3 Prozent. Der Anteil der Akademiker in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis rangierte indes mit 11 Prozent deutlich über diesen Werten. Dieser Unterschied zu den beruflich Qualifizierten ist beachtlich, auch wenn Stellen im Wissenschaftsbetrieb, die eher von Akademikern eingenommen werden, recht häufig befristet ausgeschrieben sind.

Fazit: Mit einem Hochschulabschluss in der Tasche verdient man keineswegs generell mehr als ein Nicht-Akademiker. Gleichzeitig ist die Chance, nach einem Studium eine unbefristete Anstellung zu finden, geringer als mit einem Abschluss der Höheren Berufsbildung. Höchste Zeit also, mit den gängigen Vorurteilen aufzuräumen und den Karriereweg der Beruflichen Bildung noch stärker als lohnende Alternative zum Studium zu bewerben!

 

04.04.2019 
Quelle: IHK Gießen-Friedberg 

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