Bericht von Adelina Nemirowskaja

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Gießener Liebig-Stipendiatin 2003/2004, Studiengang Chemie, Fachbereich Biologie, Chemie und Geowissenschaften der Justus-Liebig-Universität

"Unfrisierte Gedanken im Schatten Liebigs

Es begann an einem sonnigen Apriltag des Jahres 2003. Das Fortsetzen der Laborsynthese verzögerte sich, da die in begrenzter Anzahl verfügbaren Gerätschaften belegt waren, und mein Name erschien hoffnungslos weit unten auf der langen Warteliste. Verärgert über den damit verbundenen Aufschub des Praktikumabschlusses, freute ich mich insgeheim über die auf diese Weise für die Vorbereitung eines herannahenden Vortrages gewonnene Zeit. Mit dieser Motivation eilte ich nach Hause, wo mich ein seltsamer Besuch erwartete: ein Brief aus dem Gießener Magistrat teilte mit, dass mir das, anlässlich des 200. Geburtstags J. v. Liebigs als besondere Geste der Stadt (und der Universität) gestiftete, Gießener Liebig-Stipendium zugesprochen wurde.

Obwohl vor dem Hintergrund allgemeiner Ressourcenknappheit verwunderlich und gerade deshalb auch bewundernswert, diese Idee passt jedoch sehr gut in den Gesamtkontext milder aber konsequent durchgesetzter Reformen, - eines Kurses, der von dem damals amtierenden Dekan Prof. Dr. Jürgen Janek eingeschlagen und von seinem Nachfolger, dem Chemie-Prodekan Prof. Dr. Dr. Peter R. Schreiner fortgeführt wird. Denn als ich vor 4 Jahren das Gebäude des Fachbereiches Chemie zum ersten Mal betrat, stellte es ein perfektes Abbild der Monotonie und Gesichtslosigkeit der Stadt Gießen en miniature dar. Inzwischen ist das bedrückende, schmutzige Olivgrün des Interieurs den hellen, freundlich anmutenden Farben gewichen, die Vorhänge sorgen für die gemütliche und ruhige Atmosphäre der Bibliothek, deren Bestände in letzter Zeit immens erweitert und aktualisiert wurden. Dank der vollständigen Neubesetzung der Professuren durch junge, hochgradig kompetente, motivierte und ambitionierte Wissenschaftler, kommen Studierende nun in den Genuss, auf dem aktuellsten Wissensstand informiert zu werden. Wegen allgemein kleiner Kursteilnehmerzahlen - durchschnittlich 8 - 20 Studenten - steht man nicht einer anonymen Verwaltungsmaschinerie der Lehre gegenüber, sondern wird wie ein Individuum von den Dozenten behandelt, da bei solcher Konstellation kein Abbau der autoritären Distanz als hohler Snobismus erscheinen würde. Die somit durch eine flexible, vertrauliche Betreuung verursachte Abnahme des Leistungsdrucks (nicht des Forderungsumfanges) wird auf der anderen Seite durch die ständige Gegenwart eines kritischen Publikums (der Arbeitsbereich), in dessen Blickfeld die kleinen Erfolge und Missgeschicke des Studienalltags gelangen, ausbalanciert. Neben dem sehr persönlichen Umgang bringt ferner das für den Fachbereich Chemie in Gießen charakteristische Professoren-/Studentenzahl-Verhältnis von 1:3 „Konkurrenz“ unter Professoren hervor, was sich für Studenten als positiv in dem Sinne erweist, dass die zuletzt Genannten im Verlauf des Studiums, insbesondere nach dem Vordiplom, im Rahmen der Praktika abwechselnd in die jeweiligen Arbeitsgruppen eingebunden werden und somit die Möglichkeit erhalten, Gebiete kennen zu lernen, die für sie bei der späteren Diplomthemenwahl in Frage kommen.

Auch die Studienstruktur selbst wird in zunehmendem Maße rationalisiert und von Anachronismen „bereinigt“, jedoch bleiben die im Studiensystem implizierten Unzulänglichkeiten weiter bestehen. Beispielsweise finden bei der Diplomnoten- im Gegensatz zu der Abiturnotenberechnung neben der Note für das Diplomprojekt ausschließlich Zensuren für die Diplomprüfungen Eingang, während der Dauerleistung, die im Laufe der vier Studienjahre erbracht wird, keinerlei Rechnung getragen wird.

Doch bedeutet dies nicht, dass konsequentes Arbeiten im Verlauf der gesamten Studienzeit nicht erforderlich ist. Im Gegenteil. Und genau deshalb kann Gießen mit seinem Freizeitangebot, das kaum etwas über die zweifelhafte Zuflucht der Kneipengemütlichkeit bietet, als der optimale Studienort schlechthin betrachtet werden, denn gerade hier versäumt man nichts, wenn man bei der, für das Chemiestudium üblichen Auslastung während der Vorlesungszeit (und oft in der vorlesungsfreien Zeit ebenfalls), kaum über Freizeit verfügt. Für besondere kulturelle Atemnöte kann man die geographische Nähe der Oper des Jahres 2005 nutzen, oder, wie ich es zu tun pflegte, in der vorlesungsfreien Zeit Ausflüge in andere Städte machen.

In diesem Sinne habe auch ich, dem Vorbild Liebigs folgend, der der Anonymität einer Kleinstadt, wie Gießen, in München zu entgehen suchte, eine Kurzreise zu seinem zweiten wissenschaftlichen Schaffensort unternommen, um somit den Wunsch, die Pinakotheken zu besuchen, und so dank der chronologischen Kontinuität der Exposition die historische Änderung der Weltanschauung nachzuvollziehen, zu realisieren. War es bei der Besichtigung der Meisterwerke expressionistischer („Der Blaue Reiter“) und kubistischer Maler in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus das Oeuvre von Wassily Kandinsky, dessen Ausdrucksformenvielfalt und Facettenreichtum alle meine Erwartungen übertroffen haben, so entdeckte ich gleichermaßen mit Bewunderung die in der Jubiläumsausstellung im Deutschen Museum illustrierte Vielseitigkeit, die die Tätigkeit von J. v. Liebig auszeichnete. Auch bei einem Aufenthalt in Berlin musste ich unwillkürlich eine Parallele zu der Justus-von-Liebig-Universität ziehen. - Während die optische Inhomogenität vereinzelter architektonischer Vertreter verschiedener Stile oft als unangenehm empfunden und als Symphonie der Stillosigkeit kritisiert wird, ist es, aus meiner Sicht, bei aller Skepsis zu früh, den Mangel an Einheitlichkeit zu beklagen. Erst wenn die Kahlheit unbebauter Flächen, die Düsternis morbider Gebäude verschwinden, - erst dann wird ein Urteil über das Stadtbild zeitgemäß. Und genauso wie Berlin noch keine abgeschlossene städtebauliche Einheit bildet, ist auch der Gießener Fachbereich Chemie noch im Werden, - solange die sich kontraproduktiv auswirkenden Rudimente bestehen, ist es verfrüht, ihn zu werten. Deshalb bleibt für mich heute das Schönste an Berlin neben den zahlreichen Museen die Hoffnung der Gemütlichkeit, und an dem Fachbereich Chemie Gießen neben natürlichen Umgangsformen dank der hoch qualifizierten Lehrerschaft die Hoffnung auf hohes Niveau und damit auf breite Anerkennung.

Leider gehört der Zeitraum, der für mich mit dem Gießener Liebig-Stipendium verknüpft ist, nicht zu einem der aktivsten Abschnitte meines Studienlebens. Das Wintersemester 03/04 bildete eine Studienphase wie die vorangegangenen hinsichtlich seiner Form und Aufgabengliederung, - aus regulären Vorlesungen, Seminaren und Laborpraktika bestehend und zugleich eine besondere in Bezug auf ihre Realisierung, bedingt durch die Tatsache, dass die Anzahl der Kursteilnehmer auf zwei beschränkt war. Im Hinblick auf den Informationsgehalt und die Effizienz der Veranstaltungen wirkten sich grundsätzliche organisatorische Anachronismen, wie das regelmäßige Verfassen umfangreicher Praktikumsprotokolle, teilweise nicht wegzudenkende zeitaufwändige, aber nach einem Grundmuster schematisch zu lösende Aufgaben enthaltend, als kontraproduktiv aus. Und zwar insbesondere, da diese die zum größten Teil zu den Grundlagen zählende und daher bereits bekannte Themen behandelten. Lediglich das Angebot einen Vortrag zu halten, bot die Möglichkeit, auf ein (für mich) tatsächlich neues Gebiet vorzudringen und sich etwas intensiver damit zu befassen. Dank der guten Koordination und Kooperation im Laufe der Semesterzeit konnten die für das Semester vorgesehenen Arbeiten vorzeitig ausgeführt sowie ein Teil des für das folgende Semester vorgeschriebenen Aufgabensatzes vorgezogen werden.

Das formale Semesterende stellte für mich keine Zäsur dar, da sich in den Semesterferien ein weiteres Praktikum in einem der auf seinem Gebiet europaweit bestausgestatteten Laboratorien anschloss.

Das folgende Semester bildete für mich einen Übergang zwischen dem Vorlesungsteil des Hauptstudiums und den Diplomprüfungen in Anorganischer, Organischer und Physikalischer Chemie. Deshalb galt es vor allem während der Vorlesungszeit neben dem Absolvieren des verbliebenen Praktikums und dem Zusammenstellen von zwei Seminarvorträgen die unzähligen unbedeutenden Pflichtaufgaben abzuschließen, - ein mühseliges Ausführen von kleinen Restarbeiten, die weder eine Wissensbereicherung bringen, noch etwas Wertvolles fruchten, sondern lediglich zeitraubende Formalitäten darstellen. Die auf diese Weise erkaufte Befreiung aus dem Korsett des streng reglementierten Ablaufs der Studienroutine mündete in die Vorbereitung auf die besagten Diplomprüfungen.


Nun ist das Liebig-Jahr zu Ende, das Gießener Liebig-Stipendium, für das ich der Stadt und der Auswahlkommission danke, ist nicht nur als eine Auszeichnung zu einem Teil meines Lebenslaufes geworden, sondern hat auch, wenn nicht die intellektuelle, so die finanzielle Last der Myriaden von Photokopien und zahlreicher Bücher mindernd, an meiner Vorbereitung zu Diplomprüfungen mitgewirkt."