Bericht von Lenka Christine Malinowski

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Gießener Liebig-Stipendiatin 2003/2004, Studiengang Pflanzenproduktion, Fachbereich Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement der Justus-Liebig-Universität Gießen

"Als ich Anfang Mai 2003 ein Schreiben der Stadt Gießen im Briefkasten hatte, dachte ich zunächst, ich hätte die Hundesteuer vergessen oder ein Knöllchen bekommen. Ich konnte es kaum glauben, dass ich ein Stipendium erhalten sollte! Schließlich hatte ich mich nirgendwo beworben, und es hatte auch niemand erwähnt, mich vorgeschlagen zu haben. Ehrlich gesagt hatte ich bis zu diesem Schreiben noch nicht einmal gewusst, dass es das Gießener Liebig-Stipendium überhaupt gab. Natürlich freute ich mich riesig, und nachdem ich das Gelesene einigermaßen verdaut hatte, rief ich sofort meine Eltern an, um ihnen diese Wahnsinns-Neuigkeit mitzuteilen. Besonders meine Mutter war ebenso begeistert wie ich und beschloss, mir trotzdem weiterhin meinen monatlichen Unterhalt zu überweisen, damit ich das Geld vom Stipendium voll und ganz als Belohnung für meine Leistungen betrachten und für mein weiteres Studium sinnvoll verwenden konnte. Dafür bin ich ihr sehr dankbar! So konnte ich mir unter anderem endlich einen neuen Computer, der schon längst nötig war, sowie einen Drucker und einen Scanner kaufen. Auch die von den Professoren angepriesene Fachliteratur, die zwar inhaltlich überragend, für den Durchschnittsstudenten jedoch in der Regel unbezahlbar ist, konnte ich mir durch das Stipendium leisten, so dass ich zum Lernen nicht mehr unbedingt auf die Universitätsbibliothek angewiesen war. Außerdem habe ich dadurch auch für später ein paar hervorragende Nachschlagewerke, die meine Regale zieren.

An der feierlichen Überreichung der Urkunde im Rahmen des Gießener Liebig-Jahres 2003 konnte ich dann leider nicht teilnehmen, weil ich mich auf Grund einer Netzhautablösung im linken Auge einer sofortigen Operation in der hiesigen Augenklinik unterziehen musste. Meine Mutter hat mich bei der Verleihung jedoch gut vertreten und auch einige Fotos gemacht, so dass ich mir im Nachhinein einen guten Eindruck verschaffen konnte. Als es mir wieder besser ging, habe ich Herrn Dr. Kaufmann, dem Kulturdezernenten der Stadt Gießen, einen Besuch abgestattet, um mich noch einmal persönlich vorzustellen und für alles zu bedanken.

Mittlerweile sind meine zwei Semester als Stipendiatin vorbei, und es ist an der Zeit, etwas über mein Leben in Gießen und mein Studium an der Justus-Liebig-Universität zu schreiben.

Ich hatte mich bereits vor dem Abitur dazu entschlossen, Agrarwissenschaften zu studieren, obwohl wir zu Hause keinen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb haben. Es war für mich auch von vornherein nicht das Ziel dieses Studiums, einen eigenen Betrieb führen zu wollen, mich interessierten dabei vielmehr die Möglichkeiten in den Bereichen der Entwicklungshilfe und der Forschung, die mit diesem Fachgebiet zusammenhängen. Nach Gießen bin ich gekommen, weil meine damals beste Freundin und ich gemeinsam in einer Stadt studieren wollten. Wir suchten also nach einer Stadt, die zwar weit genug, aber doch auch nicht zu weit weg von zu Hause war, und an deren Uni die von uns gewählten Studiengänge angeboten wurden. Unsere Wahl fiel auf Gießen – und ich habe es bisher noch nicht bereut, hierher gekommen zu sein! Obwohl das „hessisch babbele“ am Anfang schon etwas gewöhnungsbedürftig war ...

Gießen gehört zwar sicherlich nicht zu den schönsten Städten, aber wer wie ich die meiste Zeit seines Lebens zwischen Rheinland und Ruhrgebiet verbracht hat, weiß, dass es auch schlimmer geht. Außerdem hängt der Charme einer Stadt nicht nur vom Erscheinungsbild, sondern vor allem von der gebotenen kulturellen Vielfalt ab. Und davon hat Gießen nun wirklich genug zu bieten. Von Stadttheater über Konzerte und Kino bis hin zu Unipartys und Kneipenbummel ist hier alles möglich. Wenn man abends mit ein paar Freunden losziehen will, hat man die Wahl zwischen den verschiedensten Cocktail-Bars, Cafés, Kneipen mit oder ohne Tanzmöglichkeit und Diskotheken, so dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Als Kontrastprogramm lohnt sich tagsüber ein Besuch im Liebig-Museum oder im Mathematikum, die einem die Chemie bzw. die Mathematik spielerisch und anschaulich zugänglich machen. Bei schönem Wetter ist auch ein Abstecher in den Botanischen Garten zu empfehlen, in dem man wunderbar ausspannen oder vor wichtigen Prüfungen noch einmal in aller Ruhe das Wichtigste wiederholen kann.

Obwohl ich nicht zentral in Gießen, sondern wegen meines Hundes etwas außerhalb wohne, ist es durch die regelmäßigen Busverbindungen kein Problem, gut in die Stadt und dann natürlich auch innerhalb der Stadt umher zu gelangen. Allerdings könnte der letzte Bus in Richtung Lützellinden vor allem am Wochenende auch gerne noch später als 23.30 Uhr fahren. Obwohl es für solche „Notfälle“ ja glücklicherweise diverse Taxiunternehmen gibt, die einen auch zu später Stunde noch preisgünstig bis nach Kleinlinden befördern.

Müsste ich Gießen in einem Satz beschreiben, würde ich es als Stadt von überschaubarer Größe, aber mit vielfältigem Angebot gerade auch für Studenten bezeichnen, in der ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt habe. Und wer wirklich mal etwas Abwechslung braucht, kann dank des Semestertickets jederzeit mit dem Zug nach Marburg, Wetzlar oder auch Frankfurt gelangen.

In Bezug auf die Wahl meines Studienganges bin ich ebenfalls nicht enttäuscht worden. Obwohl jeder, dem ich erzähle, dass ich Agrarwissenschaften studiere, als erstes „studierter Bauer“ sagt, ist das Studium sehr breit gefächert und bietet dadurch viele Möglichkeiten für spätere Beschäftigungsbereiche. Je nachdem für welche Studienschwerpunkte man sich entscheidet, kann man nach dem Studium als Berater oder Verkäufer, im Management, in der Forschung und Produktentwicklung, bei verschiedenen Ämtern und Behörden oder eben doch als Leiter eines landwirtschaftlichen Betriebes seinen Platz in der Berufswelt finden.

Ich habe mich nach dem Vordiplom für den Bereich Pflanzenproduktion entschieden, wobei mich besonders die Pflanzenernährung und die Phytopathologie interessiert haben. Als unser Fachbereich zum Wintersemester 2002/2003 vom Diplom- auf das Bachelor-/Master-System umgestellt wurde, habe ich mich dazu entschlossen, auf den Master umzusteigen, weil es durch diesen international anerkannten Abschluss später leichter sein wird, auch mal einige Zeit im Ausland zu arbeiten.

Durch diese Umstellung kam es jedoch vor allem in der ersten Zeit, aber auch noch während der letzten beiden Semester zu organisatorischen Problemen aller Art, da niemand wirklich wusste, wie die neue Prüfungsordnung am besten umzusetzen war. Besonders die Studenten, die vom Diplom auf den Bachelor bzw. Master gewechselt hatten, waren davon betroffen, aber auch Kommilitonen, die weiterhin nach der Diplomordnung studierten, hatten hin und wieder zu kämpfen. Mit viel Geduld und einem Haufen verschiedenster Anträge habe ich dann auch diese Phase erfolgreich überstanden, so dass ich mich nunmehr fast am Ende meiner Studienzeit befinde.
Neben der Umstrukturierung des Fachbereiches sorgte auch das neue Studienguthabengesetz für einige Verwirrung unter uns Studenten. In den Bescheiden, die wir im Januar 2004 erhielten, wurde allen Studenten, die auf den Bachelor/Master umgestiegen waren, ein Wechsel des Studienganges nachgesagt. Das hatte zur Folge, dass alle Betroffenen (was in unserem Fachbereich wirklich viele waren) ab dem Sommersemester 2004 Studiengebühren zahlen sollten. Nach Rücksprache mit unserem Studiendekan haben wir gegen diesen Bescheid Beschwerde eingereicht und warten seitdem darauf, eine Antwort zu erhalten. Immerhin konnten wir uns für das momentan laufende Wintersemester durch Zahlung der normalen Semesterbeiträge zurückmelden. Auf alles Weitere warten wir mit Spannung.

Auf Grund der finanziellen Sicherheit, die mir durch das Stipendium gewährt wurde, konnte ich während der letzten beiden Semester auf Nebenjobs verzichten und meine ganze Energie und Konzentration ins Studium stecken. Dadurch konnte ich alles, was ich zuvor durch meine Augenoperation verpasst hatte, aufholen. Momentan arbeite ich im Institut für Phytopathologie an meiner Master-Arbeit, die ich voraussichtlich im Februar 2005 beenden werde. Durch die Arbeit im Labor hat sich mein Interesse an der Forschung weiter vertieft, so dass ich auch nach meinem Studium weiterhin wissenschaftlich tätig sein möchte und deshalb eine Promotion anstrebe.

Ganz zum Schluss möchte ich mich noch einmal bei denen bedanken, die mich für das Gießener Liebig-Stipendium vorgeschlagen bzw. mich letztendlich dafür ausgewählt haben. Ich bin sehr stolz darauf, die erste Stipendiatin im Studiengang Pflanzenproduktion gewesen zu sein, und fühle mich durch diese Auszeichnung mehr als geehrt."

 

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