Blick auf das Rathaus mit der Installation von Knut Eckstein an der Fassade (the flame)

Im Juni 2009 hatte Knut Eckstein für die letzte Ausstellung in der alten Kunsthalle in dem nach Entwürfen von Sven Markelius gebauten Bürgerhaus (heute: ›Kongresshalle‹) und zum Abschluss der Ausstellungsreihe ›Kunstgeschichte und zeitgenössische Kunst‹ eine skulpturale Installation voller komplexer Bezüge gebaut. Mit dem Titel détournement (constructing situation) hatte er sich auf die Bewegung der ›Situationistischen Internationale‹ im Paris der 1960er Jahre bezogen. Und die inhaltlich-formale Anspielung auf Théodore Géricaults Floß der Medusa konnte verstanden werden als Allegorie auf einen Zustand der Gefährdung zwischen Katastrophe und Rettung. Wer darin einen kritischen Kommentar gesehen hatte zur kulturpolitischen Situation in Gießen im allgemeinen und konkret zur Ausstellung Heiner Meyer: Déjà-Vu, mit der genau gleichzeitig die neue Kunsthalle im Kulturrathaus eröffnet worden war, lag durchaus nicht völlig falsch.

Nun kehrt Knut Eckstein zum Abschluss von ‚zwischenzeitlich‘ nach Gießen zurück. Dabei wird schnell deutlich, dass mit den traditionellen Kategorien der ‚Ausstellung‘ oder der ‚Installation‘ noch nicht einmal notdürftig zu fassen ist, was er uns in der Kunsthalle sowie an der Fassade und auf dem Dach des Rathauses zu sehen gibt. Am ehesten wird man mit dem Begriff der ‚Installation‘ noch die mit Lichtschläuchen nachgebildete, von einem Gerüst aus Bambusrohren über die Traufkante des Rathauses emporgehobene Flamme der New Yorker Freiheitsstatue bezeichnen können. Ihr antworten unten in dem zum Berliner Platz gelegenen ‚Schaufenster‘ der Kunsthalle die ebenfalls aus Lichtschläuchen gefertigten, in der berühmten Momentaufnahme von Joe Rosenthal festgehaltenen Konturen der vom Wind bewegten Flagge, die am 23. Februar 1945 von amerikanischen Marines auf dem Mount Suribachi auf der japanischen Pazifik-Insel Iwo Jima gehisst worden war.

In der Kunsthalle selbst bietet uns Knut Eckstein, das Außen nach innen kehrend, nicht mehr und nicht weniger als die Sensation – den Sinneseindruck – eines monumentalen dreidimensionalen begehbaren Landschaftsgemäldes. Und in der Tat ist die traditionelle Gattungsbezeichnung des Gemäldes vielleicht am ehesten geeignet, dem Besucher das auf den ersten Blick ohne Zweifel Befremdliche am Werk von Knut Eckstein zu nehmen.

Allerdings ist es kein vertrautes Gelände, auf das der Besucher, den Raum betretend, sich begibt. Ihm die Empfindung zu vermitteln, wenn nicht gerade den Boden unter den Füßen zu verlieren, so doch die, des Grundes, auf dem er sich bewegt, nicht ganz sicher zu sein, ist vom Künstler durchaus beabsichtigt. Auf einer dunkelgrünen, den ganzen Boden bedeckenden Plastikfolie scheinen Schlieren aus Folien in hellerem Grün zu schwimmen, während die als oberste Schicht über die gesamte Fläche gebreitete transparente Plane das Ganze optisch zusammenbindet und ihm gleichzeitig das Gefühl einer unbestimmten Tiefe verleiht, aus der hier und dort einzelne Farbakzente aufzutauchen scheinen. Sparsam im Raum verteilte Objekte – eine filigrane, den Boden mit der Decke verbindende goldene Kette; eine zum Verweilen einladende Bank; Autoreifen als minimalistische Skulpturen; zwei prekäre, aus gebrauchten, teilweise bemalten Kartonagen zusammengeschnürte Skulpturen an den beiden Längswänden – bieten als präzise Setzungen dem Auge Halt. Als Projektion wand- und mit dem Soundtrack raumfüllend schließlich das Video von einem New Yorker playground mit ballspielenden Jugendlichen, zu deren schattenhaftem Mitspieler der in der Landschaft herumwandernde und in den Lichtkegel des Projektors tretende Besucher wird.

Hier und dort herumstehendes, nicht in Betrieb genommenes technisches Gerät – ein Gebläse, eine Nebelmaschine –, verweist auf ursprünglich opulentere Pläne, auf deren Realisierung Knut Eckstein zugunsten einer Konzentration und Verdichtung der künstlerischen Mittel verzichtet hat.

 

Knut Eckstein – ontheway | kuratiert von Marcel Baumgartner und Markus Lepper
Eröffnung am Freitag, 4. März 2016 um 18 Uhr in der Kunsthalle Gießen im Rathaus
Begrüßung: Dietlind Grabe-Bolz, Oberbürgermeisterin der Stadt Gießen
Einführung
: Marcel Baumgartner und Markus Lepper

 

Knut Eckstein, 1968 geboren in Treysa – 1986-1993 Hochschule für Künste Bremen, Meisterschüler – 1997 Hunter College New York (unter anderem bei Robert Morris) – lebt in Berlin

 

Werke:

Rathaus, Fassade und Dach: the flame, 2016
bambus und lichtschlauch, 14 x 4 x 3 m  

Kunsthalle, Schaufenster: the flag, 2016
bambus, acrylfarbe und lichtschlauch, 180 x 170 x 30 cm

Kunsthalle, Eingangsbereich: fountain, 2014
replik 1:1,5, 7 teile, bambus, acrylfarbe und lichtschlauch, maße variabel  

Kunsthalle, Hauptraum:

swamp, 2016
plastikfolien, teppich, autoreifen, textilien, karton, plakate, farbdosen, plastiktüte, bemalt, 400 m²

the bench, 2004
karton, autolack, holz, farbdosen, 33 x 180 x 68 cm

playground, 1998
video, 55‘‘, s-vhs, kopie auf dvd (endlos-loop)

at the coke machine, 2009
kartonagen, teilweise bemalt, plastikflaschen, plastiktüte, wäscheleine, 200 x 130 x 110 cm

cyber, 2015
kartonagen, teilweise bemalt, plastikflaschen, wäscheleine, 137 x 108 x 124 cm

o. t., 2016
goldketten und anhänger, 10 m