Orchester der kommunalen Musikschule zu Gast in der Partnerstadt Netanya in Israel

Musikalisches und menschliches Miteinander – gelebte Städtepartnerschaft

Die Städtepartnerschaft zwischen Gießen und Netanya in Israel besteht bereits seit 1978. Zunächst mit Schwerpunkt auf dem sportlichen Austausch, haben sich seit dem ersten Besuch des Nitzan-Chores der Musikschule Netanya im Jahr 2010 auch enge Verbindungen auf kultureller Ebene zwischen den kommunalen Musikschulen beider Städte entwickelt. Im Januar 2012 reiste das Orchester der Musikschule Gießen zum ersten Mal nach Israel, gefolgt vom Gegenbesuch der Streicher aus Netanya im November 2013. Nun fand in den Herbstferien wiederum ein einwöchiger Aufenthalt von 21 jungen Musikern, ihrem Dirigenten und vier erwachsenen Betreuern aus Gießen - Musikschulleiterin Katja Marauhn, den Lehrkräften Susanne Oehler und Simeon Rizopoulos sowie Cornelia Kanse als begleitende Mutter - in Israel statt, eine sehr eindrückliche Reise, gefüllt mit Begegnungen, Proben, Konzerten und einem reichen Kulturprogramm.

Wie schon im Herbst 2014 war es auch jetzt das Ziel, die jungen Leute aus beiden Orchestern zu einem Ensemble zusammenzuführen. Sowohl die israelischen als auch die deutschen Streicher und Bläser hatten Werke aus ihren Sommerprogrammen ausgesucht, die dann auch von der jeweils anderen Seite von September bis Oktober einstudiert werden mussten. So wählte die Gießener Musikschule die Sinfonia in B-Dur von Johann Christian Bach, drei Sätze der barocken Suite „La Rosière Républicaine“von Grétry und ein Medley mit Musik aus dem Disney-Film „Frozen“ aus. Dirigent dieser Werke war Felix-Immanuel Achtner, seit einigen Semestern Student an der Musikhochschule in Dresden. Die israelische Orchesterleiterin Noa Eliezer-Shelef dirigierte dann die Sinfonia RV 719 von Antonio Vivaldi und den ersten Satz „Marcia“ der Streicherserenade von Carl Reinicke. Somit war sowohl für die Schülerinnen und Schüler als auch für das Publikum aus allen Epochen und Stilrichtungen etwas dabei. Es war erstaunlich und eine große Freude für die Organisatoren und Betreuer, wie schnell sich die Jugendlichen zu einem einheitlichen Orchester zusammenfanden und gemeinsam musizierten. Von Probe zu Probe und auch von einem Konzert zum anderen war die Steigerung sicht- und hörbar, bis zum Schluss nicht mehr die technischen Schwierigkeiten und Details, sondern die gemeinsame Musizierfreude im Mittelpunkt standen – musikalisch gelebte Partnerschaft im besten Sinne.

Die Organisation der Reise, auf deutscher Seite vor allem durch Katja Marauhn, in Netanya durch die stellvertretende Leiterin Adi Hlavin und Dirigentin Noa Eliezer-Shelef, wurde besonders in den letzten Wochen vor der Fahrt durch die aktuelle Sicherheitslage und die seit dem jüdischen Laubhüttenfest verstärkten Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern erschwert, über die auch in den deutschen Medien berichtet wurde. Schließlich entschloss man sich aber doch, den vor dem Aufenthalt in Netanya geplanten zweitägigen Besuch in Jerusalem nicht abzusagen, um allen Beteiligten ein Kennenlernen der einmaligen Atmosphäre dieser Stadt zu ermöglichen. So reiste die Gruppe am Freitag, 23.10., um 12.00 Uhr mit einstündiger Verspätung zunächst nach Tel Aviv und von dort weiter nach Jerusalem. Schon der erste Abend im in Ost-Jerusalem gelegenen Hotel begann mit detailreichen Einblicken in die schwierige politische Situation in Israel, denn der zurzeit in Ost-Jerusalem lebende Völkerrechtler Andreas Zimmermann hatte sich bereit erklärt, die Gruppe über die Geschichte des Staates Israels, der besetzten Gebiete und des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern zu informieren. Einblicke in alltägliche Begebenheiten machten deutlich, wie schwierig und verfahren die Situation im eigentlich Heiligen Land zurzeit ist und wie unterschiedlich die Sichtweisen und Wahrnehmungen der beteiligten Politiker, aber auch der Bevölkerung sind.
Am folgenden Samstag stand dann eine 7stündige Altstadtführung mit zwei Guides auf dem Programm. Aufgrund der Sicherheitslage mussten das muslimische Altstadtviertel und der Ölberg leider weggelassen werden, aber auch so gab es genug zu sehen. Auf dem großen Platz im jüdischen Viertel begegnete man orthodoxen Juden nach ihrem Synagogenbesuch am Schabbat – manchem Schüler stellte sich da die sehr unorthodoxe Frage, wie denn wohl die Schläfenlocken gestylt würden. Ein Besuch der Klagemauer und der Grabeskirche durften natürlich nicht fehlen – die Damen mussten hier ihre kurzen Hosen unter langen Tüchern verschwinden lassen. Eindrucksvoll die lauten, tiefen Glocken der Grabeskirche und der gleichzeitig ertönende Gebetsruf vom daneben stehenden Minarett einer muslimischen Moschee. Das Gedränge in der Kirche war allerdings eher abschreckend - von heiliger Atmosphäre keine Spur. Auf dem Bazar der Altstadt konnte sich mancher dann im geschickten Handeln beim Einkauf üben. Nach der Führung war für die Gruppe Ausruhen im Hotel angesagt. Katja Marauhn und Susanne Oehler stießen jedoch bei der Suche nach einem Café im Stadtteil des Hotels durch Zufall auf eine arabische Musikschule, wo sie ein kurzes Gespräch mit einem Percussion-Lehrer aus dem Leitungsteam führen konnten – den arabischen Kaffee gab es dann auch noch. Interessant zu sehen, dass von den Frauen, die dort auf ihre Kinder warteten, keine ein Kopftuch trug, im Stadtteil außerhalb des Schulgeländes aber fast jede.
Abends besuchte die Gruppe ein Konzert im Jerusalem Theatre – passenderweise mit dem Jungen Sinfonieorchester Weimar - Jerusalem, ein aus Musikstudenten beider Hochschulen besetztes und von Michael Sanderling geleitetes Ensemble. Interessant für die Gießener Schüler und Betreuer, dass hier ein ganz ähnliches Musikprojekt wie das eigene - nämlich das gemeinsame Musizieren von Deutschen und Israelis in einem Ensemble - stattfand, nur auf höherer, praktisch professioneller Ebene.
Am Sonntag morgen ging es per Bus zunächst auf den Mount Skopus, von wo aus man sowohl auf die Altstadt und West-Jerusalem als auch in das besetzte Gebiet östlich der Stadt sehen konnte. Nach einigen technischen Problemen - der Bus sprang nicht wieder an und der Fahrer musste den Weitertransport der Gruppe zunächst anderweitig organisieren – gelangte man dann nach Yad Vashem. Hier vermittelte eine Führung durch das Museum der Holocaust-Gedenkstätte eindrucksvoll die Geschichte der Verfolgung und des Massenmordes an den Juden während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Am Nachmittag fuhr man dann weiter nach Netanya, wo die Gruppe in der Musikschule schon von Leiter Motti Miron und Vertretern der kommunalen Kulturverwaltung erwartet wurden. Leider konnten bei diesem Empfang die offiziellen Gastgeschenke der Stadt Gießen nicht übergeben werden, da sich das Gepäckfach des Busses nicht öffnen ließ – dies sollte den Fahrer noch mehrere Stunden beschäftigen. Mit Spannung wurde die folgende erste gemeinsame Orchesterprobe erwartet, und tatsächlich schien die jeweilige Vorbereitung so gut gewesen zu sein, dass zwar noch nicht alles auf Anhieb klappte, sich aber die meisten Stücke doch schon sehr schön anhörten. Und das Orchester hatte ja noch einige Proben vor sich, um im Detail zu arbeiten. Nach der Probe wurden die deutschen Gäste dann auf die Gastfamilien - insgesamt 16 an der Zahl - verteilt und konnten den Abend nutzen, um erste Kontakte zu knüpfen und das israelische Familienleben kennenzulernen.
Am nächsten Morgen – Montag - trafen sich alle wieder zur einer mehrstündigen zweiten gemeinsamen Probe. Zur Entspannung stand dann ein gemeinsamer Ausflug zur am Mittelmeer gelegenen antiken Stätte Caesarea auf dem Plan. Nach einem ausgiebigen Picknick am Strand gab es eine informative Führung durch die Ausgrabungen mit römischem Theater und Hippodrom, Resten aus der byzantinischen Epoche und der Kreuzfahrerzeit. Im Theater lies sich Dirigent Felix Achtner dazu überreden, mit einer kurzen Gesangsdarbietung auf der Bühne die hervorragende Akustik aus der Römerzeit zu demonstrieren, was lebhaften Beifall der ganzen Gruppe auslöste.
Der Abend war dann frei und wurde teilweise von den Schülern noch zu einem Stadtbummel in Netanya genutzt.
Dienstag morgen ging es per Bus in das bei Nazareth gelegene Kibbuz Mizra, wo die Orchesterleiterin Noa Eliezer Shelef mit ihrer Familie wohnt. Ein Guide erklärte mit einer Tour durch das Kibbuz und das dazugehörige Museum die Geschichte der Kibbuzbewegung in Israel und speziell an diesem Ort. Besonders eindrücklich das unter dem Waschhaus gelegene enge Kellerverlies, wo in der Anfangszeit des Kibbutz Waffen vor den Engländern versteckt worden waren. Nach einem hervorragenden Mittagessen in der Kantine fuhr die Gruppe weiter nach Nazareth, zunächst zu einem Aussichtspunkt oberhalb dieser teils arabischen und teils christlichen Stadt, dann ins Zentrum zur Verkündigungskirche. Im Gegensatz zu Jerusalem waren hier nur wenige Touristen unterwegs, auch der arabische Basar war leider sehr leer mit vielen geschlossen Ständen, teilweise offensichtlich der aktuellen Sicherheitslage geschuldet. Nach der Verkostung arabischen Gebäcks im Verkaufsraum einer bekannten Bäckerei fuhr die Gruppe zurück nach Netanya, wo nun die nächste gemeinsame Probe mit anschließendem ersten Konzert auf dem Plan stand. Von der Musikschule Netanya ursprünglich als öffentliche Generalprobe konzipiert, war der Zuschauerraum bei dieser Veranstaltung leider nicht besonders gut besucht, aber die Schülerinnen und Schüler spielten dennoch ein konzentriertes und klangschönes Programm – galt es doch, den ersten Komplettdurchlauf zu bewältigen.

Am Mittwoch war ein Ausflug nach Tel Aviv geplant. Zum Glück konnte der Bus auf einer Sonderspur am morgendlichen Stau vorbeifahren, so dass die Gruppe, diesmal begleitet von Musikschulleiter Motti Miron, einigermaßen zeitig am Ziel - nämlich zunächst dem bewachten Badestrand - ankam. Dies war auch gut so, denn kaum waren alle nach einem ausgiebigen Bad in den warmen Wellen wieder trocken, brach ein heftiges Gewitter los, das die Straßen erst einmal nahezu unpassierbar machte. Selbst der kurze Weg immer von einem Dach zum nächsten hatte bei allen ohne Regenschutz den gleichen Effekt wie eine ausgiebige Dusche. Da die Unwetter einfach nicht aufhören wollten, fiel also die weitere geplante Stadtbesichtigung wortwörtlich ins Wasser und die Gruppe suchte statt dessen das Asrieli Center auf, einen hypermodernen, aus drei unterschiedlichen Hochhäusern bestehenden Einkaufs- und Bürokomplex. Während die Schülerinnen und Schüler nach der üblichen Eingangskontrolle Kompensations-Shopping betrieben, suchten und fanden die Betreuer das Skydeck und genossen den Blick auf Tel Aviv aus der 49. Etage sowie einen Cappucino mit Sojamilch, da das Café eine koshere Küche hatte. Zurück in Netanya, fuhren Deutsche und Israelis gleich weiter in den Vorort Nordia, wo in einem luxuriösen Seniorenwohnsitz eine Probe und anschließend das zweite Konzert auf dem Programm standen. Die Zuhörer waren sehr interessiert und zeigten sich begeistert sowohl über die Spielfreude der jugendlichen Musiker als auch über das Projekt des gemeinsamen deutsch-israelischen Orchesters. Einige sprachen deutsch und erzählten von deutschen Eltern oder Großeltern, manche Schicksale der Verfolgung konnte man erahnen, ohne dass dies direkt ausgesprochen werden musste.
Der freie Abend nach dem Konzert wurde von den Jugendlichen zu einer gemeinsamen Nachfeier in einer Pizzeria genutzt, während sich die Erwachsenen unbeobachtet in einem Schokoladenrestaurant einfanden und über die Arbeitsweise der beiden Musikschulen, die Situation der Lehrkräfte in Israel und in Deutschland sowie über die politische Situation austauschten.

Am Donnerstag, dem letzten Tag in Israel, war am Vormittag ein Rundgang durch Netanya mit Freizeit am Badestrand vorgesehen, doch zunächst machte wieder ein heftiges Gewitter die Pläne zunichte. So suchte die Gruppe statt dessen erst einmal ein kleines Museum auf, das sich mit der Geschichte jüdischer Einwanderer aus dem Jemen beschäftigt. Motti Miron übersetzte die hebräischen Erläuterungen der Museumsleiterin ins Deutsche, aber die allmähliche allgemeine Müdigkeit war nicht zu übersehen. Zum Glück kam im weiteren Tagesverlauf dann die Sonne heraus, so dass für alle, die dies rechtzeitig mitbekamen (in Einkaufszentren ist nun mal kein Tageslicht) der Strandbesuch und das letzte Bad im Mittelmeer doch noch möglich wurden. Nachmittags ging es dann nach Herzliya, einem Ort zwischen Netanya und Tel Aviv, wo wieder im Saal eines Seniorenwohnsitzes eine Probe und die letzten zwei Konzerte auf dem Programm standen. Das erste war für die Bewohner des Hauses, das zweite dann für den International Women's Club, eine Vereinigung von Diplomatenfrauen in Herzliya, einem beliebten Wohnort ausländischer Diplomaten in Israel. Da dieses Konzert aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland organisiert worden war, war auch Simon Kreye, 1. Sekretär der Deutschen Botschaft in Tel Aviv, anwesend und informierte sich über das gemeinsame Orchesterprojekt zwischen Gießen und Netanya. Zu Beginn des Konzertes richtete er ein kurzes Grußwort an die Zuhörer. Dieses letzte Konzert endete mit standing ovations – ein Zeichen dafür, wie ansteckend die Spielfreude der jungen Musikerinnen und Musiker war.
Nach dem Konzert fuhr man zurück nach Netanya, wo Familie Napadensky ihr Haus für eine Abschlussparty zur Verfügung gestellt hatte. Dort gab es ein Buffet, viele Dankesworte und am Schluss auch manche Abschiedstränen, denn für die deutsche Gruppe war nun leider die nächtliche Rückreise nach Deutschland geplant. Aber: viele geknüpfte Kontakte werden ganz sicher bestehen bleiben und es wird auch schon über den besten Zeitpunkt des Gegenbesuchs in Gießen nachgedacht, voraussichtlich in 2017.

Gefördert wurde dieser Austausch mit Bundesmitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSJF) über ConAct (Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch), sowie von der Stadt Gießen und vom Förderverein der Musikschule Gießen.

 

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Orchester der kommunalen Musikschule zu Gast in der Partnerstadt Netanya in Israel
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Orchester der kommunalen Musikschule zu Gast in der Partnerstadt Netanya in Israel_2
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Orchester der kommunalen Musikschule zu Gast in der Partnerstadt Netanya in Israel
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Orchester der kommunalen Musikschule zu Gast in der Partnerstadt Netanya in Israel_3
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