Speicher - Skulptur von Jörg Sasse

Am Freitag (23. Oktober) um 18 Uhr wird im Rathaus in der Kunsthalle Gießen eine Ausstellung mit Werken von Jörg Sasse eröffnet.

Für die Präsentation seiner Arbeiten hat der Künstler eine Wand in die Kunsthalle einziehen lassen, die den Blick zum unruhigen Eingangsbereich mit seinen vielen störenden Elementen versperrt. Mit dem auf diese Weise entstandenen geschlossenen, streng symmetrischen Raum-im-Raum schafft Jörg Sasse einen Rahmen, der es ihm ermöglicht, das zu realisieren, was jede Ausstellung, die diesen Namen verdient, ausmacht (und die eben nicht ein bloßes Ausbreiten von Werken an Wänden oder im Raum ist, sondern ein Medium eigenen Ranges): »die Auswahl der Exponate und ihre Anordnung im Raum als die zentralen Verfahren der Herstellung von Bedeutung« (so Roger Fayet in seiner kürzlich erschienenen Publikation über ›Die Logik des Museums‹). Worauf es also – sowohl in den übergreifenden Strukturen als auch im Detail – tatsächlich ankommt, ist das, was Jörg Sasse im Titel der Ausstellung auf den Begriff gebracht hat: die Herstellung von Beziehungen, von RELATIONEN.

Im Zentrum der Ausstellung steht der 2008 entstandene, erstmals im gleichen Jahr im Musée d’art moderne de la ville de Paris gezeigte und heute im Besitz des Kunstmuseums Bonn befindliche ›Speicher I, 2008‹. Die im verhältnismäßig großen Ausstellungsraum stehende minimalistische Skulptur beschreibt laut Jörg Sasse »eben jene humanen RELATIONEN im Verhältnis zur ‚monströsen Schuhschachtel‘, in der sich der ›Speicher‹ und eben auch der Beschauer desselben befinden«. Zu diesem ›Speicher‹-Objekt und zu den aus diesem Speicher gespeisten fünf ›Hängewänden‹ (an den Längswänden) in Beziehung gesetzt sind zwei ›Blöcke‹ mit je 12 ›Stillleben‹ aus der Zeit von 1984 bis 2012 (›Block 13‹) bzw. 1990-2012 (›Block 12‹).

Gemeinhin wird der 1962 geborene Jörg Sasse mit KünstlerkollegInnen wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff oder Thomas Struth der ›Düsseldorfer Fotoschule‹ zugerechnet. Doch versteht Jörg Sasse sich nicht als Fotograf. Darauf verweist nicht erst sein jüngster Werkzyklus der ›Cotton Paintings‹, sondern bereits die schon seit 1993 verwendeten Begriffe ›Skizzen‹ und ›Tableaus‹ für zwei wichtige Werkgruppen. Zwar ist Jörg Sasse zu seiner umfassenden visuellen Kompetenz als Meisterschüler von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie durch Fotografieren gekommen. Doch zeigen schon seine ersten gültigen Arbeiten aus den frühen achtziger Jahren – in der Ausstellung vertreten in den beiden ›Stillleben‹-Blöcken, in denen sich auch Motive finden, die 1991 in Gießen entstanden sind –, wie sehr es ihm beim Fotografieren weniger um das Motiv ging als vielmehr um Formen und Farben, um Linien und Flächen, weniger um das wiedererkennende als um das (von Max Imdahl so genannte) ›sehende Sehen‹ – oder besser: um die Balance zwischen beidem und um das Spannungsfeld zwischen Abbild und Bild.

Mit dem Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie und mit der damit verbundenen Möglichkeit der Bearbeitung am Computer ist die Bedeutung des Fotografierens selbst immer weiter zurückgetreten hinter der Arbeit an fotografischen Bildern. Und so war es nur konsequent, dass diese nicht mehr seine eigenen zu sein brauchten. Sehr früh hat Jörg Sasse nämlich auch begonnen, nicht von ihm selbst fotografierte Bilder – auf Flohmärkten und bei Haushaltauflösungen erworbene Amateuraufnahmen – zu sammeln. Aus diesem zehntausende von Exemplaren umfassenden Fundus wählt Sasse die aus, an denen sein ebenso gezielt wie absichtslos prüfender Blick bei der schnellen Sichtung hängen bleibt, weil er an ihnen ein vorerst noch unbestimmtes Potential entdeckt. Diesem Potential spürt er dann, am Computer skizzierend, das Ausgangsmaterial »reinigend« und »entschlackend«, weiter nach. Aus dem umfangreichen Bestand an so entstandenen ›Skizzen‹ wählt er wenige – seit 1993 sind es rund 180 Werke – aus, um sie durch intensive weitere Bearbeitung in den Status gültiger ›Tableaus‹ zu überführen.


Mit der Präsentation eines ›Blocks‹ von 184 Bildern im Herbst 2004 im Museum von Grenoble hat Jörg Sasse schließlich damit begonnen, das bis dahin nur im Speicher seines Computers abgelegte Forschungsmaterial der ›Skizzen‹ auf einer neuen Ebene fruchtbar zu machen. Dafür hat er mit dem ersten, 2008 fertiggestellten ›Speicher‹ (in der Zwischenzeit sind drei weitere dazugekommen) eine ebenso schlichte wie überzeugende Form gefunden.


Von einer Boden- und einer Deckenplatte gefasst, sind acht Säulen von je 64 in einer unsichtbaren Halterung schwebenden Aluminiumrahmen so zu einem Quader gefügt, dass Assoziationen zur kalten Ästhetik eines Großrechners ebenso möglich sind wie zur uralten Bauform des Getreidespeichers mit seinen vertikal übereinander angeordneten Schüttböden. Jede der in dieser minimalistischen Skulptur vorerst unsichtbar bleibenden 512 ›Skizzen‹ – beruhend auf eigenen und fremden Aufnahmen von den 1950er Jahren bis 2008 – hat Jörg Sasse zum einen mehreren von insgesamt 56 ›Kategorien‹ zugeordnet und zum andern auf ihr formal-ästhetisches Zusammenstimmen hin bewertet. Rund 200‘000 dieser ›RELATIONEN‹ sind in einem Buch zusammengefasst. Sowohl über dieses Buch als auch über die Kategorienkarten und die auf den Rückseiten der Rahmen aufgelisteten stimmigsten RELATIONEN ist dem Besucher der Ausstellung die Möglichkeit gegeben, mit Hilfe des Aufsichtspersonals die im ›Speicher‹ enthaltenen ›Skizzen‹ in immer neuen – und nur mit äußerster Unwahrscheinlichkeit sich je wiederholenden – Reihen von (im Fall der Gießener Ausstellung) sechs, acht, neun und elf Bildern zu hängen. Durch diese Aktivierung wird der Speicher zu einer Schule des Sehens – so wie die Ausstellung insgesamt, auch mit den RELATIONEN der ›Stillleben‹ untereinander, der ›Stillleben‹-Blöcke zueinander und zur Wand sowie den RELATIONEN aller Elemente im Raum, eine Schule des Sehens ist.

 

Marcel Baumgartner

Jörg Sasses Werke sind weltweit in bedeutenden Sammlungen vertreten, so im Guggenheim Museum New York, in der Banco Espirito Santo Photography Collection Lissabon, im MUMOK Wien, in der Kunsthalle Zürich, im Fotomuseum Winterthur oder im Städel Museum Frankfurt. Sie wurden in zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt – zuletzt im Sommer dieses Jahres in der Kunsthalle Bielefeld in der Ausstellung ›Serendipity – Vom Glück des Findens. Niklas Luhmann, Ulrich Rückriem, Jörg Sasse‹ (mit einem äußerst lesens- und sehenswerten Katalog, erschienen im Snoeck Verlag Köln).

 

In der Kunsthalle Gießen ausgestellte Werke:

• ›Speicher I, 2008‹. Gerüst: 187 x 120 x 75 cm; 512 Skizzen; 56 Kategorienkarten; Buch. Kunstmuseum Bonn

• ›Stillleben Block 12, 1990-2012‹, C-Print, Maße variabel

• ›Stillleben Block 13, 1984-2012‹, C-Print, Maße variabel