Schlachthof Gießen
© Rolf K. Wegst 

Der neue Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Dr. Markus Harzenetter, stattet heute (30.09.2015) der Universitätsstadt Gießen einen Antrittsbesuch ab. Herr Dr. Harzenetter hat das Amt am 1. Mai 2015 übernommen, nachdem er seit 2007 Landeskonservator und Leiter des Amtes für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe war. Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Neueren und Neuesten Geschichte und der Denkmalpflege in Bamberg, promovierte er 1992 im Fach Kunstgeschichte und war im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in verschiedenen Funktionen tätig. Dr. Harzenetter ist seit 2014 Vorsitzender der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, ferner Mitglied in nationalen und internationalen Denkmalschutzgremien sowie UNESCO-Weltkulturerbe-Beauftragter der Hessischen Landesregierung.

Herr Dr. Harzenetter wird am Vormittag mit Frau Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, Frau Stadträtin Astrid Eibelshäuser, Bezirkskonservatorin Frau Dr. Katharina Benak und Herrn Joachim Rauch, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Gießen, die Baustelle auf dem ehemaligen Schlachthof besichtigen. Die Investoren Herr Dr. Wolfgang Lust und Herr Hubertus Winter erörtern dort gemeinsam mit dem Architekten, Herrn Birger Rohrbach, die geplante Umnutzung des Schlachthofs zu Wohn- und Bürozwecken.

Auf dem weiteren Programm steht der Besuch des Liebig-Museums und eine dortige Experimentalvorlesung von Prof. Dr. Wolfgang Laqua. Im Anschluss findet ein Treffen mit Vertretern der Justus-Liebig-Gesellschaft statt, bei dem das Sanierungskonzept und die denkmalpflegerischen Maßnahmen für das Museum sowie die Bewerbung des Liebig-Laboratoriums für die Tentativliste zum Weltkulturerbe angesprochen werden.

Die Präsentation dieser beiden wichtigen Denkmalprojekte der Universitätsstadt wird Einblick geben in die Praxis und die Bedeutung der Denkmalpflege in Gießen.


Informationen aus der Denkmaltopographie der Universitätsstadt Gießen zu den einzelnen Objekten

Schlachthof Gießen
Ehemals städtischer Schlachthof. Der heute privatisierte Schlachthof wurde als Nachfolger des 1885 durch Stadtbaumeister Stief errichteten alten Schlachthofes in den Jahren 1908 bis 1913 erbaut. Der durch seine charakteristische Silhouette auf große Entfernung wirkende Jugendstilbau liegt nur durch eine baumbestandene Straße vom Fluss getrennt. Hauptmerkmal des historisierenden, an romanischen Stilformen orientierten Baus ist der massive, quadratische, mit einer pyramidalen Haube versehene Uhrturm, um den die ineinander übergebenden, in der Höhe gestaffelten und mit differenzierten Dachaufbauten ausgestatteten Teilbauten gruppiert sind. Der von außen kaum zu überschauende Komplex gewinnt vor allem durch die einheitlichen Materialien (lachsfarbener und cremefarbener Klinker, grauer Lungstein) formalen Zusammenhalt. Detailreiche, einander ähnelnde Schmuck- ¬und Gliederungselemente ergeben ein dekoratives Ganzes. Vor allem die an allen Bauteilen wiederkehrenden Flach- oder Korbbogenfenster sowie abgetreppte Gesimse und Blendarkaden sind hier zu nennen. Schöne Details sind weiterhin die pfeilerartigen, glockenförmig bekrönten Eckelemente der flach gewölbten Haupthalle, deren Ziergiebel mit der Jahreszahl (1910) und dem Stadtwappen (Hessischer Löwe mit G) versehen ist. Als Wahrzeichen der gesamten Anlage ist der Turm besonders hervorgehoben: Prägnante Bauelemente sind der umlaufende Rundbogenfries, die von Flachbögen überfangenen Drillingsfenster und nicht zuletzt das von trapezförmig zulaufenden Lungsteinpfeilern gerahmte Scheinportal auf der Flussseite. Der leider im Eingangsbereich durch moderne Anbauten verunklärte Schlachthofkomplex ist einschließlich des Schornsteines (qualitätvoller, monumentaler Lungsteinsockel) Kulturdenkmal aus künstlerischen, städtebaulichen und stadtgeschichtlichen Gründen.

Liebig-MuseumLiebigmuseum
Wirkungsstätte Justus von Liebigs. Der wohl bedeutendste deutsche Chemiker forschte, lehrte und wohnte hier von 1824-1852. Der klassizistische Bau war ursprünglich eines der beiden Wachhäuschen (Pendant Anfang der 1970er Jahre abgerissen, heute Parkplatz) der 1818/1819 errichteten Neuen Kaserne auf dem Seltersberg", deren Entwurf Georg Moller zugeschrieben wird. Nachdem das Großherzogliche Infanterieregiment wegen Streitigkeiten mit den Studenten 1821 nach Worms verlegt worden war, wurde der Hauptbau (nach Kriegsschäden abgerissen) als Universitätsklinik genutzt. Der auf Betreiben Liebigs zweimal erweiterte (1833/34 und 1839), lang gestreckte Rechteckbau ist mit sei ner Schmalseite zur Straße hin orien¬tiert. Die Fassade wird von einem Dreieckgiebel und der offenen, dreiteiligen Arkadenvorhalle beherrscht, zu der eine breite Freitreppe hinaufführt. Sämtliche Gesimse, die Antenpfeiler und die überschlanken, nicht kannelierten Säulen sind ebenso in rotem Sandstein ausgeführt wie die Archievolten der seitlichen Rundbogenfenster. Charakteristisch und besonders wichtig für die Wirkung des Baues sind die gleichmäßig gereihten, hochrechteckigen Fenster der Langseite, die sämtlich mit Klappläden versehen sind. Das Gebäude - seit 1920 Museum - ist aufgrund seiner Innenausstattung (teilweise rekonstruiert) von besonderem Interesse für die Wissenschaftsgeschichte. Es enthält u. a. das Alte Labor, das Analytische Labor und den Hörsaal Liebigs. In den insgesamt 12 Räumen des ehemaligen Chemischen Instituts werden anhand von originalen Gerätschaften und Hilfsmitteln die Arbeits¬bedingungen zur Zeit Liebigs eindrucksvoll dokumentiert. Als eines der wichtigsten Chemie-Museen und als international bekannte Erinnerungsstätte hat das Gebäude überregionale Bedeutung. Auch aufgrund seiner baukünstlerischen und städtebaulichen Qualität ist das Gebäude Kulturdenkmal.