Gruppe junger Menschen wirft einen Ball in die Höhe

Über 230 minderjährige, zumeist männliche Flüchtlinge, die ohne Eltern aus der ganzen Welt nach Deutschland kamen, sind derzeit unter der Obhut des städtischen Jugendamts in Gießen untergebracht. Sie warten hier nach Klärung ihrer Verhältnisse auf die Zuweisung in andere Städte und Gemeinden - in der Hoffnung auf eine stabilere, bessere Zukunft. Um in dieser Zeit des Wartens und der Ungewissheit eine sinnvolle und willkommene Struktur zu bekommen, hat sich die Stadt in Kooperation mit dem Caritasverband dazu entschlossen, ein neues Angebot für die jugendlichen Flüchtlinge zu schaffen. Seit drei Monaten wird den Jugendlichen, die im Schnitt 16 Jahre alt sind, ermöglicht, in kleinen Gruppen von 12 bis 15 Teilnehmern unter fachkundiger Anleitung gemeinsam Sport zu treiben. Stadträtin Eibelshäuser erklärt die Initiative: "Wir wissen, dass die Jugendlichen gerade in der Zeit der Ungewissheit über ihre Zukunft für gemeinschaftliche Angebote sehr offen sind. Gemeinsamer Sport ist der ideale Rahmen dafür. Sport verbindet. Er hat eine universelle Sprache, die jeder spricht. Und er kommt dem Bewegungsdrang der jungen Menschen entgegen. Gemeinsamer Sport ist ein Gemeinschaftserlebnis, gibt dem Tag Struktur und Aufgaben. Das ist dringend notwendig und schafft auch Voraussetzungen für die Integration der jungen Flüchtlinge."

Das neue Angebot schaffen Mitarbeiter/innen des Schulverwaltungsamtes der Stadt an drei Tagen in der Woche. Die bisherigen Erfahrungen damit sind durch und durch positiv. Melanie Student, eine von drei Übungsleiter/-rinnen, die mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Sport arbeiten, berichtet: "Sie bekamen große Augen, als sie die große Halle gesehen haben. Die Jugendlichen sind begeistert vom Sportangebot, insbesondere dann, wenn ein Ball im Spiel ist.“ Dabei, so beschreiben die Mitarbeiter/innen die Sporteinheiten, sind nicht komplexe Spiele oder besondere Abwechslung entscheidend, sondern die Möglichkeit sich zu bewegen. Schließlich haben die Jugendlichen häufig eine schwierige Zeit hinter sich und können so mit Hilfe des Sports ein Ventil für das Erlebte schaffen sowie unterschiedliche Sportarten kennenlernen.
Doch das simpel klingende Erfolgsrezept bedurfte einer guten Vorbereitung seitens der Stadtverwaltung und des Caritasverbandes. So wurden die Einrichtungen, in welchen die jungen Menschen untergebracht sind, im Vorfeld besucht, um das Leben in der Clearing-Gruppe kennenzulernen. Zudem machten sich die Übungsleiter/-innen, die sportwissenschaftlich ausgebildet sind, vorab Gedanken, wie Sporteinheiten und die Ansprache zu gestalten sind. Bei aller notwendigen Vorbereitung kam es, so der einhellige Bericht der Beteiligten, aber auf eines an: Empathie. Stadträtin Eibelshäuser: "Wir müssen durch die Augen derjenigen sehen lernen, für die wir dies tun. Insofern ist das Sportangebot auch ein Lernprogramm für diejenigen, die es anbieten - also für uns."

Ein erster Baustein für den Erfolg ist aus Sicht der beteiligten Personen gelegt. Nun gehe es darum, Kontinuität und die Einbindung des Sports in den Wochenplan einzubauen, so Eibelshäuser. „Wichtig ist eine feste Struktur mit klaren Aufgaben“, erklärt Melanie Student, die ein positives Fazit nach den ersten Monaten zieht. Christian Neißner macht einen weiteren Aspekt deutlich: „Dieses Angebot stellt keine Konkurrenz zu den Sportvereinen dar. Wir möchten den Jugendlichen die Möglichkeit geben, gemeinsam Sport zu treiben und dabei auch sozial zu lernen. Dies werden sie in ihre Zukunft mitnehmen können - wo immer sie landen werden." Integration fange hier an - ergänzte Stadträtin Eibelshäuser - auch wenn die Jugendlichen in Gießen nur auf Durchreise seien, sollten sie unsere Stadt und die Erlebnisse hier doch gut in Erinnerung behalten: "Dafür möchten wir einen Grundstock legen."