Zahlen & FaktenDie wirtschaftliche Entwicklung stockt. Sie hat sich deutlich gegenüber der letzten Umfrage im Frühjahr verschlechtert. Auch im Vergleich zur Vorjahresumfrage im Herbst 2013, hat sich das Klima verschlechtert, allerdings nur unwesentlich. Die derzeitige Geschäftslage wird noch als gut beurteilt. Der Blick in die nahe Zukunft allerdings ist skeptisch. Die Unternehmen, die einen ungünstigeren Verlauf in den kommenden Monaten befürchten, sind in Überzahl.

Steht Deutschland vor einem Abschwung, gar vor einer Rezession? Oder ist es nur eine vorübergehende Schwäche, eine Delle, die angesichts der Vielzahl weltweiter Brandherde nicht verwundern würde? Alle Institute haben ihre Prognosen für das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für das laufende Jahr nach unten korrigiert. Unsere Dachorganisation, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, kurz: DIHK, hat seine Prognose für 2014 von 2,0 Prozent auf 1,5 Prozent revidiert. Die Wirtschaftsweisen gehen von nur noch 1,4 Prozent, die Bundesregierung gar nur noch von 1,2 Prozent Wachstum des BIP aus. Die Industrieaufträge sind im Sommer des Jahres so stark weggebrochen wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Positive Signale aus China und den USA
Aktuell machen die ökonomischen und politischen Probleme im Ausland unseren Exporteuren schwer zu schaffen. Nach wie vor klemmt es in Italien und in Frankreich, dort gehen mehr als zwölf Prozent der deutschen Ausfuhren hin. Für Italien wird im laufenden Jahr gar ein Rückgang des BIP vorhergesagt, für Frankreich ein kaum fühlbares, minimales Wachstum. China wächst nicht mehr so stark wie noch vor kurzer Zeit, aber immerhin um mehr als sieben Prozent. Den USA wird ein Wachstum von 2,2 Prozent prognostiziert. Schließlich verhindern die Sanktionen gegen Russland und Gegensanktionen von Russland eine bessere Entwicklung: Zwar gehen nur rund drei Prozent der deutschen Exporte nach Russland. Doch die Verunsicherung, die aus diesem Konflikt entstand, hemmt die Unternehmen spürbar, insbesondere, was Investitionen angeht.

Weltweite Verunsicherungen
Weitere Verunsicherungen resultieren aus den Konflikten im Nahen Osten, aus den Krieg der IS-Terroristen oder aus der lange unterschätzten Ebola-Seuche. War im Frühjahr noch ein Plus von zwei Prozent für die deutschen Afrika-Exporte vorhergesagt, rechnet man nun mit Stagnation. Dazu kommen die nervigen Streiks der Lok-führer und der durchaus gutversorgten Lufthansa-Piloten. In Anbetracht all dieser Ereignisse ist es bemerkenswert, wie souverän die deutsche Wirtschaft bisher durch dieses schwierige Jahr kommt. Dabei zeigt sich besonders der Arbeitsmarkt robust. Die gestiegenen Realeinkommen haben bisher für eine stabile Inlandsnachfrage gesorgt.

Saldo bleibt positiv
Hier sind genau 37,7 Prozent der Betriebe zufrieden. Im vergangenen Jahr waren rund zwei Prozentpunkte weniger zufrieden, und im Frühjahr war es fast genau der gleiche Wert. Mit 17,1 Prozent sehen aktuell mehr Betriebe die aktuelle Situation schlecht als bei den vergangenen beiden Umfragen. Im Frühjahr lag die Zahl bei 12,9 und im Vorjahr bei 15,0 Prozent. Der Saldo bleibt damit positiv, wenn er auch kleiner wird.

Stimmungsumschwung
Deutlich pessimistischer ist die Einschätzung zur zukünftigen Lage. Nur noch 12,9 Prozent der Unternehmen rechnen mit weiterhin günstigen Entwicklungen. Das sind rund sieben Prozentpunkte weniger als im Frühjahr und etwas weniger als im Vorjahr. Mit 19,4 Prozent sieht fast schon jedes fünfte Unternehmen dem kommenden Halbjahr mit Skepsis entgegen. Das sind rund fünf Prozentpunkte mehr als bei den beiden relevanten Umfragen zuvor. Der Saldo zwischen Optimisten und Pessimisten liegt daher mit minus 6,5 Prozent deutlich im negativen Bereich. Im Frühjahr lag er bei positiven 4,8 Prozent. Das ist ein regelrechter Stimmungsumschwung.

All diese Werte führen heute zu einem Klimaindex von 106,2. Der Klimaindex ist ein Durchschnittswert, ermittelt aus den Antworten zur Gegenwart und zur Zukunft. Er kann zwischen 200 als bestem Wert und Null als schlechtestem Wert liegen. Im vergangenen Jahr lag er bei 108,5. In der Frühjahrsumfrage wurde ein Klimaindex von 114,3 errechnet. Alle Werte liegen aber über der Zufriedenheitsschwelle.

Maschinenbau leidet unter Sanktionen
Der Maschinenbau zählt im Jahr 2014 rund eine Million Mitarbeiter. Man sieht sich als Rückgrat der deutschen Industrie und steht im scharfen, massiven internationalen Wettbewerb. Daher warnt die Branche vor überzogenen Lohnsteigerungen. Denn steigende Kosten führen dazu, dass internationale Maschinenaufträge zur ausländischen Konkurrenz abwandern. Weiter führen diese Kostensteigerungen dazu, dass Geld für notwendige Investitionen nicht mehr zur Verfügung steht.
Russland der viertgrößte Exportpartner des Maschinenbaus; nach China, den USA und Frankreich. Knapp acht Milliarden Euro hat die Branche 2013 im Russlandgeschäft umgesetzt. Das entsprach einem Marktanteil von zwölf Prozent, dahinter folgt China mit einem Anteil von acht Prozent. Diese Reihenfolge wird sich nun verschieben, weil die Aufträge nunmehr an die – vornehmlich – chinesische Konkurrenz ge-hen. Die von der Politik beschlossenen wirtschaftlichen Sanktionen treffen den Ma-schinenbau spürbar und sie treffen vornehmlich den dünn mit Eigenkapital gepolsterten Mittelstand. Das kann schnell zu Existenznöten führen. Nicht verwunderlich ist daher der rasante Rückgang des Klimaindex.
Der Klimaindex liegt bei 89,7, gegenüber 115,2 im Vorjahr und 118,2 bei der Frühjahrsumfrage.

Heterogenes Bild im Bau
Die Bauwirtschaft ist verhalten in das zweite Halbjahr gestartet, die schwache Baukonjunktur im Sommer hat sich verfestigt. In den Sommermonaten sank der Umsatz. Aufgrund des starken ersten Halbjahres ergibt sich für den gesamten Zeitraum von Januar bis Juli aber ein Plus von 9,7 Prozent.
Am schlechtesten entwickelte sich im Sommer der Öffentliche Bau, für den sowohl ein Order- als auch ein Umsatzminus ausgewiesen wurden. Die Baubetriebe meldeten seit Juli einen Umsatzrückgang von 5,2 Prozent. Für die ersten sieben Monate des Jahres wurde, insbesondere wegen des ausgefallenen Winters, aber immer noch ein Plus von 10,3 Prozent erreicht. Dieses Plus könnte im Laufe des Jahres allerdings weiter schrumpfen, da die Auftragseingänge durch die anhaltende Zurückhaltung der Gebietskörperschaften bei der Auftragsvergabe mittlerweile ins Minus gerutscht sind.
Deutlich besser steht der Wirtschaftsbau da, der sich in den Sommermonaten nur leicht von der allgemeinen Unsicherheit hat anstecken lassen. Auch hier der gleiche Trend: Abschwächung im Sommer, doch durch das starke erste Halbjahr ist man weiter im Plus. Insbesondere die Nachfrage nach Fabrik- und Werkstattgebäuden hat angezogen. Einen leichten Wermutstropfen verursacht allerdings die Entwicklung der Neubaugenehmigungen für Wirtschaftsbauten, die den zweiten Monat in Folge rückläufig waren.
Widersprüchliche Signale kommen vom Wohnungsbau: Während der Umsatz in den ersten sieben Monaten um 12,8 Prozent zugelegt hat, sank der Auftragseingang nach letzten Meldungen um beachtliche 8,9 Prozent unter das Vorjahresniveau. Auch die Baugenehmigungen waren rückläufig. Aufgrund der guten Entwicklung in den Vormonaten sind die Genehmigungen in den ersten sieben Monaten aber noch deutlich im Plus. Gestützt wird diese Entwicklung allerdings ausschließlich vom Mehrfamilienhausbau, wo die Neubaugenehmigungen um 11,2 Prozent gestiegen sind, die Genehmigungen von neuen Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern gingen hingegen um zwei Prozent zurück.
Der Klimaindex in der Baubranche liegt bei 117,0 gegenüber 127,2 im Vorjahr und 115,8 bei der Frühjahrsumfrage.

Online-Handel marschiert
Der Einzelhandel rechnet für das laufende Jahr mit einem Umsatzplus von 1,5 Prozent. Mit einem voraussichtlichen Umsatzplus von 17 Prozent bleibt dabei der E-Commerce Wachstumstreiber der Branche. 30 Prozent aller stationären Händler sind bereits im Internet-Handel aktiv und profitieren vom Online-Boom, der einen tiefgreifenden Strukturwandel ausgelöst hat. Rund drei Viertel der Multi-Channel-Unternehmen gehen 2014 von steigenden Umsätzen aus.
Gleichzeitig berichten viele innenstädtische Händler von stark rückläufigen Kundenfrequenzen. Das ist eine große Gefahr für die – noch - vitalen und attraktiven Innenstädte in Deutschland. Ohne den Handel werden viele Standorte veröden. Der Einzelhandel und die Kommunen müssen gemeinsam Wege suchen, um die Attraktivität der Stadtzentren zu erhalten, beispielsweise durch eine intelligente Vernetzung von Handel, Verkehr, Gastronomie, Kultur und Freizeit. Denn das Einkaufserlebnis in einer attraktiven Stadt ist sicher bleibender, wird es noch mit einem Kinobesuch und einem gastronomischen Erlebnis verbunden. Bleibender als der Online-Einkauf per Mausklick. Wir können in diesem Zusammenhang auf die Erfolge unserer BIDs in Gießen verweisen.
Gelingt es nicht, die Innenstädte wieder attraktiver zu gestalten, könnten bis zum Jahr 2020 rund 50.000 Standorte vom Markt verschwinden, heißt es in der Branche. Insbesondere kleine und mittelständische Händler, die nicht in Genossenschaften oder Verbundgruppen eingebunden sind, könnten sich nach Branchen-Einschätzung dann nur noch schwer behaupten.
Der Klimaindex im Einzelhandel liegt bei 85,1 gegenüber 94,8 im Vorjahr und 96,0 bei der Frühjahrsumfrage.

Beste Resultate aus der Wetterau
Die Betriebe zwischen Bad Vilbel und Butzbach, zwischen Ober Mörlen und Nidda, landen bei einem Klimaindex von 115,2. Gegenüber der Vorjahresumfrage bedeutet dies eine Steigerung um genau 6,1 Punkte. Auch gegenüber der Frühjahrsumfrage hat man sich nochmals leicht verbessert. Als einziger Kreis weisen die Wetterauer damit eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr und dem Frühjahr auf. Und die Wetterauer Betriebe kommen damit sogar ganz in die Nähe des hessischen Gesamtergebnisses. Hessen kommt auf einen Klimaindex von 115,9 und stagniert damit im Vergleich zum Vorjahr. Üblicherweise liegt das hessische Ergebnis um rund zehn Punkte über dem Ergebnis des IHK-Bezirkes. Diese Regel bewahrheitet sich auch dieses Mal, der Klimaindex liegt bei uns bei 106,2.

Deutlich hinter dem Wetterauer Klimaindex - und auch klar unter dem Kreisergebnis - folgt der Landkreis Gießen mit einem Wert von 102,9. Damit überspringt man nur knapp die Zufriedenheitshürde. Im Vorjahr erzielten die Gießener Unternehmen noch einen Klimaindex von 113,3. Im Frühjahr lag man sogar noch bei 119,0. Das ist also ein regelrechter Absturz um zehn bzw. 16 Punkte.

Der Vogelsbergkreis belegt traditionsgemäß den dritten Platz. Die Betriebe um Alsfeld und Lauterbach landen mit einem Wert von 96,8 recht deutlich unter der Zufriedenheitsschwelle. Im Vorjahr lag man mit 101,2 noch knapp über der Messlatte, und im Frühjahr herrschte mit 114,6 durchaus Zuversicht. Mit einem Rückgang des Klimaindex um genau 17,8 Punkte erlebt man nun innerhalb eines halben Jahres einen herben Rückschlag.

Risiko Strompreise
In einer Zusatzbefragung wurden die Unternehmen nach ihren Einschätzungen zu den möglichen Risiken der konjunkturellen Entwicklung befragt. Waren in den vergangenen Umfragen stets die hohen Energie- und Rohstoffpreise als das größte Risiko identifiziert, liegt diesmal die von den Unternehmen als nicht ganz sattelfest ausgemachte Inlandsnachfrage an der Spitze der Hindernisse. Für 43,2 Prozent der Betriebe sind nach wie vor die Energiepreise das größte Risiko. Das sind nicht mehr ganz so viele wie im Frühjahr, damals nannten genau 54,7 Prozent der Unternehmen dieses Risiko zuerst. Der neueste Versuch von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, die hohen Strompreise in den Griff zu bekommen, führt zwar lediglich dazu, dass die Steigerungen nicht mehr ganz so dramatisch verlaufen und vermutlich einige Ausnahmeregelungen bei der Industrie gekappt werden. Auch 2015 werden damit den Unternehmen und den Konsumenten weiter Strompreise in bisher nicht gekannten Höhen in Rechnung gestellt werden.

 

19.11.2014 
Quelle: IHK Gießen-Friedberg