Denkmal Pro Patria auf dem Neuen Friedhof

Im Gießener Kriegsgefangenenlager, in dessen Lazarett oder anderen Lazaretten und Kliniken in der Stadt sind während der Zeit des Ersten Weltkrieges ungefähr 750 Kriegsgefangene verstorben. Sie wurden auf dem neuen Friedhof am Rodtberg bestattet. Um auch der deutschen Kriegstoten in angemessener Weise gedenken zu können, errichtete die Friedhofsverwaltung einen besonderer Ehrenfriedhof für die Kriegsgefallenen, auf denen sowohl deutsche als auch feindliche Soldaten bestattet werden konnten.

Oberbürgermeister Karl Keller beschrieb dies im Frühjahr 1916 so: „Die im hiesigen Mannschaftsgefangenenlager Verstorbenen werden auf dem hiesigen Friedhof beerdigt und zwar innerhalb eines besonderen Teils, der als Ehrenfriedhof zur Aufnahme gefallener oder verstorbener deutscher und feindlicher Krieger bestimmt ist. Es ist beabsichtigt, nach dem Friedensschluß diesen Ehrenfriedhof aus städtischen Mitteln künstlerisch auszugestalten und mit einem einzigen Denkmal zu versehen, auf dem die Namen der auf diesem Ehrenfriedhof beerdigten Deutschen und gleicherweise der feindlichen Krieger verzeichnet werden sollen“.

Zur selben Zeit hatten die Vertrauensleute der französischen, belgischen, englischen und russischen Kriegsgefangenen, sich mit dem Plan der „Errichtung eines Grabdenkmals für ihre im Gießener Friedhof bestatteten Mitgefangenen“ an die Stadtverwaltung gewandt. Sie reichten einen Entwurf ein und machten genaue Vorschläge, wie das Projekt realisiert werden sollte. Durch Spenden der Internierten sollte es finanziert und die Arbeiten durch Arbeitskräfte des Lagers ausgeführt werden.

Die Stadt wollte zunächst noch an den ursprünglichen Plänen einer gemeinsamen Gedenkstätte festhalten, doch der Denkmalausschuss des Lagers blieb hartnäckig. Schließlich lenkte die Stadtverordnetenversammlung ein und genehmigte das Denkmal. Damit war der Weg zur Ausführung der Arbeiten frei.

Am Ende des Krieges – es war Mitte November 1918 - wandten sich das „Comité de secours Français“ mit folgender Bitte an die Stadt: „Der Denkmalsausschuß des Lagers Gießen hat die Ehre der Stadtgemeinde Gießen zur Kenntnis zu bringen, daß infolge des Abschlusses des Waffenstillstandes die französischen und englischen Kriegsgefangenen sehr bald das Lager verlassen werden. Der Denkmalsausschuß beehrt sich, das auf dem Friedhofe der Stadt Gießen zum Gedächtnis an die in Gefangenschaft verstorbenen Kriegsgefangenen errichtete Denkmal der Stadtgemeinde Gießen zu übergeben und bittet dieselbe, das Denkmal unter ihren Schutz zu nehmen, sowie für gute Unterhaltung Sorge zu tragen“. Die Stadt stimmte dem zu, nahm das Denkmal in ihre Obhut und hat bis heute gut für das Denkmal gesorgt.

Die Toten auf dem Neuen Friedhof kamen allerdings in den folgenden Jahren noch einmal in Bewegung. Unmittelbar nach dem Friedenschluss von Versailles begannen die Alliierten damit ihre Kriegstoten zu exhumieren und an zentralen Orten in eigens dafür geschaffenen Kriegsgräberstätten neu beizusetzen. So wurden belgische Kriegstote zurück nach Belgien geholt, die französischen Toten in die „Nécropole nationale des prisonniers de guerre français“ in Sarrebourg überführt. Die Engländer fanden ihre letzte Ruhe in Niederzwehren bei Kassel. Die Italienischen Kriegstoten wurden auf dem Kölner Südfriedhof neu bestattet. Zurück blieben einzig die russischen Toten. Sie waren als Soldaten des Zaren in den Krieg gezogen. Nach der Revolution hatte die neue Regierung anscheinend kein Interesse an den Toten des alten Regimes. Daher liegen ihre Überreste noch heute in der Gießener Erde.

Mehr zu diesem Thema und die Zeit des Ersten Weltkrieges in Gießen können Sie in der Ausstellung “Gefangen im Krieg - Gießen 1914-1919“ erfahren.

 

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Denkmalentwurf Pro Patria mit Signatur des Architekten
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Steinmetzwerkstatt im Lager - Mit Kreuz gekennzeichnet ist Raphaël Drouart - von ihm stammt der Entwurf
Steinmetzwerkstatt im Lager - Mit Kreuz gekennzeichnet ist Raphaël Drouart - von ihm stammt der Entwurf
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Denkmal Pro Patria auf dem Neuen Friedhof
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Englischer Soldatenfriedhof Niederzwehren
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Protokoll über die Exhumierung der Überreste des Auguste Bacher
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