Treffs in Gießen

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Von Oliver Keßler

In Gießen gibt es mindestens genauso viele Möglichkeiten, unterwegs etwas zu erleben und Menschen kennenzulernen wie sich zu verirren. Oder findet der Neu-Gießener von der Ludwigstraße in den Riegelpfad, von dort kreuz und quer durch die Innenstadt und dann raus an die Lahn, flussaufwärts zum Wißmarer Weg, weiter zum Löbershof über die Rivers Automeile und wieder zurück zum Riegelpfad? Wenn das kein Problem darstellt, dann haben Sie den ersten Kneipen-Tour-Test bravourös bestanden.

Für alle Neuankömmlinge, die noch nicht so recht wissen, welches ihr Plätzchen ist, folgt nun die Auflösung des Zickzack-Rätsels durch die Stadt. Das Schöne an Gießen sind nämlich die kurzen Distanzen und seine Vielfältigkeit. Und das schreibt einer, der “lebenslänglich“ hat und ein zärtliches Gefühl empfindet für all den abgeplatzten Lack. In den Nischen gibt es dadurch Raum für Subkultur. Das Angebot reicht von kaschemmig bis metropolesk, von lukullisch bis hopfig.

Zum Start einer abendlichen Tour empfehle ich die gutbürgerliche Basis. Das "Ihrings" (Ludwigstraße 10, schräg gegenüber von der Liebigschule) etwa wird von Klaus Göttmann betrieben. Die Gaststätte im Keller verfügt über einen Raucherraum. Sie hat sich etabliert für solide Hausmannskost und Frischgezapftes. Traditionell und doch nicht hausbacken sind die Hessen-Tapas im Melchiors" (Ludwigstraße 55) ein paar Hundert Meter weiter. Jamie Oliver hätte ein Schulterklopfen übrig für kulinarische Kombinationen wie Flammkuchen mit Grüner Soße oder zerlaufenen Handkäs'. Ein Gag: An einem Tisch kann das Bier selbst gezapft werden. Nicht zu vergessen ist im Sommer der Biergarten.

Wer mit mehr Weitblick loslegen will, fährt in den 13. Stock des Hochhauses am Ludwigsplatz ins Dach-Café. Der Gastronom Ali Rashidi trägt für die stilsichere Inneneinrichtung und das gesamte Konzept die Verantwortung. Es gibt herrliche Torten aus der eigenen Konditorei, ein sehr gutes Frühstück und eine ambitionierte Küche. Das Lokal ist ein Muss für all jene, die die Stadt noch nicht kennen oder der Familie und Freunden näher bringen wollen. Die Aussicht von der Plattform im 14. Stock ist das Beste, was die Stadt zu bieten hat.

Elegant ist der Stil des Gastronomen Bijan Nurbaksch. So ist das "Takt" (Ludwigstraße 30) im Wiener Caféhaus-Stil eingerichtet. Sehr aufwendig und lecker mit Blick auf das historische Uni-Hauptgebäude. Direkt dahinter versteckt sich seine “Lounge Bar“ mit großstädtischem Interieur und Club-Musik. Ein Muss für Nachtschwärmer mit Stil.

Eine äußerst sympathische Kiezkneipe ist das "K.W." (Henselstraße 10), was "Kaffee Wolkenlos" bedeutet. Sein Betreiber Haiko Schimpf hat fernwehsichere Fotos mit strahlend blauem Himmel an die Wände gehängt und ist bekennender Fußball- und Krimifan, weshalb der Samstagnachmittag der Bundesliga gehört. Am Sonntagabend wird gemeinsam "Tatort" geguckt. Dazu gibt es Schnittchen oder andere Kleinigkeiten zu essen. Zur Krimizeit sind Reservierungen empfehlenswert. Hemdsärmelige Studentenkneipenatmosphäre herrscht im "Klimbim" (Ebelstraße 2) und bei Britta in ihrem "Sowieso" (Liebigstraße 21). Wer auf Schienen anreist, findet in "Mr. Jones" gegenüber am Bahnhof morgens einen angenehmen Frühstücksort und kann dabei dem bunten Rollkoffertreiben auf dem Vorplatz zuschauen. Abends brummt es.

Für den Cappuccino am Nachmittag gibt es gleich mehrere Empfehlungen: "Coffee Bay" heißt die Gießener Urmutter aller Cafés im “Starbucks“-Stil. Mittlerweile hat sich noch "Coffee One" (Neustadt 25) oder, ein echter Tipp, das äußerst charmante "Café de Paris" (Bismarckstraße 6) etabliert. Hier wie dort gibt es ein großes Angebot an Café-Variationen, von köstlichen Brownies mit Walnüssen über Croissants bis zum knusprig-warmen Panini. Stilvoll, im Wiener Kaffeehaus-Stil mit Stuck an der Decke und 100 Jahre alter Holzvertäfelung an der Wand, lässt sich der Nachmittag im "Café zeitlos" (Bahnhofstraße 50) verbringen.

Wer sich in der Innenstadt zu Fuß bewegen will – der Führerschein dankt es –, tut gut daran, das "News-Café" (Plockstraße 1-3) zu testen. Derart stilsicher kommt kaum ein Café daher: unaufdringlch, elegant und charmant. Unbedingt auch die Treppe nach unten gehen. Im Untergeschoss sind nicht nur die geschmackvollsten Toiletten (kein Witz - besonders bei den Herren), sondern weitere Sitzgelegenheiten für Rückzugswillige. Das "No. Ten" (Plockstraße 8-10) schräg gegenüber hat viel Italienisches auf der Karte. Klassischer Barstil, solider Service, gutes Essen: da gibt es nichts zu meckern. Die "Galant-Bar" (Südanlage 20) ist vermutlich die einzige Bar mit Schiffsbug. Die Betreiber setzen auf Clubatmosphäre mit Kronleuchter und großem Raucherbereich. In der “Centralbar“ (Löbershof) trifft starkes Design auf Theater. Unter einem Dach befinden sich der großstädtische Club und das Theaterstudio am Löbershof, in dem es immer spannend intime Aufführungen zu sehen gibt. Hier gibt es neben Cocktails auch edle Kaffee-Sorten, frischgezapftes Kölsch und feinsinniges Essen für den schmalen Geldbeutel.

Im Sommer ist das "Bootshaus" an der Lahn der In-Biergarten, nicht zuletzt wegen der besten Sicht und einem herrlichen Sonnenuntergang. Weniger Rummel herrscht im Biergarten der "Marinestuben" (Wißmarer Weg 31). Dort ist die Tapas-Bar "La Tasca" mit eingezogen. Neben spanischen Kleinigkeiten gibt es auch deutsche Hausmannskost wie frische Kartoffelpuffer.

Nun aber zum eigentlichen Nachtleben: Im "Ulenspiegel" (Seltersweg 55) gibt es nicht nur in historischer Atmosphäre den schönsten Biergarten der Innenstadt. Bis 3 Uhr kann im Keller abgetanzt werden. Und Geschäftsführer Thomas Bach gibt sich die größte Mühe, ein Liveprogramm mit hörenswerten Künstlern auf dei Beine zu stellen. Immer einen Besuch wert. Hier genauso wie im "Haarlem" (Schanzenstraße 9) fühlen sich vor allem die ersten Semester wohl. Die Atmosphäre ist weltoffen und die Musik kann sich – je nach Tag, Stil und DJ – hören lassen. Alternativer klingt die Musik im legendären "Scarabée" (Riegelpfad 8), wo einst Polizisten aus einem Eisenbahnwaggon heraussprangen und eine Drogen-Razzia durchführten. Das liegt allerdings Jahrzehnte zurück. Heute wird in der düsteren Kneipen-Disco vor allem getanzt. Schwefelgezapftes Guinness und Live-Musik gibt es im "Irish Pub" (Walltorstraße 27).

Ein bisschen weiter draußen, aber programmatisch mittendrin ist der "Musik- und Kunstverein" (Rivers Automeile) am Rande der Stadt, kurz MuK genannt, wobei niemand so genau weiß, ob es der, die oder das MuK heißt. Was auch eigentlich egal ist, solange in dem ehemaligen Bunker kulturell was los ist. Neben dem "Ulenspiegel" ist das die wichtigste Bühne für Live-Auftritte, aber auch die regelmäßigen Partys sind ein Renner. Die angeschlossene Kneipe "1022" ist uneingeschränkt zu empfehlen. Ein Muss für Partygänger.

Zum Ausstieg der Tour noch zwei Tipps für den Einstieg in die durchtanzte Nacht: In der Gaststätte "Zum Bahndamm" (Riegelpfad 46) bedient die über 80-jährige "Mutter Gerbig" seit Jahrzehnten persönlich. Es gibt nichts Schöneres, als mit einer Gruppe in der “gudd Stubb³ einzukehren und neben WiSchniPoSa-Hunger (Wiener Schnitzel, Pommes, Salat) auch etwas Zeit mitzubringen. Denn die Chefin reagiert bei "unverschämten" Nachfragen ("Entschuldigung, ich warte schon eine Stunde auf mein Essen.") auch mal hart, aber herzlich.

 

Ludwigstraße

 

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