Spezielle Rettung führt jedes Jahr aufwändiges Auswahlverfahren unter Freiwilligen durch

Während andernorts über zu wenig Ehrenamtliche für den freiwilligen Dienst in der Feuerwehr gejammert wird, plagen die Verantwortlichen in der Speziellen Rettung der Feuerwehr Gießen ganz andere Sorgen. „Wie führen wir mit den ehrenamtlichen Bewerbern ein faires Auswahlverfahren durch, das den Menschen und der Sache gerecht wird?“ Klingt komisch, ist aber so: Für die Schnelleinsatzgruppe Spezielle Rettung, den Höhenrettungsdienst in Gießen, bewerben sich jedes Jahr um die 40 Freiwillige. Für maximal 6 sind Lehrgangsplätze vorhanden, der reale Bedarf in der Einsatzeinheit ist noch geringer. Mit einem möglichst objektiven Bewerbungsverfahren löst man dies.

Es klingt luxuriös, ist am Ende aber manchmal etwas unbefriedigend. Findet auch Florian Uhle, einer der Einheitsführer der SEG Spezielle Rettung „Da sind clevere und engagierte Menschen, die wollen sich freiwillig engagieren, aber am Ende muss man sie wieder wegschicken, weil unsere Einheit eine kritische Masse nicht überschreiten kann.“ erklärt der 32jährige Leiter eines Forschungslabors, der auch im Beruf Personalverantwortung trägt. „Für die Gruppe ist es am Ende gut, wir können uns die geeigneten Leistungsträger raussuchen, aber einem potentiellen Ehrenamtlichen abzusagen hat eben auch einen faden Beigeschmack.“

Die Schnelleinsatzgruppe Spezielle Rettung ist der regionale Fachdienst zur Durchführung von Menschenrettungen in großer Höhe, Tiefe und Enge. Die Gruppe besteht ausschließlich aus Ehrenamtlichen. Ihre Sachaufwendungen werden zu großen Teilen mit Mitteln, die andere Kommunen, Behörden, Verbände oder der eigene Förderverein zur Verfügung stellen, refinanziert . Eben diesem Förderverein hat die Spezielle Rettung auch den Zulauf der zahlreichen Ehrenamtlichen zu verdanken. Dieser hat nämlich eine Fachagentur beauftragt, das Produkt „Engagement in der Feuerwehr“ zu bewerben – mit viel Erfolg seit vielen Jahren. „Im Inneren stimmt die Spezielle Rettung, es gibt eine Kultur, einen Führungsstil, eine Kontinuität und einen methodischen Umgang mit den inhaltlichen Themen. Darum kümmern sich erfolgreich die ehrenamtlichen Einheitsführer und die Ausbilder. Über die FeuerwehrAgentur steuern wir als Förderverein die entsprechende Werbung bei. Die wissen wie das geht, das ist nicht teuer und am Ende funktioniert es prima“ weiß die Ärztin Sophie Ruhrmann, Vorstandsmitglied des Fördervereines und selbst aktives Feuerwehrmitglied.

Im Zuge des Auswahlverfahrens bewerben sich Interessenten bis zu einem Stichtag schriftlich mit Lebenslauf. Dann werden zuerst jene Bewerber aussortiert, die aus formalen Gründen nicht in Frage kommen. Zum Beispiel, wenn Wohnort und Arbeitsplatz zu weit von Gießen entfernt sind , um im Ernstfall zügig für einen Einsatz zur Verfügung zu stehen. Alle Bewerberinnen und Bewerber, die diese erste Runde überstanden haben,
werden zu einem Auswahlverfahren eingeladen. Hier erhalten sie nochmal einen tieferen Einblick in die Arbeit der Speziellen Rettung. Danach sind sie selber gefragt: In einem Test müssen sie Auffassungsgabe, Logik, räumliches Vorstellungsvermögen und Grundkenntnisse genauso darstellen, wie eine grundlegende Allgemeinbildung. Zum Beispiel was man unter Gewaltenteilung versteht oder wie viele Kilometer 67 Zentimeter sind.

„Das ist wichtig, weil die Materie Spezielle Rettung anspruchsvoll ist und in den Szenarien sehr viel Transferleistung von den Einsatzkräften erwartet wird.“ erklärt Jan Guckes, einer der Ausbilder und im normalen Leben Gymnasiallehrer. An diesen theoretischen Test schließt sich eine Station an, an der die Bewerber abgeseilt werden. Danach werden sie, begleitet von einem erfahrenen Höhenretter, an der Drehleiter hängend auf 30 Meter Höhe gehievt. Ziel der Übung: Höhenfestigkeit überprüfen. Am Ende steht ein 5 Kilometer-Lauf in der Gruppe, um die Leistungsfähigkeit zu überprüfen.

Im Mittelpunkt steht bei allen Übungen aber das Augenmerk auf das Sozialverhalten der Bewerber, weiß Martin Lutz, einer der Einheitsführer. „Jedem, der es wirklich will und der mit einem gewissen Grundverständnis ausgestattet ist, können wir am Ende fast alles beibringen, Wissen, körperliche Fitness, sogar bis zu einem gewissen Grad Höhentauglichkeit. Wenn aber jemand Ende 20 in einer Gruppe nicht funktioniert, dann ist er bei uns nicht richtig. Und das sieht man bei diesen Übungen sehr schnell“.

Wer in diesem Jahr in die SEG Spezielle Rettung aufgenommen wird, steht übrigens noch nicht fest, denn die umfangreichen Daten müssen nun erst mal ausgewertet werden. „Bei dem einen oder anderen liegt der Einberufungsbescheid zum Grundlehrgang Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen dann unterm Weihnachtsbaum“ verrät Einheitsführer Uhle.