Frau sein in Indien, dem gefährlichsten Land für Frauen weltweit

Das Frauen- und Gleichberechtigungsbüro der Stadt Gießen und die Arbeitsgemeinschaft Giessener Frauenverbände laden am Mittwoch, 04. Dezember 2013 ab 18:30 Uhr in den Netanyasaal des Alten Schlosses, Brandplatz, 35390 Gießen, zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung zur Stellung der Frauen in Indien ein.

Sonntag: ein elfjähriges Mädchen wird vergewaltigt und verbrannt
Mittwoch: ein achtjähriges Mädchen wird nach mehrfacher Vergewaltigung erwürgt
Donnerstag: eine junge Polizistin wird in Jharkhand auf dem Weg zur Beerdigung ihrer Schwester vergewaltigt
Freitag: eine Fotojournalistin wird in Mumbai Opfer einer Gruppenvergewaltigung.

Einige wenige Schlagzeilen aus einer einzigen Woche Alltag im August 2013 in Indien. Was so unbeschreiblich brutal, ja krank, klingt, ist dennoch nur die Spitze des Eisbergs. 2012 wurden 24.900 Vergewaltigungen in Indien angezeigt – d.h. alle 21 Minuten wurde eine Frau Opfer eines solchen Gewaltverbrechens. Da wir davon ausgehen können, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt, ist mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass alle paar Minuten in Indien eine Frau brutal vergewaltigt wird.

Indien gilt inzwischen als das gefährlichste Land für Frauen weltweit. Und dies bezieht sich nicht allein auf Vergewaltigungen. Gewalt gegen Frauen gehört in Indien zum grausamen Alltag: Nach offiziellen Angaben richteten sich 2011 von rund 256.000 registrierten Gewalttaten mehr als 228.000 gegen Frauen. Wie viele es wirklich sind, können wir kaum erahnen. Die allermeisten Frauen wagen es überhaupt nicht, Anzeige zu erstatten – aus Scham und weil sie überzeugt sind, dass die Täter ohnedies nicht bestraft werden. Vergewaltigungen von Frauen der Kaste der "Unberührbaren“, „religiös legitimierte“ Vergewaltigungen der Tempeltänzerinnen oder die zumindest geduldeten Vergewaltigungen von Frauen durch Soldaten im Nordosten des Landes erscheinen in der Regel überhaupt nicht in der sowieso lückenhaften Statistik.

Und doch wächst die Zahl derjenigen, die gegen Gewalt an Frauen demonstrieren. Frauen UND Männer gehen auf die Straße – immer häufiger, in immer größerer Zahl. Hoffen wir, dass die Zeit einfach reif ist für Veränderungen in der indischen Gesellschaft. Die Demonstranten fordern die indische Regierung heraus. Diese kann nicht mehr schweigen. Premierminister Manmohan Singh rief dazu auf, die durch die brutale Vergewaltigung einer jungen Frau im Dezember 2012 in Delhi geweckten Emotionen für einen gesellschaftlichen Wandel zu nutzen: "Sie mag ihren Kampf ums Überleben verloren haben, aber es liegt an uns sicherzustellen, dass ihr Tod nicht umsonst war", erklärte er. Präsident Mukherjee sagte, die 23-jährige sei stark und tapfer gewesen. "Sie ist eine wahre Heldin und symbolisiert die indische Jugend und Frauen auf das Beste." Braucht ein Land wie Indien wirklich solche „Heldinnen“, um effektive Maßnahmen zum Schutz seiner Frauen zu ergreifen?

Die Regierung wird jetzt an ihren Taten gemessen werden. Strenge Gesetze zum Schutz der Frauen vor sexueller Gewalt sind in Vorbereitung bzw. sogar verabschiedet. Doch dies alles ist nur die eine Seite der Medaille: Gesetze allein können Frauen nicht schützen. Es geht um die grundsätzliche Anerkennung der Frau als Mensch mit gleicher Würde und gleichen Rechten wie ein Mann. Und hier ist jeder Inder gefordert!

Erst wenn dieses Denkmuster nicht nur in den Köpfen von Politikern und Polizisten – sondern in den Köpfen ALLER Inder angekommen ist – wird Indien den unrühmlichen Titel: „das gefährlichste Land der Erde für Frauen“ ablegen können.