Eine virtuelle Kneipentour

von Oliver Keßler

(Stand: Oktober 2011)

Oliver Keßler"Gießen ist nicht schön, eine Stadt auf den zweiten Blick, heißt es. Das mag sein. Für den zweiten Blick reicht dafür aber eine einzige Nacht. Es gibt hier mindestens genauso viele Möglichkeiten unterwegs etwas zu erleben und Menschen kennenzulernen, wie sich zu verirren. Oder findet der Neu-Gießener von der Frankfurter Straße über die Ludwigstraße zum Ludwigsplatz, von dort kreuz und quer durch die Innenstadt und dann raus an die Lahn, zurück zum Löbershof über die Rivers Automeile und am Ende zum Riegelpfad? Wenn das kein Problem darstellt, dann haben Sie den ersten Kneipen-Tour-Test bravourös bestanden.
Für alle Neuankömmlinge, die noch nicht so recht wissen, welches ihr Plätzchen ist, folgt nun die Auflösung des Zickzack-Rätsels durch die Stadt. Das Schöne an Gießen sind nämlich die kurzen Distanzen und seine Vielfältigkeit. Und das schreibt einer, der „lebenslänglich“ und eine Vorliebe für abgeplatzten Lack hat. In den Nischen gibt es dadurch Raum für Subkultur. Das Angebot reicht von kaschemmig bis großstädtisch, von lukullisch bis hopfig.

Zum Start einer abendlichen Tour empfehle ich die „Bar Celona“ (Frankfurter Straße 84). Hier gibt es authentisch spanische Tapas, bezahlbar und lecker. Weiter unten Richtung Elefantenklo befindet sich das Gasthaus „Gambrinus“ (Klinikstraße 21) mit gehobenem Anspruch an den Gaumen. Wer sich hier kulinarisch wohlfühlt, ist auch bestens im „Schlosskeller“ (Brandplatz 2) aufgehoben. Hier kochen Vater und Sohn Haas mit Leidenschaft und zum Mittagstisch auch durchaus für die Studentenbörse erschwinglich.

Traditionell und doch nicht hausbacken sind die Hessen-Tapas im "Melchiors" (Ludwigstraße 55). Jamie Oliver hätte ein Schulterklopfen für kulinarische Kombinationen wie Flammkuchen mit Grüner Soße oder zerlaufenen Handkäs' übrig. Ein Gag: An einem Tisch kann das Bier selbst gezapft werden. Im Sommer lässt es sich hier im Biergarten sehr gut aushalten.

Um die Ecke befindet sich die Gaststätte „Zum Bahndamm“ (Riegelpfad 46). Die über 80-jährige Chefin „Mutter Gerbig“ betreibt die Gastwirtschaft seit dem Kriegsende. Sohn Horst ist schon viele Jahre mit dabei. Es gibt nichts Schöneres, als mit einer Gruppe in der „gudd Stubb“ einzukehren und neben WiSchniPoSa-Hunger (Wiener Schnitzel, Pommes, Salat) auch etwas Zeit mitzubringen. Denn die Chefin reagiert bei "unverschämten" Nachfragen („Entschuldigung, ich warte schon eine Stunde auf mein Essen.“) auch mal gerne hart, aber herzlich. Das "Ihrings" (Ludwigstraße 10) ein paar Hundert Meter weiter wird von Klaus Göttmann betrieben. Die Gaststätte im Keller verfügt über einen Raucherraum und hat sich für solide Hausmannskost und Frischgezapftes etabliert.

Wer die Stadt einmal aus einer völlig anderen Perspektive erleben will, fährt in den 13. Stock des Hochhauses am Ludwigsplatz hinauf zum "Dach-Café". Der Gastronom Ali Rashidi trägt für die stilsichere Inneneinrichtung und das gesamte Konzept die Verantwortung. Es gibt herrliche Torten aus der eigenen Konditorei, ein sehr gutes Frühstück und eine ambitionierte Küche. Das Lokal ist ein Muss für all jene, die die Stadt noch nicht kennen oder der Familie und Freunden näher bringen wollen. Die Aussicht von der Plattform im 14. Stock ist herrlich.

Eine äußerst sympathische Kiezkneipe ist das "K.W." (Henselstraße 10), was für "Kaffee Wolkenlos" steht. Sein Betreiber Haiko Schimpf hat fernwehsichere Fotos mit strahlend blauem Himmel an die Wände gehängt und ist bekennender Fußball- und Krimifan, weshalb der Samstagnachmittag der Bundesliga und der Sonntagabend dem "Tatort" gehört. Dazu gibt es Schnittchen oder andere Kleinigkeiten (Tipp: Salat) zu essen. Zur Krimizeit sind Reservierungen empfehlenswert. Wer sich fragt, was da aus Holz an der Decke hängt, dem kann ich einen Tipp geben: Es hat mit Zigarren zu tun. Hemdsärmelige Studentenkneipenatmosphäre herrscht im "Klimbim" (Ebelstraße 2) und bei Britta in ihrem "Sowieso" (Liebigstraße 21). Wer auf Schienen anreist, findet im „Mr. Jones“ gegenüber am Bahnhof morgens einen angenehmen Frühstücksort und kann dabei dem bunten Rollkoffertreiben auf dem Vorplatz zusehen.

Für den Cappuccino am Nachmittag gibt es gleich mehrere Empfehlungen: „Coffee Bay“ am Markplatz, dem Bahnhof und in der Löwengasse heißt die Gießener Urmutter aller Cafés im „Starbucks“-Stil. Mittlerweile hat sich noch „Coffee One“ (Neustadt 25) oder, ein echter Tipp, das äußerst charmante "Café de Paris" (Bismarckstraße 6) etabliert. Hier wie dort gibt es ein großes Angebot an Café-Variationen, von köstlichen Brownies mit Walnüssen über Croissants bis zum knusprig-warmen Panini. Stilvoll, im Wiener Kaffeehaus-Stil mit Stuck an der Decke und 100 Jahre alter Holzvertäfelung an der Wand, lässt sich der Nachmittag im "Café zeitlos" (Bahnhofstraße 50) verbringen.

Wer zu Fuß in der Innenstadt unterwegs ist, tut gut daran, das "News-Café" (Plockstraße 1-3) zu testen. Derart stilsicher kommt kaum ein Café daher: unaufdringlich elegant. Unbedingt auch die Treppe nach unten gehen. Im Untergeschoss sind nicht nur die geschmackvollsten Toiletten (besonders bei den Herren), sondern weitere Sitzgelegenheiten für Rückzugsbedürftige. Das "No. Ten" (Plockstraße 8-10) schräg gegenüber hat viel Italienisches auf der Karte. Klassischer Barstil, solider Service, gutes Essen: da gibt es nichts zu meckern. Wiederum gegenüber genießt es der Gießener, bei „Gianoli“ (Plockstraße 7) an einer langen Tafel alle möglichen Pasta-und Salat-Variationen zu essen und liebevoll empfohlenen italienischen Wein serviert zu bekommen. Rechts daneben betreibt Giovanni Parise eine kleine, feine Eisbar, die es in sich hat. Seine Sorten sind naturbelassen ohne Konservierungs- und Farbstoffe oder Emulgatoren, und das schmeckt man auch: einfach ein Traum.

In der „Centralbar“ (Löbershof) trifft starkes Design auf Theater. Unter einem Dach befinden sich der großstädtische Club und das Theaterstudio am Löbershof, in dem es immer spannend-intime Aufführungen zu sehen gibt. Hier gibt es neben Cocktails auch edle Kaffee-Sorten, frischgezapftes Kölsch und feinsinniges Essen für den schmalen Geldbeutel.

Im Sommer ist das "Bootshaus" (Bootshausstraße 12) der In-Biergarten, nicht zuletzt wegen der Lage direkt an der Lahn und der Sicht auf einen herrlichen Sonnenuntergang. Hier hat Dietmar Knöß als Pächter das Sagen. Zusammen mit Andreas Fuhr betreibt er bereits den „Justus im Frankfurter Hof“ (Frankfurter Straße 7) und serviert hier wie dort eine grundsolide regionale Küche mit dem gewissen Etwas. Lecker ist es auch auf der „Lahnterrasse“ (Bootshausstraße 20) im Ski- und Kanuclub. Das Ausbildungsrestaurant verfügt über eine fantasievolle Küche und die Bedienung ist immer sehr aufmerksam.

Nun aber zum eigentlichen Nachtleben: Im "Ulenspiegel" (Seltersweg 55) gibt es nicht nur in historischer Atmosphäre den schönsten Biergarten der Innenstadt. Bis 3 Uhr kann im Keller getanzt werden. Und Geschäftsführer Tobias Bach stellt ein Liveprogramm mit hinhörenswerten Künstlern auf die Beine. Immer einen Besuch Wert. Hier genauso wie im "Haarlem" (Schanzenstraße 9) [Anmerkung der Red.: Das Haarlem hat kleider geschlossen] fühlen sich vor allem die ersten Semester wohl. Die Atmosphäre ist weltoffen und die Musik kann sich – je nach Tag, Stil und DJ - hören lassen. Alternativer klingt die Musik im legendären „Scarabée“ (Riegelpfad 8), wo einst Polizisten aus einem Eisenbahnwaggon heraussprangen und eine Drogen-Razzia durchführten. Das liegt allerdings Jahrzehnte zurück. Heute wird in der düsteren Kneipen-Disco vor allem getanzt. Frisch gezapftes Guinness und Live-Musik gibt es im „Irish Pub“ (Walltorstraße 27) und einmal im Monat Karaoke.
Ein bisschen weiter draußen, aber programmatisch mittendrin ist der "Musik- und Kunstverein" (Rivers Automeile) am Rande der Stadt, kurz MuK genannt, wobei niemand so genau weiß, ob es der, die oder das MuK heißt. Was auch eigentlich egal ist, solange in dem ehemaligen Bunker was los ist. Neben dem "Ulenspiegel" ist das die wichtigste Bühne für Live-Auftritte, aber auch die regelmäßigen Partys sind immer voll. Nächte durchtanzen kann man außerdem in der „Admiral Music Lounge“ (Oberlachweg 11-13) und im „Kunstkeller Club“ (Marburger Straße 112)."