Wieseck

Die So mancher Wiesecker kann sich nicht damit abfinden, dass Wieseck seit 1939 ein Stadtteil von Gießen ist statt umgekehrt. Grund dafür gäbe es, denn Wieseck blickt auf eine ältere Geschichte zurück als die Stadt Gießen. Bereits 775 wird Wieseck in den Schenkungsurkunden erwähnt. Es gab zwischen Gießen und Wieseck einen lebhaften Tauschhandel: Die eine Seite lieferte die landwirtschaftlichen Produkte, die andere die handwerklichen Erzeugnisse. Die Gießener Stadtherren übten sanften Druck aus, um die Bewohner in die Stadt zu locken und damit die Einwohnerzahl zu erhöhen. 1646 brannte es in Wieseck, nur drei Wohnhäuser blieben unversehrt. Wieseck hat ein Wahrzeichen: Die »Poart«, ein mächtiger Wehrturm der ehemaligen Dorfbefestigung, wird 1458 in ihrer heutigen Form erstmals erwähnt. Deutlich ist noch eine alte Schießscharte zu sehen, mit deren Hilfe die Bauern seinerzeit plündernde Heere oder andere bewaffnete Haufen abzuwehren wussten. Allerdings darf man sich unter einer solchen Dorfbefestigung keine aufwendige Wallanlage vorstellen, wie sie Landgraf Philipp der Großmütige in Gießen errichten ließ. Vielmehr bestand die Umfestigung teilweise nur aus festen Zäunen, Hecken oder einem Graben.

Eine Kirche wird in Wieseck erstmals 778 urkundlich erwähnt, wobei ein Abt Beatus von Honau das Gotteshaus zusammen mit einer Reihe anderer an das Kloster in Honau überträgt. Die heutige Kirche steht wahrscheinlich auf den Fundamenten des Sakralbaus aus dem 8. Jh. Der steinerne Unterbau ihres quadratischen Ostturms wurde gegen Ende des 13. Jh. erbaut, das Chorgewölbe gegen Ende des 15. Jhs.

(Text: Tilmann Lochmüller)