Baustelle Bahnhof
Bahnhof Gießen Neu

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Gar nicht erkannt…“ So oder so ähnlich könnte der Satz eines Bahnreisenden lauten, der in den letzten Tagen nach dem Jahreswechsel in Gießen ankommt und den neu gestalteten Bahnhofsvorplatz erspäht. Keine Baustelle mehr, alles neu, ordentlich und überschaubar angelegt. Man munkelt, es seien schon Reisende wieder zurück in den Zug gestiegen, weil sie dachten, in der falschen Stadt gelandet zu sein. Was man jedoch sicher weiß ist, dass sich in unserer Stadt gerade einiges verändert, und der Bahnhof ist nur der Anfang!

Ok, auch in der früheren Vergangenheit wurde schon die ein oder andere Großbaustelle abgearbeitet, um dem schlechten Stadtimage Paroli zu bieten. Die Lebensader der Innenstadt, der Seltersweg, wurde saniert. Und das mit gutem Grund. Vermuteten damals beim Bau des Einkaufscenters Galerie noch viele, dass diese der Fußgängerzone den Rang ablaufen würde, hat sich das Blatt dazu gewendet und die mittelhessische Shoppingmeile zwischen Marktplatz und Elefantenklo erfreut sich mehr Beliebtheit denn je.

Und was ist momentan noch so los? 2013 war Gießen halb Stadt, halb Baustelle. Dieser Zustand wurde oft zur Geduldsprobe, besonders für die Straßenverkehrsteilnehmer. Zum Glück gewöhnt man sich irgendwann an dem Baulärm. Irgendwann gewöhnt man sich schließlich an alles. Und genau als wir schon nicht mehr dran geglaubt hatten, strahlt uns der Bahnhofsvorplatz wie ein Licht am Ende des Tunnels entgegen. Scheinbar gibt es Baustellen, die dann doch zu Ende gehen! Und sind dann einmal alle Projekte abgeschlossen, ja dann glänzt Gießen wie neu und wir dürfen uns tagtäglich an der Schönheit unserer Stadt erfreuen. Hoffentlich! Hoffentlich bald! Tja, wer schön sein will, muss ja bekanntlich erst leiden.

Doch vom Leiden haben wir jetzt die Nase voll. Glücklicherweise gibt es da noch so ein paar Tunnellichter, die uns entgegenglänzen. Neben dem Bahnhofsvorplatz ist seit Dezember auch der Berliner Platz fertig. Mit Rathaus, Kino und Gastronomie ist er ein zentraler Anlaufpunkt in der Stadt. Großflächig ausgebaut weht sogar so etwas wie Großstadtflair über den bisher nur Bus-Umschlagsplatz. Direkt dahinter, am Anlagenring entlang, hat sich die THM ausgebreitet und füllt die ehemaligen Behördengebäude mit neuem Leben. Die JLU steht dem nichts nach und zieht zum Beispiel am Campus der Naturwissenschaften neue Bauten in den Himmel. Und damit all die Studenten, die von der neuen Architektur angelockt werden sollen, auch ein schönes Dach über dem Kopf haben, wird auch das bunte Legoland Studentenwohnheim im Leigesterner Weg erweitert.

Die größte Baustelle verdanken wir jedoch der Landesgartenschau, die am 26. April 2014 ihre Pforten öffnet. Ganz Gießen ist schon aufgeregt. Ob voller Vorfreude, vor Wut und Unverständnis oder wegen der Diskussionen darüber. Aber das ist ein anderes Thema. Die ersten angelegten Bereiche entlang der Ringallee in Richtung Wieseckaue gibt es auf jeden Fall schon zu entdecken. Und auch die liebevoll, in schweißtreibender Filigranarbeit, von Schülern und Künstlern gestalteten Kunstleitpfosten erobern nach und nach die Straßenzüge der Stadt und hellen den tristen Winter etwas auf.  Und die Lahn wird natürlich auch mit einbezogen. Was andere Städte schon längst erkannt haben, viele Grüße an Marburg, das hat Gießen jetzt auch erkannt. An den Flüssen spielt sich das Leben ab. Kultur, Gastronomie, Freizeitvergnügen. Die Studenten wussten dies schon immer und belagern seit jeher die Lahnwiesen im Sommer. Die Lahn ist da, also Gießen, nutze sie!

Doch ganz geschafft haben wir es noch nicht. In der Innenstadt wird nun die nächste Baustelle auf uns zukommen. Der Kirchenplatz wird während der Landesgartenschau zu einer archäologischen Grabungsstätte verwandelt, bevor der Platz im Anschluss saniert und mit Sitzgelegenheiten und Wasserspielen verziert wird. Ihr merkt, es bleibt spannend.

Unser Gießen befindet sich im Wandel, und jede Veränderung hat seine Befürworter und seine Gegner. Alte Schätze, deren Mauern Geschichten von früheren Zeiten erzählen, sollten bewahrt werden. Doch ganz ohne Veränderung würde Stillstand herrschen. Es braucht wohl eine gesunde Mischung aus „Aufrechterhaltung von Bestehendem“ und der „Offenheit für Neues“. Die ersten Schritte dafür sind getan. Es passiert was. Machen wir auch was draus!