GIESSEN 46ers
© MARCO KESSLER | MEDIASHOTS 

Die Dinosaurier sind eigentlich vor 65 Millionen Jahren ausgestorben. Das weiß jedes Kind. Einer hat jedoch überlebt. Ok, kein "richtiger" Dinosaurier. Die Basketballer des MTV Gießen 1846 wurden dennoch als ein solcher bezeichnet, waren sie doch die einzigen, die seit Beginn der Basketballbundesliga in eben jener spielten. Jede Ära geht einmal zu Ende, auch die des letzten Basketballdinos. In den letzten Jahren war es schon sehr turbulent zwischen Insolvenz und Abstiegsgefahr. Mit der letzten Saison starb schließlich der Mythos der unabsteigbaren 46ers. Der Mythos mag zwar tot sein, aber der Dino lebt. In der zweiten Basketballbundesliga Pro A hat er sich aufgerappelt und schlägt sich sehr beachtlich in seiner neuen Umgebung mit momentan fünf Siegen in Folge.

Diese neu gewonne Motivation haben wir zum Anlass genommen und uns mit Sascha Schneider, dem Leiter für Medien und Kommunikation der GIESSEN 46ers, getroffen und mit ihm gemeinsam herausgefunden, wie die derzeitige Situation beim sportlichen Aushängeschild Gießens ist, was den Club und die Stadt verbindet und warum ein Abstieg nicht immer das Ende aller Tage bedeutet.

Gießen und die 46ers

Die Stadt und ihre Bürger haben ein sehr emotionales Verhältnis zu ihren 46ers und dem Gießener Bundesligabasketball allgemein. Durch die lange Tradition und den Gewinn fünf deutscher Meisterschaften (1965, 1967, 1968, 1975 und 1978) und drei Pokalsiegen (1969, 1973 und 1979) ist Gießen schon immer eine Hochburg des Basketballs in Deutschland gewesen. Doch diese enge, persönliche Bindung zwischen Stadt und Verein wurde in den letzten Jahren wegen des ausbleibenden Erfolgs auf eine schwere Probe gestellt. In der letzten Saison, in der das Team 20 Niederlagen in Folge einstecken musste, waren dennoch immer über 2000 Fans in der Halle, um die zwar aufopfernd kämpfende, aber in den meisten Fällen klar unterlegene Mannschaft anzufeuern.

So bleibe es zu hoffen, dass das angekratzte Image und die durch die wirtschaftlichen Miseren angegriffene Glaubwürdigkeit des Vereins durch den Neuanfang in der zweiten Liga wieder hergestellt werden, wünscht sich Sascha Schneider. Die Spiele der 46ers seien eben auch keine reinen Sportveranstaltungen, sondern vielmehr soziale Treffpunkte. Manch Ehepaar habe sich vor 30 oder 40 Jahren in der Osthalle kennengelernt und gehe noch heute mit den Kindern zu den Spielen. Es scheint, die Verbundenheit ist generationsübergreifend und mit einer Menge Herzblut gespickt, in guten wie auch in schlechten Zeiten.

Die Gießener seien auch treue Seelen. Es solle tatsächlich jemanden geben, der seit der ersten Bundesligasaison bis heute im Besitz einer Dauerkarte sei, schwärmt der mittlerweile Wahl-Gießener Sascha Schneider. Und auch Skurrilitäten bringen einen immer wieder zum Schmunzeln, wie beispielsweise vor zwei Wochen, als sich augenscheinlich zwei Gießener Mannschaften auf dem Feld gegenüber standen. Der Gegner aus Ehingen hatte nämlich seine Trikots in der Heimat vergessen und die 46ers ließen den Kontrahenten kurzerhand im eigenen Auswärtsdress auflaufen. Gewonnen haben übrigens die echten Gießener.

Derzeitige Situation

Nach den letzten, in sportlicher Hinsicht, verkorksten Spielzeiten mit dem schlussendlich unvermeidbaren Abstieg der 46ers, kamen auf den Verein eine Fülle an neuen Aufgaben zu, berichtet uns Sascha Schneider. Doch mit aktuell fünf Siegen in Folge haben die Gießener einen tollen Lauf, den es so wohl seit der goldenen Ära 2004/05 mit Starspielern wie Chuck Eidson und Louis Campbell nicht mehr gegeben habe. Und generell sei es auch ruhiger um die Mannschaft geworden. Im positiven Sinn. Denn nach dem Insolvenzantrag und anderen hochsterilisierten Themen könne man sich endlich wieder dem Wesentlichen zuwenden, dem Sport. Der Abstieg, auch wenn es sich etwas seltsam anhöre, habe so seine positive Seite. Durch ihn wurde allen, dem Verein selbst und dem gesamten Umfeld, klar, dass sich der derzeitige Status Quo der 46ers nicht in der ersten, sondern in der zweiten Liga befinde. Und wie wir sehen, können die Gießener dort zurzeit auch sehr gut leben und überleben. 

Mit dem neuen Trainer Denis Wucherer konnte ein sehr erfahrener und kompetenter Mann gewonnen werden, dessen oberstes Ziel ist, junge Spieler weiter zu entwickeln, führt der ebenfalls erst kürzlich nach Gießen gewechselte Sascha Schneider fort. Im Kader der Gießener stehen Spieler zwischen 17 und 25 Jahren. Das mache sich auch in der Spielweise der jungen Wilden bemerkbar, die eher vor Energie strotzten als schon komplett durchdacht zu sein. Durch die wirtschaftlich angespannte Lage könne und wolle man auch keine teuren, erfahrenen Spieler verpflichten. Man wolle viel eher das Potenzial der Spieler und auch das der Region ausbauen. Langfristig möchte das Team daher Jugendspieler aus der Stadt und der Region heranziehen, was zurzeit noch eher eine Ausnahme darstelle. Doch in Zukunft solle Talenten in Gießen die Möglichkeit geboten werden, sich zu etablieren.

Das Primärziel sei aber erstmal die wirtschaftliche Rehabilitation des Clubs. Denn nur ein finanziell gesunder Verein könne seine Spieler bezahlen und somit den Grundstein für sportlichen Erfolg legen. Wenn dies gelinge, solle es natürlich irgendwann das Ziel sein, die 46ers wieder in der ersten Liga zu etablieren. Denn nicht nur unsere Stadt, sondern ganz Basketball-Deutschland wisse, dass Gießen als Traditionsverein eigentlich in die Bundesliga gehöre, lässt Sascha Schneider vorausblicken. Dieser Weg werde allerdings wie so oft lang und mit einer Menge Arbeit verbunden sein.

Hollywood hat es uns in Steven Spielbergs „Jurassic Park“ bereits gezeigt: Dinosaurier lassen sich nicht so leicht unterkriegen. Doch auch ohne Science Fiction wäre es schön, unseren Dino in baldiger Zukunft wieder in seinem gewohnten Lebensraum, der ersten Basketballbundesliga, zu sehen. Die ersten Schritte dafür sind auf jeden Fall getan. Wer dieser jungen und talentierten Mannschaft nun gerne bei Dribbling, Korbleger und Co. zusehen möchte, hat dieses Jahr noch zweimal in Gießen die Möglichkeit dazu. Am Samstag, den 23.11.13 spielen die 46ers gegen eine andere Traditionsmannschaft, die Academics aus Heidelberg und am 14.12.13 gegen die Rockets aus Gotha. Man sieht sich in der Ost-HÖLLE!