NKV Sommer

Was machst Du eigentlich hier? Diese Frage stellen wir besonders gerne, wenn wir in Gießen unterwegs sind. Denn manchmal sieht man Sachen, die sind so ganz anders, oder man passiert gewöhnliche Orte, an denen sich plötzlich ungewohnt viele Menschen zusammenfinden. Ab und an ertönt Musik und die Tür steht einladend offen. Und manche Dinge, die gibt es einfach schon ewig. Sie gehören zu Gießen wie das Klo zum Elefant. Doch wieso das so ist und wer da eigentlich, mit wem, was macht, davon weiß man irgendwie nichts.

So oder ähnlich geht es einigen wohl auch mit dem kleinen Kiosk-Gebäude an der Licher Straße, Ecke Nahrungsberg. Immer wieder beobachtet man dort mal mehr oder wenige Menschen, die, naja was machen sie eigentlich? Sie sitzen, stehen, beobachten, unterhalten sich - dazu gibt es Kunst, Musik oder Performance drinnen und draußen. Wir waren gestern beim Konzert des Karlsruher Duos Walls & Birds dort, haben gesessen, gestanden, beobachtet und uns mit Flo und Till, zwei der drei Organisatoren des NKV Sommers, der Sommerausstellung des Neuen Kunstvereins Gießen e.V., unterhalten.

Was macht ihr eigentlich hier?
Till: Gerade machen wir die Ausstellungsreihe "Ohne Titel. 1.45m x 4.28m; 3.19m x 8.37m" hier. Das ist die Sommerreihe des Neuen Kunstvereins Gießen e.V. und die kuratieren und organisieren wir. Also wir, das heißt Florian Seel, Lena Theis und ich, Till Korfhage, und wir haben etwa…

Flo: …zehn Wochen haben wir. In denen zeigen wir circa ein Dutzend verschiedener Arbeiten von verschiedenen Künstlern.

Wie seid ihr zu den Künstlern bzw. wie sind die Künstler zu Euch gekommen?
Till: Wir haben sie ausgewählt, die Ausstellung also kuratiert. Wir haben hier vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaften welche dabei und dann gibt's aber auch Leute aus Kassel. Aus Hamburg gibt es drei. Den Kontakt hat Lena (*lebt gerade in Hamburg und war deshalb auch heute leider nicht vor Ort) hergestellt. Dann haben wir noch jemanden aus Hannover… ja Künstler aus komplett Deutschland einfach. Wir haben uns darauf konzentriert junge Künstler zu zeigen. Die meisten davon gehen noch auf die Kunsthochschule. Sie sind damit so etwas wie ein Querschnitt unserer Generation, einer jungen Generation von Künstlern, die sich ja dann auch zwangsläufig mit ihrer eigenen Generation auseinandersetzen und diese ja auch widerspiegeln.

Flo: Genau. Manche, so wie die Leute vom Institut kamen aber auch auf uns zu. Das waren auch schon länger geplante und gedachte Ideen. Ansonsten hatten wir mit vielen Künstlern schon vorher Kontakt oder haben mit ihnen bei anderen Projekten zusammengearbeitet, wie beispielsweise Thekra Jaziri aus Offenbach.

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr nun diese 10-wöchige Ausstellungsreihe veranstaltet?
Flo: Durch's letzte Jahr. Im letzten Jahr wurde uns vom Kunstverein angeboten, im August den Kiosk zu bespielen. Da sie uns ja durch andere freie (Zwischennutzungs-)Projekte, wie beispielsweise die Ludwigstraße 6 kannten, war das wohl eher als lockeres, vierwöchiges Zwischenspiel während der Sommerpause angedacht. Doch dann waren sie überrascht, dass wir in den vier Wochen drei, wie sie fanden, gute Ausstellungen hierher gebracht haben. Relativ bald wurde uns dann vom Kunstverein erneut angeboten: "Das macht Ihr nochmal! Und das macht Ihr diesmal auch länger!" Und so bekamen wir zehn Wochen und der Kunstverein hat die Ausstellungsreihe mit in das reguläre Jahresprogramm aufgenommen. Nach unserem letzten Tag am 31. August geht es so am 14. September mit der nächsten Ausstellung weiter, die dann auch wieder acht bis zehn Wochen dauert. 
Wir wussten, wir können natürlich auch am 15. Juni eine einzelne Ausstellung eröffnen und die dann am 31. August beenden. Doch dann kommen ungefähr alle Besucher zur Eröffnung und das war's. Dann hätten wir einen super entspannten Sommer gehabt.
Doch man ist ja auch selbst oft Besucher und da macht man sich schon Gedanken, wie man die Leute dazu bewegt öfter zu kommen und es so interessant und abwechslungsreich wie möglich zu machen.

Till: Die längsten unserer Ausstellungen laufen eine Woche. Und dann gibt's spontan dazwischen auch noch Konzerte oder kleinere Ausstellungen, die zwei bis drei Tage lang sind.

Was hat es mit dem Titel auf sich?
Till: Anfangs war die Überlegung, dass man sich speziell auf das Thema der Generationen beschränkt. Dann haben wir viel diskutiert, ob man das damit dann nicht überkuratiert oder das Thema durch die Künstler ja eh schon gegeben ist. Daraufhin haben wir uns auf den Titel "Ohne Titel. 1.45m x 4.28m; 3.19m x 8.37m" geeinigt, Die Zahlen sind die Maßen des Kiosks. Analog gibt es oft Kunstwerke, die keinen Titel haben und wo nur die Maße da stehen, was dann quasi der Name des Kunstwerkes ist. Und so haben wir auch unseren Titel begriffen.

Welche Generationen schauen sich Eure Ausstellungen an?
Till: Bei der ersten Eröffnung waren viele Mitglieder des Kunstvereins und auch Professoren aus der Kunstgeschichte da. Das ist natürlich immer unterschiedlich. Die meisten Besucher kommen aus unserer Generation und die meisten sind auch Studenten. Aber es hängt auch immer vom Thema der Ausstellung ab. Als zum Beispiel Thekra Jaziri hier ausgestellt hat, waren auch einige Professoren aus der Kunstgeschichte oder der -pädagogik da. Es ist wirklich ganz gemischt.

Flo: Wenn die Arbeit nach der Vernissage mittwochs oder donnerstags geöffnet ist, kommen tatsächlich viele Leute, die wir noch nie hier gesehen haben, wahrscheinlich auch über die Presseartikel. Sie kommen dann und sagen "Ja cool, ihr macht ja hier 'was!", "Hier läuft doch jetzt das Video, in dem sich die Leute ausziehen?!", " Wir wollen 'mal Thekras Arbeit sehen…"

Wir sind hier gerade am Kiosk an der Licher Straße, Ecke Nahrungsberg - natürlich ein besonderer Platz für Euch, aber auch ein spannender Platz für Gießen - wieso?
Till: Ich finde das ist ein spannender Ort, weil es auf der einen Seite ein super kleiner Ausstellungsraum ist. Und mit dem sind wir und die Künstler gezwungen zu arbeiten. Dazu kommt, dass dieser Raum einfach so an der Ecke der Kreuzung, einer der lautesten und meistbefahrensten Kreuzungen Gießens steht. 
Aber auch die Geschichte ist interessant. Das Gebäude hier wurde unter dem NS-Regime gebaut, 1937, und das auch wirklich als Kiosk. Damals gab es irgendwie den Plan eine Autobahnanbindung und einen Truckstop hier zu haben. Was daraus geworden ist weiß ich nicht genau, aber eine ganze Weile später war hier dann ein Kiosk namens "Max hat's" (*gleichzeitig sei in dieser Zeit die Ecke rund um den Kiosk zu einem sehr belebten Platz und zu einem häufig genutzten Treffpunkt vor allem für junge Leute und Studenten geworden, so berichtet uns kurz zuvor eine freundliche, interessierte, ältere Dame aus der Nachbarschaft, die ganz entzückt war wieder so viele junge Menschen an diesem Ort zu sehen) Seit ungefähr 15 Jahren nutzt der Kunstverein schließlich diesen Raum und beschäftigt sich auch mit dem ehemaligen Kiosk. Es gab es beispielsweise schon eine Ausstellung, die hieß Kosmos Kiosk, die sich explizit mit der Vergangenheit des Raums auseinandergesetzt hat. 
Ich finde es auch einfach einen schönen Ort, weil hier so viel los ist.

Wie seid ihr eigentlich nach Gießen gekommen?
Till: Ich bin hier zur Schule gegangen. Ich bin noch nie hier weg gekommen!

Flo: Wegen des Studiums. Ich bin aus Herborn hierher gezogen.

Ihr lebt ja nun schon immer, beziehungsweise ein paar Jahre hier - was ist für Euch typisch Gießen?
Till: Da gibt es einiges eigentlich. Zum einen die Architektur, die viele als hässlich empfinden, aber die ich besonders spannend finde. Ich würde jetzt nicht sagen, dass sie wirklich schön ist, aber ästhetisch interessant…das trifft es vielleicht…weil es eben ziemlich krasse Gegensätze gibt. In der Wilhelmstraße gibt es das Villenviertel und dann gibt es Bausünden, wie das Elefantenklo und dieser Bezirk da drumherum  mit diesen ja…Kommerzhochhäusern..das ist natürlich übertrieben in Gießen. Und so gemischt wie die Architektur, so sind auch die Einwohner. Es gibt viele, ja wirklich übermäßig viele skurrile Persönlichkeiten in Gießen, was ja auch spannend ist.

Flo: Typisch Gießen…hmm, nee da fällt mir spontan nichts ein. Es ist manchmal so etwas an den Leuten, aber das ist schwer zu definieren…naja es gibt auch überall engstirnige und offene…und auch Streitereien und so Schosen, wie jetzt mit dem Uni Hauptgebäude zum Beispiel…
Doch! Das ist typisch Gießen für mich: dass man immer schimpft und sich beschwert und super viel Energie da rein steckt, aber nichts ändert. Das ist für mich typisch Gießen!

Was braucht Gießen denn Eurer Meinung nach noch?
Flo: Ich finde gerade muss man gar nichts ändern. 
Till: Ja das stimmt irgendwie schon! Vor zwei oder drei Jahren sah das noch ganz anders aus. Es ist nichts passiert. Alle haben gemeckert, dass nichts los ist, aber niemand hat etwas geändert. Und vor zwei Jahren hat dann alles angefangen und gerade fühlt es sich so an, dass die Möglichkeiten nur so aus dem Boden sprießen - man kann zu so vielen Veranstaltungen gehen und es gibt ein großes, kulturelles Angebot.

Flo: Mehr Fahrräder und weniger Autos, das könnte man noch ändern.

Was macht Ihr wenn Ihr nicht gerade hier im Kunstverein Kiosk seid?
Till: Naja, andere Projekte. Ich bin Künstler und beispielsweise auch Mitglied einer Performance Gruppe. Mobile Albania heißt die und wir machen in ganz Deutschland und Europa interaktive Projekte. In Budapest waren das jetzt zum Beispiel Projekte, wo wir mit Obdachlosen, mit Sinti und Roma, gearbeitet haben. Wir haben eine große Papiertaube und einen Swimmingpool gebaut und Lieder und Verfassungen für einen Platz geschrieben. Wir beschreiben uns selbst als Theaterfreistaat. Ein mobiler Freistaat. Und jeder ist Präsident. Das heißt nicht nur von uns, sondern jeder der mitmacht darf auch mitbestimmen.

Flo: Bei mir ist das schwer zu sagen, weil ich natürlich gerade fast nur hier bin. Zukünftige Pläne sind aber zum Beispiel der Diskurs im Oktober. Bei Diskursfestival der Angewandten Theaterwissenschaftler bin ich für das Festivalcafé und die Parties verantwortlich.

Wie lange läuft Eure Ausstellungsreihe noch?
Flo: …bis zum 31. August. Die letzte Ausstellung wird dann am 23. August eröffnet. Das ist Nina Weymann-Schulz aus Hannover mit Fotographien über Deine/ihre/unsere Generation. Bis jetzt haben wir in der letzten Woche dann drei Öffnungstage vorgesehen. Aber vielleicht gibt es nochmal zusätzlich einen Vortrag oder andere Aktionen, Nina hat da auch schon viele Ideen. Das wird aber eher spontan passieren und ist ja auch immer noch vom Wetter abhängig, wahrscheinlich.

Für jemanden der Eure Ausstellungen und den Kiosk nicht kennt - was gibt es hier zu sehen?
Till: Naja , es ist ein Kunstverein. Ein einzelner, kleiner Raum, in dem man sich immer wieder andere Kunstausstellungen ansehen kann. Und wenn man die Vernissage, also die Eröffnung einer Ausstellung besucht, kommt man meistens in den Genuss eines Sundowners. Das heißt es legen ein paar DJs auf und die NKV Bar im Hinterhof des Ausstellungsraums hat geöffnet. Die hat sowieso meistens auf.

Flo: Man kann sich in guter Gemeinschaft auf die Terrassenstufen des Neuen Kunstvereins setzen...

Till:… und die Sonne genießen…

Flo:…und neue, junge Kunst anschauen.

Als nächstes zeigt ihr in der Ausstellungsreihe was?
Till: Am Samstag, den 3. August, ist die Ausstellungseröffnung "Supervisor".

Und was erwartet die Besucher dort?
Till: Roboter? Nein ich weiß es eigentlich gar nicht so wirklich…

Flo: Lena Theis! Ich hab' keine Ahnung. Der Künstler baut wohl Maschinen...

Till: …ja Lena hat das arrangiert und auch kuratiert und sie meinte, dass er kleine Roboter baut. Der Künstler kommt Samstag an und baut auch Samstag auf und programmiert auch etwas. Es ist für uns spannend, vielleicht auch etwas zu spannend…weil wir nicht genau wissen, was uns erwartet. Aber ich bin da guter Dinge.

Wie habt ihr drei Euch eigentlich kennen gelernt? 
Wir kennen uns ja schon lange. Wie das immer so ist. Zuerst kennt man sich vom Sehen. Dann kennt man sich besser. Gießen ist ja auch nicht so groß. Seit wann wir zusammen arbeiten? Ja eigentlich seit dem rauschhaus, dort haben wir auch schon zusammen gearbeitet. Eigentlich machen wir alle unsere Projekte immer gemeinsam. Entweder sind das nur wir drei oder es kommen noch andere hinzu,  so wie in der Ludwigstraße 6, da waren wir ein sechsköpfiges Team.

Und was ist Euer Ansporn solche Projekte auf die Beien zu stellen?
Flo: Spaß.
Till: Ja es macht uns Spaß und man sieht, dass es den anderen Leuten, den Besuchern, auch Spaß macht. Naja und wir haben eben auch mal gemeckert, dass hier nichts passiert…

Die weiteren Programmpunkte des NKV Sommers bis 31. August

3. bis 9. August: "Supervisor", Gesellschaft zur Erforschung & Entwicklung sozialer Einheiten

11. bis 18. August: "Kosmische Lücken in Quadratischer Form", Eeva Ojanperä & Leya Bilgic

23. bis 31. August: "Generation Y - Ein Atemzug von Spektrallinien und die Gesellschaftlichen Erwartungen", Nina Weymann-Schulz

und weitere spontane Zwischenspiele, Sundowners immer aktuell unter nkvsommer.tumblr.com

 

*zusätzliche Ergänzung außerhalb des Interviews