Qualität über Wettbewerb und Beteiligung

Die Neugestaltung der Gießener Fußgängerzone

Sanierung Fußgängerzone - Lageplan
Sanierung Fußgängerzone - Lageplan

Um das bestmögliche Ergebnis zur Neugestaltung der Gießner Fußgängerzone zu erzielen, entschied sich der Magistrat im Jahr 2007 für einen Realisierungswettbewerb, der einen zentralen Bereich der Gießener Einkaufszone umfasste und beispielgebend für die gesamte zukünftige Gestaltung des öffentlichen Raumes der City von Gießen werden sollte. Unter Teilnahme der vier Business Improvement Districts (kurz BID genannt) wurde das Gestaltungskonzept der Biebertaler Planungsgruppe ausgewählt.
Aufbauend auf den Wettbewerb gelang es der Stadt, Fördergelder der  europäischen Union (RWB-EFRE) und der klassischen Städtebauförderung  zu akquirieren, mit denen das neue Gestaltungskonzept auf große Teile der Fußgängerzone ausgeweitet werden konnte.

Im Rahmen von direkten Beteiligungen wurden die Planungen vor Ort abgestimmt und die besonderen Belange der Einwohner und der BID- Initiativen gezielt integriert. Neben der Optimierung von Stadtmobiliar für Außenbestuhlungen, der Anordnung von Bäumen und der Infrastrukturberücksichtigung des Gießener Weihnachtsmarktes und weiterer temporärer Stadtveranstaltungen, bekamen die Planenden unter anderem die Aufgabe, zwei zentrale Maßnahmen der BID-Initiative zu integrieren.

 

Sanierung Fußgängerzone - Kugelbrunnen
SAN_Fußgängerzone_Kugelbrunnen_2

Das BID Seltersweg hatte als erste Begleitmaßnahme entlang der Schaufenster eine Buchsbaumallee realisiert. Die Pflanzgefäße wurden in die Bemusterung der gesamten Fußgängerzone integriert, damit neben der Alltagstauglichkeit auch die Vereinbarung mit dem Gestaltungskonzept gegeben war. Darüber hinaus hatte sich das BID die Aufgabe gestellt, die zentrale Einkaufsmeile – mit bisher überwiegend gesichtsloser Nachkriegsbebauung – durch den Einsatz von Licht in den Abendstunden attraktiver zu gestalten.

 

Der Anspruch an den Ort

Der öffentliche Raum der Innenstadt wird als sozialer Ort der Begegnung und der Kommunikation verstanden. Eine menschengerechte Urbanität kann sich nur in einer menschengerechten Stadtraumgestaltung widerspiegeln. Der moderne Lebensraum Stadt muss Freiraumqualitäten besitzen, die auf die Bedürfnisse der Besucher ausgerichtet sind. Das Planungskonzept der Biebertaler Planungsgruppe setzte dabei auf die Entwicklung von Angeboten wie:

  • Schaffen von Orten mit hoher Aufenthaltsqualität
  • Straßencafés und Restaurants mit Außengastronomie
  • „Grün in der Stadt“
  • Spielangebote für Kinder
  • Hochwertige Bodenbeläge und Einrichtungsgegenstände
  • Kulturobjekte
  • Attraktives Beleuchtungskonzept

 

Die Wiederentdeckung des klassischen Straßenraumes
Sanierung Fußgängerzone - Seltersweg
Sanierung Fußgängerzone - Seltersweg

Eine Fußgängerzone bleibt im Stadtgefüge ein Straßenraum. Eine bezugslose Stadtmöblierung zwischen den Gebäuden sowie ein Bodenbelag mit Ornamentik, die die ursprünglichen Strukturen auflöst wird abgelehnt.
Das Konzept zeigt eine Renaissance des Straßenraumes durch die Ausbildung von Längsstrukturen in den Belägen und der Anordnung von Bäumen und Einrichtungen. Dieses entspricht dem klassischen Ordnungsprinzip einer Straße und wird zur Leitidee. Zur Steigerung der Vielgestaltigkeit im Stadtgefüge werden in Kreuzungsbereichen freie Plätze geschaffen, die spannungsreich zu den mit Begrünung und Einrichtungen verdichteten Straßenräumen stehen. Das Ergebnis ist eine abwechslungsreiche Raumfolge, die dem Stadtbild wieder eine neue Identität gibt.

Der Straßenraum ist in drei Zonen gegliedert:

  1. Die Straßenmitte mit durchgehender Entwässerungsrinne und  einem Belag aus Klinkerpflaster. Es ist ein offener Raum, der Platz  zum schnellen Durchgehen gibt und Anlieferverkehr und Rettungsfahrzeugen  Freiraum lässt.
  2. Die seitlich anschließenden Funktionsbänder aus ca. 2,0 m breiten  Streifen aus Natursteinpflaster, in denen die Baumstandorte, die  Außenbestuhlung von Cafés, die Sitzbänke, die Blumenschmuckbehälter,  die Spielgeräte und sonstige notwendige Einrichtungsgegenstände  ihren Platz finden.
  3. Die ca. 3,0 m breiten Wegezonen vor den Schaufenstern und Geschäftseingängen aus Klinkerpflaster, die wie ein Bürgersteig einen beruhigten Gehbereich bilden, in dem man ungestört flanieren kann.

Die Qualität der Materialien bestimmt die Attraktivität der Flächen. Ein 50 cm breiter Streifen aus Basaltpflaster entlang der Gebäude markiert die Aufstellflächen für Außenwerbung.
Im Gehbereich entlang des Funktionsstreifens verläuft der 30 cm breite Blindenleitstreifen. Der Klinker bringt als roter Bodenbelag dauerhaft Farbe in den Stadtraum und harmoniert gut mit dem Basaltpflaster.
Alle Einrichtungsgegenstände wie Baumscheiben, Baumbügel, Hinweisschilder,
Abfallbehälter, Bänke, Blumenkübel und Leuchten sind in Form und Farbe aufeinander abgestimmt. Es wurde die Farbe Dunkelgrau (DB 703) gewählt.
Im Gesamtbereich der Maßnahme ist das Gestaltungskonzept durchgängig
und unter Berücksichtigung der bereits ausgebauten Straßen wirtschaftlich, da insbesondere der Klinkerbelag in vielen angrenzenden Zonen bereits zum Einsatz kam.

Besondere Einrichtungen steigern die Attraktivität
Sanierung Fußgängerzone - Kugelbrunnen
Sanierung Fußgängerzone - Kugelbrunnen

In einer Fußgängerzone sind Brunnen als belebendes Element  die Hauptattraktion. Sie bieten optische Reize, wirken sowohl beruhigend als auch  anregend beim Betrachten de Wasserspiels und verbessern das Kleinklima. Vor allem haben sie aber eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Kinder.

Der in den 50er Jahren von der Bildhauerin Ruth Leibnitz geschaffene und in Gießen  beliebte Kugelbrunnen, sollte an seinem Standort verbleiben.Der Brunnen wurde restauriert und erhielt in Abstimmung mit der Künstlerin eine neue Fassung. In diese sind drei Sitzmauern eingebunden, die jetzt zum Verweilen direkt am Wasserspiel einladen.

Neben den Wasserspielen locken weitere, in der Fußgängerzone verteilte, Spielobjekte junge Besucher in die Innenstadt. Es wurden Objekte ausgewählt, die die Sinne der Kinder ansprechen und bisher nicht gekannte Erfahrungen der Wahrnehmung von Schall und Optik bieten.

Sanierung Fußgängerzone - Löwengasse
Kind spielt an den Wasserspielen in der Löwengasse

Durch 24 aus dem Boden springende Wasserfontänen wird die Löwengasse zu einem neu definierten Ort in der Stadt. Sie beginnen am Seltersweg und führen zum Katharinenplatz.
Das Besondere der Konstruktion ist, dass der Boden der Brunnenanlage für Schwerfahrzeuge befahrbar sein musste und mehrere Veranstaltungen, wie Weihnachtsmarkt und Stadtfest, darüber hinweggehen. Hierfür wird lediglich die Anlage abgestellt und die Düsen mit Stahlplatten abgedeckt.

Von Historischen Raumkanten und den „Drei Schwätzern“
Sanierung Fußgängerzone - Seltersweg
Sanierung Fußgängerzone - Seltersweg

Die Gießener Innenstadt wurde durch die Bombenangriffe von 1944 – 1945 fast vollkommen zerstört. Gießen verlor in diesen Tagen seine Altstadt. Ein Bodenornament zeigt die ehemaligen städtebaulichen Raumkanten von Kreuzplatz, Neuenweg, Kaplansgasse und Seltersweg.
In den Boden eingelassene Messingbänder und Basaltblöcke mit Aufschriften markieren die ehemaligen Gebäudeecken. Lichtstreifenzeigen die Linien bei Dunkelheit. Eine Erläuterungstafel erklärt das Bodenornament.

Die Skulpturengruppe „Die drei Schwätzer“ an der Einmündung der Plockstraße in den Seltersweg wurde in die Planung integriert.  Sie wurde 1983 von Prof. Karl-Henning Seemann geschaffen und ist inzwischen das bekannteste und beliebteste Kunstobjekt in der Stadt.

100 Bäume

100 neue Bäume bringen viel Grün in die Innenstadt. Neben dem schönen Aspekt tragen Bäume zur Verbesserung des Kleinklimas durch Beschattung, Transpiration und  auerstoffproduktion in der Stadt bei. Es wurden schmalkronige Baumarten wie Säulenbuche und Säuleneiche gewählt, die auch nach vielen Jahren Wachstum die  Fassaden nicht berühren werden. Viele bunte Blumen schmücken im jahreszeitlichen Wechsel die Innenstadt in liebevoll von Gärtnern des Gartenamtes gepflegten Pflanzgefäßen.


Die Finanzierung von Teilen der Gesamtbaumaßnahme erfolgt aus Städtebauförderungsmitteln und wurde mit Mitteln aus dem „Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE)" kofinanziert.

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