MitteHessen e. V. - LogoWie kann es gelingen, in einer von Industrie und Bildung geprägten Region wie Mittelhessen die Fachgebiete Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) noch besser zu vermitteln, und zwar in allen Phasen des lebenslangen Lernens? Dieser Frage gingen am 9. November 2011 über 120 Besucher aus Kindertagesstätten, Schulen, Hochschulen, Weiterbildungseinrichten, Politik und Wirtschaft in der Wetzlarer Stadthalle nach. Unter dem Motto „Nachmachen erwünscht“ dienten neun gute Beispiele aus der Region als Vorbilder.

Das vom Regionalmanagementverein MitteHessen organisierte 3. Mittelhessische Bildungsforum wurde durch den Schirmherren Dieter Posch, Hessischer Minister für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung eröffnet, der das Thema Fachkräftemangel in den MINT-Berufen eindrucksvoll auf die regionale Ebene herunterbrach: „In Mittelhessen fehlen bis 2014 420 Elektriker und 210 Techniker. Das sind Zahlen, die mich auch überrascht haben.“ Der Minister weiter: „Wir müssen versuchen, die Auswirkungen, die der demographische Wandel auf die Versorgung unserer Wirtschaft mit Fachkräften hat, auszugleichen“. Posch wies darauf hin, dass dies nicht allein mit technischem Fortschritt zu bewältigen sei. Um das vorhandene Potential an Nachwuchskräften für die Arbeitswelt zu erschließen, sei es wichtig, die Ausbildungsreife der Jugendlichen zu verbessern und ihnen schon frühzeitig Berufsorientierungshilfen zu geben. Besonders mit Blick auf die jungen Frauen bat Posch die Unternehmen, auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, um den Mädchen eine Perspektive in den männerdominierten MINT-Berufen zu eröffnen. „Um möglichst gezielt und am Bedarf der hessischen Unternehmen orientiert Unterstützung zur MINT-Fachkräftenachwuchssicherung leisten zu können, hat das Wirtschaftsministerium eine Studie in Auftrag gegeben“, so Posch am Mittwoch in Wetzlar. Das Ergebnis wird Anfang 2012 erwartet. Posch: „Nach diesen Ergebnissen werden wir die hessische MINT-Förderung weiter ausbauen.“

Regierungspräsident Dr. Lars Witteck, begrüßte die Maßnahmen und stellte die bereits bestehenden Kooperationen im Bildungsbereich als beispielhaft dar: „Die MINT-Initiativen machen vor, wie man zusammen und nachhaltig wirken kann, ohne dass kurzfristige Partikularinteressen im Vordergrund stehen.“ Witteck bezeichnete die Lust am Experimentieren und die gelungene Vermittlung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse als Voraussetzung, um den notwendigen Fachkräftenachschub zu erfüllen: „Die MINT-Vermittlung kann gar deswegen gar nicht früh genug beginnen, denn sie ist existenziell. Die Wertschöpfung in Mittelhessen lebt von ihren Fachkräften, und gerade die auf ihrem Gebiet hochinnovativen Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die das entsprechende Rüstzeug mitbringen und bereit sind, sich an die schnellen Entwicklungen in der Technologie anzupassen.“

Im Anschluss stellten sich den Fachbesuchern neun regionale Initiativen aus allen Bildungszweigen vor, die sich die Vermittlung von MINT auf die Fahnen schreiben. Die Limburger Adolf-Reichwein-Schule bietet als Fachschule für Sozialpädagogik einen eigenen „Phänomenta“-Raum mit inzwischen 300 Experimenten an. Michael Bender erläuterte, dass diese Ausstellung zum Anfassen auch der Ausbildung der Schüler diene: die Exponate seien ausnahmslos selbst gebaut worden. Viele Gruppen aus Grundschulen und Kindergärten würden die Führungen buchen.

Elisabeth Maaß stellte die bundesweite Initiative „Haus der kleinen Forscher“ vor, deren Netzwerkpartner vor Ort das Gießener Mathematikum ist. „Wir haben inzwischen 100 Kindertagesstätten aus Gießen und Umgebung in Workshops geschult und mit den Erzieherinnen die Vermittlung von Naturwissenschaft und Technik geübt.“ Luft und Wasser seien die Themen, mit denen sich die ganz kleinen Forscher demnach das erste Mal selber beschäftigen.

MINT-Vermittlung: Staunen und beschreiben, nachmachen und Erklärungen finden

Der Bezirksverein Mittelhessen des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) zeigte seine „Experimente aus der Aktentasche“, die es Kindern ermöglicht, selbst ein einfaches Experiment wie einen Wechselschalter zu bauen und mit nach Hause zu nehmen. Wolfgang Halbach und Manfred Weller erklärten: „Ziel ist aber nicht das perfekte Arbeiten, sondern die erfolgreiche Fehlersuche.“

Paul Alhäuser stellte das Projekt Dillenburger „Systematische Berufsorientierung“ (SBO) vor, das an den Gewerblichen Schulen seit 2007 erfolgreich durchgeführt wird. „Wir ermöglichen es Achtklässlern aus allgemeinbildenden Schulen, in den Berufsfeldern Metall, Ernährung, Elektro- und Holztechnik und seit kurzem auch Sozialwesen ein halbes Jahr lang in die Berufsausbildung hinein zu schnuppern.“ Mit Erfolg, denn die Vermittlungsquote der beteiligten Hauptschüler sei gestiegen, auch durch Praktika in den Unternehmen.

Für die Universitätsstadt Gießen steht die „Wissensbasierte Stadtentwicklung“ auf der Agenda, erklärte der Geschäftsführer der Gießen Marketing GmbH, Sadullah Güleç. Die Auszeichnung als „Stadt der jungen Forscher“, die Dinosaurier-Ausstellung und die Gründung der Hermann-Hoffmann-Akademie an der Justus-Liebig-Universität seien Bausteine an der Schnittstelle zwischen Schule und Wissenschaft, die für die Stadt prägend und zentral seien.

StudiumPlus, das duale Lehrangebot der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) ist eines der Vorzeigeprojekte im Hochschulbereich für die MINT-Vermittlung, berichtete Prof. Dr. Jens Hoßfeld. Mit einem eigenen Schülerprojekt, der „Young Engineering Academy“ werde Schülern die Ingenieurtätigkeit erlebbar gemacht; das spätere Studium, bei dem man gleichzeitig bei einem der über 400 beteiligten Unternehmen angestellt ist, sorgt für einen gleitenden Übergang in die Arbeitswelt.

Beim Experimentieren zählen die Fragen, nicht das Erlernen von Wissen

Von heulenden Kindern berichtete Dr. Michael Schwenn vom Chemikum Marburg – doch nicht die Angst vor der Chemie, sondern die drohende Trennung von den Experimenten lasse die Nachwuchs-Wissenschaftler in Tränen ausbrechen. 3500 Besucher in vier Wochen konnten Chemie zum Mitmachen erleben. „2012 bekommt die bisher temporäre Einrichtung ein eigenes Gebäude mit festen Öffnungszeiten“, kündigte Schwenn an, der auch ein Experiment aus dem Bereich Alltagsphänomene vorführte.

MINT-Vermittlung ist jedoch auch später im Leben wichtig und erfolgreich möglich: Prof. Dr. Ulrich Vossebein vom Hochschulzentrum für Weiterbildung der THM berichtete, wie es gelungen sei, arbeitslose Ingenieure wieder in den Beruf einzugliedern. Die innovative Maßnahme lief über drei Jahre und wurde nur deswegen eingestellt, weil sie in kein Förderprogramm der Arbeitsagentur passte. 60 Prozent der Teilnehmer konnten jedoch in Beschäftigung vermittelt werden.

Den Schluss bildete Edgar Schüler von der Staatlichen Technikademie in Weilburg: Jährlich findet hier der „Trialog“ zwischen Arbeit, Qualifikation und Technik statt, der unter einem Fachmotto die Weiterbildungsangebote der Akademie darstellt. Die Veranstaltung, die 2011 zum siebten Mal stattfand, findet bei Unternehmen und Studierenden großen Zulauf.

Dr. Martin Pott, Geschäftsführer der Handwerkskammer Wiesbaden dankte als Vorsitzender des MitteHessen-Netzwerks Bildung allen Beteiligten für ihre Voträge und warf einen Blick in die Zukunft: Im Jahr 2013 werde das erste Mal der „MINTmit-Preis“ für Projekte vergeben, die Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik vermitteln. Das Preisgeld betrage 2500 Euro, damit sollen nachhaltige Initiativen für ihre Arbeit belohnt werden.

Quelle: MitteHessen e. V.