Vom Ende des Krieges zum Wiederaufbau

Die Besetzung durch amerikanische Truppen im März 1945, die der NS-Herrschaft in der Stadt ein Ende bereiteten und die dauerhafte Stationierung von Amerikanern in Gießen sowie die Errichtung eines großen Versorgungsdepots knüpften zwar an die Tradition als Militärstandort nahtlos an. Alle anderen traditionellen Funktionen hatte die Stadt aber verloren. Die Verkehrsverbindungen waren zum großen Teil unterbrochen, die Universität war aufgehoben, eine übergeordnete Verwaltung existierte nicht mehr, die gewerbliche und industrielle Produktion lag darnieder, und das Handels- und Dienstleistungszentrum der Gießener Innenstadt war bis auf den Grund zerstört.

Einmarsch amerikanischer Soldaten in GießenDer Wiederaufbau und Wiederaufstieg aus den Trümmern begann nur langsam. Die Rekonstruktion äußerer stabilisierender Rahmenbedingungen, zunächst die Gründung des Landes Hessen und schließlich die Schaffung einer einheitlichen und stabilen Währung und die Gründung der Bundesrepublik, ermöglichten eine Reorganisation der alten, angestammten Funktionsbündelung. Die Kreisverwaltung wurde in Gießen erneut errichtet. Seit der Währungsreform begann die Wirtschaft auch in Gießen wieder anzulaufen. Mitte der fünfziger Jahre hatte die Stadt ihre Funktion als Handels- und Dienstleistungszentrum zurückerobert, 1957 erlangte die Justus-Liebig-Hochschule den Universitätsstatus und im gleichen Jahr kehrte auch deutsches Militär in den Standort Gießen zurück. Bis Anfang der sechziger Jahre hatte sich trotz aller Belastungen der Nachkriegszeit ein prosperierendes Gemeinwesen entwickelt, hatte die Stadt ihre alte, angestammte Funktion und Bedeutung für die Region zurückgewonnen.

Der Zentralitätsgrad der Stadt war sogar noch gewachsen. Die bereits genannten Faktoren zusammen mit der Schaffung von Schul-, Sport- und Kultureinrichtungen in Verbindung mit den günstigen Einkaufsmöglichkeiten haben ihre Attraktivität gesteigert. Ein Höhepunkt, gleichzeitig aber auch Wendepunkt dieser als Expansionsphase zu begreifenden Zeit waren die Überlegungen, wie im Zuge einer Gebietsreform langfristig in Mittelhessen ein urbanes Leistungszentrum als Gegengewicht zum Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt und dem nordhessischen Ballungsraum um Kassel geschaffen werden könnte. Die Errichtung eines dritten Regierungsbezirks neben Darmstadt und Kassel (1981) mit Verwaltungssitz in Gießen trug der Funktion der Stadt als Verwaltungsmittelpunkt Rechnung, indem sie Gießen wieder zu einer Art Provinzialhauptstadt machte.

Doch diese Prestiegeaufwertung allein genügte in den Augen der Planer nicht. Seit den späten sechziger Jahren wurde landesweit eine kommunale Neugliederung geplant, die im mittleren Hessen schließlich in das Experiment der Doppelstadt Gießen-Wetzlar mit der Bezeichnung "Lahn" einmündete und hier kurzfristig eine neue Großstadt entstehen ließ. Dieses Gebilde, das am 1. Januar 1977 mit präzisem Blick auf die planerischen Erfordernisse errichtet, historisch gewachsene Traditionen vernachlässigte, scheiterte am heftigen Widerstand der Bevölkerung. Mit dem Mißerfolg des Konzepts der "Stadt Lahn" wurde Gießen, der größten Stadt zwischen Kassel und Frankfurt, ein wesentlicher Teil des der mittelhessischen Region insgesamt zugedachten Expansions- und Konzentrationspotentials genommen. Auch aufgrund dieser Entwicklung sieht sich die Stadt heute in der Situation, die ihr zugewiesene Funktion als regionales Oberzentrum ohne ausreichende Ressourcenausstattung erfüllen zu müssen. Die heutige kommunale Krise ist unter anderem darauf zurückzuführen, daß die Stadt sich angesichts ihrer Funktionsballung übernahm und mehr übernehmen mußte, als sie aus eigener Kraft leisten konnte.

Es wird sich wohl erst in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten zeigen, wie die Kommune angesichts veränderter Rahmenbedingungen - z. B. das Zusammenbrechen der Kultur- und Sozialhaushalte - ihre Aufgaben und ihre Funktionen weiterhin wahrnehmen kann. Klar ist jedoch, daß eine Stadt wie Gießen aus eigener Kraft den von außen gesetzten Bedingungen nicht gegensteuern kann. Erst die Veränderung des ökonomischen und sozialen Umfeldes wird zu neuer Handlungsfreiheit führen, auch für Gießen.


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