20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen bedeuteten eine Zäsur; die Stadtentwicklung verlangsamte sich, auf den beschleunigten Wandel seit der Mitte des 19. Jahrhunderts folgte, bedingt durch die Kriegsfolgen und die Inflation, eine Phase der Stagnation. In den dreißiger und vierziger Jahren stand die Stadt erneut unter den Vorzeichen der baulichen Erweiterung. Priorität hatte nun vor allem der Wohnungsbau, die Ausdehnung der Universität im Bereich der Kliniken sowie die in der Zeit der Aufrüstung überproportional gesteigerte Expansion des militärischen Sektors unter dem Vorzeichen einer sich militarisierenden Gesellschaft.

Erleichtert wurde dies dadurch, daß sich schon während der Zeit der Weimarer Republik ein vielfältiges rechtsextremes Spektrum in und um Gießen entwickelt hatte, das an jahrzehntelange antisemitische Traditionen im oberhessischen Raum propagandistisch anknüpfen konnte. Die Stadt wurde braun, schon vor 1933.


MilitärkundgebungEine erneute Stärkung seiner Qualität als Militärstandort hatte Gießen bereits nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erfahren. Durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages erhielt es wegen seiner Lage knapp außerhalb der entmilitarisierten Zone geradezu eine Schlüsselfunktion. Auf der bereits bestehenden militärischen Infrastruktur, und den günstigen Verkehrsanbindungen konnte nun aufgebaut werden. Kennzeichnend war, daß die Interessen der Stadt militärischen Erfordernissen bedingungslos untergeordnet wurden. Die Stadt hatte kaum Möglichkeiten, sich diesen Tendenzen entgegenzustellen oder diese Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Sie konnte nur reagieren und versuchen, in einem sehr begrenzten Rahmen ihre Interessen zu wahren.

In den dreißiger und vierziger Jahren sind rund 467 Hektar (4,6 Millionen Quadratmeter) an städtischem Grund und Boden (dies entspricht etwa der Größenordnung von 800 Fußballplätzen und betrug damals etwa 8 % der städtischen Gemarkungsfläche) an die Wehrmacht und Luftwaffe abgegeben worden, und zwar größtenteils zu einem Quadratmeterpreis von 20 Pfennig. Darunter waren 732.000 Quadratmeter, die unentgeltlich abgetreten werden mußten. Möglichkeiten zur Abwehr dieser Ansprüche gab es nicht. Die Stadt versuchte allerdings in den Verkaufs- und Abtretungsverträgen ihre Interessen dadurch zu wahren, indem sie auf sogenannte Rückfall- oder Rückkaufklauseln bestand, falls die entzogenen Gemarkungsteile für militärische Zwecke nicht mehr benötigt würden.

Auf diese Weise wurden große Flächen der städtischen Gemarkung für militärische Zwecke in Anspruch genommen und radikal verändert. So wurden innerhalb von nur zehn Jahren 375 Hektar des Stadtwaldes abgeholzt. Es entstanden neue Militär- und Kasernenanlagen: die Waldkaserne (Rivers-Barracks) an der Licher Straße, die Bleidorn-Kaserne (Pendleton-Barracks) auf dem Trieb sowie ein Truppenübungsplatz zwischen der ehemaligen Steubenkaserne und Annerod (Hohe Warte); außerdem im Süden der Stadt ein großes Militärlazarett. Ende des Jahres 1935 wurde der zivile Flugplatz in Gießen zur militärischen Einrichtung erklärt, mit erheblichem Aufwand erweitert und durch die Errichtung von Kasernenanlagen, Gleisanschlüssen und Munitionsdepots zum rein militärischen Objekt umgewandelt.

Im Zuge der Errichtung der genannten militärischen Anlagen mußten von der Stadt zudem alle Voraussetzungen für den Anschluß an die bestehende Infrastruktur geschaffen werden: Versorgung mit Wasser und Energie sowie Abwasserentsorgung. Ebenso wurden neue Verkehrsverbindungen notwendig. Militärische Überlegungen und Rationalisierungsmaßnahmen beeinflußten seit Kriegsbeginn die städtische Infrastrukturplanung ganz entscheidend und bildeten den Hintergrund für die Entscheidung zum Bau von Oberleitungsbuslinien. Die militärischen Erfordernisse trugen während der vierziger Jahre dazu bei, daß ein umfangreiches Liniennetz von mehr als 12 km Länge entstand, durch welches die militärischen Anlagen untereinander und mit dem Bahnhof verbunden waren.
Im Laufe der dreißiger und vierziger Jahre ging die Stadt auch daran, ihre Funktion als Verwaltungsmittelpunkt in Oberhessen zu stärken. Pläne zu einer tiefgreifenden Innenstadtsanierung und zu einem repräsentativen und verkehrsgerechten Ausbau der Stadt als Verwaltungszentrum, lagen bereits in den Schubladen bereit, als Gießen, wohl aufgrund seiner Funktionen als Militärstandort, Verkehrsknotenpunkt, Industriestandort und regionales Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum, in die Luftangriffe der Alliierten einbezogen wurde. Der folgenreichste Luftangriff ereignete sich am 6. Dezember 1944, als fast die gesamte Innenstadt in einem durch Brandbomben entfachten Feuersturm zerstört wurde. Gießen verlor damit sein historisches Altstadtzentrum.


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