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21.02.2019

Denkmalpreis: Drei Vorbilder für Erhalt alter Baukultur

Plakette Denkmalpreis der Universitätsstadt Gießen
Plakette Denkmalpreis der Universitätsstadt Gießen

Erstmals Denkmalpreise verliehen

Im Rahmen der Stadtverordnetensitzung wurde am vergangenen Donnerstag, 21.2.2019, zum ersten Mal der Denkmalpreis der Universitätsstadt Gießen durch den Magistrat verliehen. Mit diesem Preis werden ab jetzt jährlich private Denkmaleigentümer der Stadt Gießen ausgezeichnet, die in vorbildlicher Weise und mit großem ideellem und finanziellem Aufwand Kulturdenkmäler erhalten und pflegen. Das Recht zu Vorschlägen für den Preis steht der gesamten Öffentlichkeit zu, man kann sich auch selbst um den Preis bewerben.

Der jährlich am Tag des offenen Denkmals ausgelobte Denkmalpreis würdigt besonders hervorragende Sanierungsleistungen im Stadtgebiet. Damit soll auch der Öffentlichkeit das Anliegen und die kulturelle Notwendigkeit der Denkmalpflege nahegebracht werden, die Originalsubstanz unwiederbringlicher Denkmäler als Zeugnisse einer abgeschlossenen Kulturepoche so zu bewahren, dass sie in dem bestmöglichen Erhaltungszustand an die nächste Generation weitergegeben werden können. Der Preis soll darüber hinaus das Engagement weiterer Denkmaleigentümer befördern und somit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt vieler wertvoller Kulturdenkmäler leisten.

Ausgezeichnet werden in diesem ersten Jahr drei Preisträger aus den Kategorien Hofreite, Stadtwohnhaus und Industriedenkmal. Alle Projekte vereint eines: Sie alle haben die historische Bausubstanz nach späteren, die Substanz nicht respektierenden Überbauungen und/oder Veränderungen wieder freigelegt bzw. ergänzt. Sie haben alle - in ihrem jeweiligen Bereich - damit Vorbildcharakter für andere Bauträger oder Eigentümer von historischen Gebäuden, wie die für den Denkmalschutz zuständige Dezernentin, Stadträtin Astrid Eibelshäuser, in ihrer Einführung explizit feststellte.

Die gewürdigten Objekte:

Industriedenkmal Alter Schlachthof, Schlachthofstraße 10

Kategorie: Industriedenkmal

Preisträger: Herr Dr. Wolfgang Lust

Der 1908 bis 1913 erbaute, ehemals städtische Schlachthof prägt durch eine charakteristische Silhouette mit markantem Turm und detailreicher, farblich abwechslungsreicher architektonischer Gestaltung das westliche Lahnufer der Stadt Gießen. Im Laufe seiner hundertjährigen Betriebszeit verunklärten den Jugendstilbau mehrere, in der Höhe variierende Anbauten.

Der neue Eigentümer, Herr Dr. Wolfgang Lust, hat unter größtmöglichem Erhalt der Originalsubstanz mit einer aufwendigen Gesamtsanierung eine neue Nutzung aus Wohnen, Gewerbe und Gastronomie für das aus künstlerischen, städtebaulichen und stadtgeschichtlichen Gründen unter Denkmalschutz stehende Industriedenkmal verwirklicht.

Die originäre Baukörperkubatur wurde unter Verzicht auf vorhandene Nutzflächen durch den Rückbau späterer An- und Einbauten freigelegt, historischen Fassaden aus den späteren Verfliesungen herausgeschält und mit nachgebrannten Klinkern restauriert. Die bauzeitlichen, sehr verschiedenartigen Holz- und Metallfenster wurden größtmöglichst erhalten oder nach historischem Vorbild rekonstruiert. Die Öffnung der ehemaligen Kalthalle als Außenbereich für Gebäudeerschließung, für Veranstaltungen und als Aufenthaltsort verschafft dem Ensemble eine eindeutige städtebauliche Orientierung und Mitte und lässt die ursprünglich gewerbliche Nutzung nachempfinden.

Licht in die ehemals dunklen und räumlich tiefen Kühlhäuser bringen Dachterrassen hinter den Bestandsklinkerwänden sowie über die Klinkerwände hinausragende, sich harmonisch einfügende moderne Glasaufbauten. Eine in Teile des Kellers eingebaute und nur über einen Autolift erreichbare Tiefgarage wurde sehr unscheinbar in das Denkmal integriert.

Die historische Stahl-Tragkonstruktion der Schlachthallen ist z.B. in Coworking-Spaces weiterhin ablesbar und auch die neue Gaststätte im ehemaligen Maschinenhaus behält mit Teilen der Originalausstattung und den historischen Metallfenstern ihren ursprünglichen Raumcharakter. Mit der aufwendigen Instandsetzung des prägnanten, heute allerdings funktionslosen Schornsteins besteht ein wichtiges Erinnerungszeichen der Industriekultur fort.

Hervorzuheben ist, dass für den Eigentümer, Herrn Dr. Wolfgang Lust, zugunsten des Erhalts des Kulturdenkmals bei der Sanierung nicht allein die wirtschaftlichen Aspekte dominierten. Die Sanierung leistet einen sehr wertvollen Beitrag zum Erhalt eines bedeutenden Bauwerks und wichtigen Zeugnisses der hessischen Wirtschaftsgeschichte und erzielt zudem eine vorbildliche Außen- und Signalwirkung. Sie ist in hohem Maße der Verleihung des Denkmalpreis 2018 der Universitätsstadt Gießen würdig.

Wohnhaus Ludwigstraße 40 und 40A

Kategorie: Stadtwohnhaus

Preisträger: Fuhrmann Planen & Bauen GmbH & Co. KG

Die Stadtwohnhäuser in der Ludwigstraße entstanden ab 1880 für Unternehmer, Fabrikanten, Handwerker und Architekten und prägen mit ihren repräsentativen, vor allem der italienischen Renaissance nahestehenden Gestaltungselementen auch heute noch die Hauptachse des Universitätsviertels. Die in einer Vielzahl trotz Kriegsschäden erhaltenen Gebäude wurden oftmals baulich verändert und Nutzgebäude wie Werkstätten und Lager in den charakteristischen Hinterhöfen errichtet.

Das zweigeschossige Wohnhaus Ludwigstraße 40 (Vorderhaus) wurde vom Gießener Architekten Karl Schön 1889 für den Fabrikanten Wiesel auf annähernd quadratischem Grundriss nach spätklassizistischen Gestaltungsprinzipien erbaut und 1908 mit einem schlichteren, dreigeschossige Hintergebäude (40A), das durch einen Hof vom Vorderhaus getrennt ist, ergänzt. Ein zeitgleich in das Vorderhaus straßenseitig eingebautes Ladengeschäft besteht mit mehrfachen Umbauten bis 2007, anschließend wird die Straßenfassade wieder geschlossen.

Der neue Besitzer, die Firma Fuhrmann Planen&Bauen GmbH & Co. KG aus Winnenden hat 2016-18 das aus künstlerischen und städtebaulichen Gründen unter Denkmalschutz stehende Gebäudeensemble saniert und Eigentumswohnungen eingerichtet. Nach vom Bauherrn beauftragten restauratorischen Untersuchungen der Putze und Farbfassungen der Fassaden und Innenräume wurden die Farbanstriche denkmalgerecht wiederhergestellt und die aufwendige dekorative Ausstattung des Vorderhauses mit Deckenmalereien und Stuckornamentik fachgerecht saniert. Die größtenteils vorhandenen bauzeitlichen Fenster mit originalen Beschlägen wurden erhalten und aus energetischen Gründen zu Kastenfenstern umgebaut oder nach historischem Vorbild erneuert, die Straßenfassade im Bereich des ehemaligen Ladens nach historischem Vorbild rekonstruiert. Dem denkmalfachlichen Anspruch auf größtmöglichen Erhalt von Originalsubstanz entsprach auch die Restaurierung von bauzeitlichen Türen, Beschlägen, Fenstergriffen sowie der Terrazzo- und Holzböden. Das Dachgeschoss des Hinterhauses wurde mit vier Dachgauben ausgebaut, die Dachneueindeckung erfolgte nach Befund mit Doppelmuldenfalzziegeln.

Die mit dem Denkmalschutz eng abgestimmte Sanierung durch die Firma Fuhrmann Bauen & Planen GmbH & Co. KG stellt einen wichtigen Beitrag zum Erhalt bürgerlicher Architektur in Gießen um die Jahrhundertwende 1900 dar. Die Ludwigstraße hat in diesem Abschnitt durch die denkmalgerechte, vorbildliche Sanierung eine enorme Aufwertung erfahren.

Hofreite Kirchstraße 6

Kategorie: Hofreite

Preisträger: Frau Ute Thelen und Hanns-Georg Thelen

In der Kirchstraße im Ortskern von Gießen-Wieseck sind noch viele Fachwerkhäuser aus dem 18. Jahrhundert erhalten, die aber oftmals nach dem Zweiten Weltkrieg stark verändert wurden. Das Sichtfachwerk wurde überputzt oder hinter Kunstfaserplatten, versteckt, Balken für größere Fenster oder neue Geschosshöhen und die alten Klappläden entfernt. Sanierungen seit den 1970er Jahren legten vielfach das Fachwerk frei, oftmals allerdings unter Verwendung von nicht-denkmalgerechten Materialien, so dass Folgeschäden entstanden

Die Preisträger Hanns-Georg Thelen und Frau Ute Thelen haben nun das schmale Fachwerkwohnhaus Kirchstraße 6 aus dem 18. Jahrhundert mit großem ideellem und finanziellem Engagement saniert. In enger Abstimmung mit der Denkmalpflege haben sie vorbildhaft das äußere und innere Erscheinungsbild der ehemaligen Hofreite wiederhergestellt, das Fachwerk freigelegt und instand gesetzt, das Dach saniert, Fenster und Klappläden nach historischem Vorbild erneuert und die unpassende Haustüre aus den 1960er Jahren samt Aluminiumvordach rückgebaut sowie die Innenwände mit Lehmputz versehen. Die historischen Pflastersteine der Hofdurchfahrt wurden aufwendig unter dem Asphalt freigelegt und der Innenhof mit Kopfsteinpflaster schön gestaltet. Die detailgetreue Restaurierung unter größtmöglichem Erhalt von Originalsubstanz, die handwerkliche Qualität der Arbeiten und die Verwendung von traditionellen Baustoffen werden denkmalfachlichen Ansprüchen überaus gerecht und die Jury erhofft sich durch diese Auszeichnung auch eine Vorbildwirkung dieser Sanierungsmaßnahme.

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