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Von ihren Gründungserfahrungen berichteten (v.l.n.r.): Nils Schmalenbach, Pia Sommerlad, Timo Birkenstock, Markus Seegmüller, Ralf Schultheiß, Benjamin Ronneburg und »Breezy« Michael Cai Thomas (Foto: Christian Lademann) © Christian Lademann, lademann-presse.de
Von ihren Gründungserfahrungen berichteten (v.l.n.r.): Nils Schmalenbach, Pia Sommerlad, Timo Birkenstock, Markus Seegmüller, Ralf Schultheiß, Benjamin Ronneburg und »Breezy« Michael Cai Thomas (Foto: Christian Lademann) © Christian Lademann, lademann-presse.de
Das Interesse an Existenzgründungen in und um Gießen ist ungebrochen, wie die Resonanz am 4. Gießener Existenzgründertag im Technologie- und Innovationszentrum Gießen (kurz: TIG) zeigte: Mit 100 angemeldeten Teilnehmern war die Veranstaltung bereits im Vorfeld ausgebucht. Wie in den Vorjahren suchten zahlreiche Gründungsinteressierte aller Altersklassen und junge Gründer den regen Austausch mit Gleichgesinnten und Experten. „In der aktuellen Konjunkturlage haben wir die besten Chancen für Gründer“, so Landrätin Anita Schneider bei der Eröffnung. Schneider lobte die Kontinuität des Existenzgründertages und freute sich: „Die Liste der Beteiligten wird immer länger“, was deutlich für das Angebot spreche. Auch Stadtrat Peter Neidel würdigte in seinem Grußwort den Existenzgründertag TIG Start-Up und forderte die Gründungsinteressierten auf, die vielfältigen Angebote der Gießener Gründerszene rege zu nutzen und sich - zugunsten ihrer individuellen Erfolgsaussichten - ihr eigenes Unterstützungsnetzwerk aufzubauen.

Im Aufbau blieb der Existenzgründertag seiner bisherigen Struktur treu: Während am Vormittag neben der kurzen Vorstellung verschiedener Beratungsangebote für Gründer die umfangreiche Möglichkeit zum Austausch im Fokus stand, sorgten im zweiten Block Best-Practice-Beispiele junger heimischer Unternehmen sowie der Impuls-Vortrag von Sami Sokkar, Professor für Marketing und Kommunikation an der Pop-Akademie Baden-Württemberg in Mannheim zum Thema "Erfolgsfaktoren in der Existenzgründung – Nicht die Idee allein entscheidet" für einen kurzweiligen Nachmittag.

In den Best-Practice-Beispielen berichteten junge Gründer von ihren Erfahrungen – im Positiven wie im Negativen. Den Anfang machten die „Internetmenschen“ alias Timo Birkenstock und Markus Seegmüller mit Sitz in Fernwald-Annerod. Ihre Full-Service-Agentur rund ums Thema Internetdienstleistungen haben die beiden 2014 gegründet. Mittlerweile liegt der Fokus des insgesamt neun Mitarbeiter umfassenden Unternehmens auf Internetshops und E-Commerce-Lösungen. Die beiden Gründer erzählten, dass sich die „Internetmenschen“ kontinuierlich weiterentwickelten – wohin die Reise geht, entscheide sich aber oft kurzfristig und so programmiert die Firma nicht nur Webshops für andere, sondern betreiben mit „ProCavallino“ auch einen eigenen Webshop für Reitsportbedarf. Dies habe sich wie vieles „so ergeben“. Gutgelaunt und zuweilen mit selbstironischem Unterton erzählten Seegmüller und Birkenstock auch von Pleiten, Pech und Pannen und lieferten den Zuhörern so essentielle Tipps, etwa die Rechtsform des Unternehmens sorgfältig auszuwählen und nicht am falschen Ende, etwa bei Anwaltsberatungskosten, zu sparen. Weiterer Rat: Man müsse flexibel und dynamisch bleiben, oft zeige einem der Markt neue Möglichkeiten von alleine auf – man müsse sie nur ergreifen.

Bereits vorab hatte Michael Cai Thomas alias „Breezy Rsixx“ sein Unternehmen mit einer kurzen actionreichen Stuntshow auf dem Parkplatz des TIG präsentiert. Thomas, der als Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn arbeitet, betreibt seit kurzem die Firma „Kurvendiskussion“ im Nebenerwerb. Damit hat er sein Hobby zum Beruf gemacht: Seit einigen Jahren ist der passionierte Zweiradfahrer mit seiner umgebauten Yamaha als Stuntfahrer unterwegs – mit „Kurvendiskussion“ bietet er nun professionelle Fahrsicherheitstrainings für Zweiradfahrer an. Sein Angebot richtet sich an alle Zweiradfahrer, die einen Führerschein und bereits Fahrpraxis haben. Er möchte Motorradfahrer schulen, mit Gefahrensituationen souveräner umzugehen und ihnen ein besseres Gefühl für ihr Bike und ihre Grenzen geben. Thomas berichtete von vielen Negativstimmen aus seinem Bekanntenkreis, was die Gründung anbelangt. Man brauche zuweilen eine hohe „Frustresistenz“. Auch er ermutigte die Zuhörer, sich einfach mehr zu trauen: „Einfach über den Schatten springen und machen!“

Gemeinsam mit seinem studentischen Mitarbeiter Benjamin Ronneburg stellte anschließend Ralf Schultheiß sein Unternehmen „Gut befragen“ vor. Schultheiß war kurzfristig für den erkrankten Turgay Altingeyik („Pixel Touch“) eingesprungen. Mit „Gut befragen“ bietet der 47-Jährige Markt- und Meinungsforschung an. Mit der „Bierdeckelbefragung“ - einem Umfragetool für die Gastronomie – hat er ein völlig neues Befragungsmodell auf einem uralten und beliebten Medium entwickelt und damit mediales Interesse hervorgerufen. Schultheiß riet, bei der Entwicklung neuer Ideen vor allem den Kundennutzen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und sich bereits frühzeitig gut zu vernetzen – vor allem das Gespräch mit anderen Gründern helfe, neue Ideen zu entwickeln und wertvolle Impulse zu bekommen.

Abschluss bildete mit „Sommerbach“ eine Gründung aus dem Handwerk. Pia Sommerlad und Nils Schmalenbach bieten in ihrem Atelier mit Laden in der Bahnhofstraße stilvoll designte Schmuckstücke und Designobjekte auf hohem handwerklichem Niveau. Die ausgebildeten Schmuck- und Edelsteindesigner fertigen dabei alle Unikate von Hand und geben in ihrem Atelier auch Kurse. Dies helfe, Verständnis für das Handwerk und die Preise zu entwickeln, berichtete Sommerlad, selbst auch Goldschmiedemeisterin. Die beiden haben sich in der Ausbildung kennengelernt und ihr Unternehmen langsam entwickelt. Zunächst arbeiteten sie im einstigen Künstlerhaus in der Moltkestraße, doch der Wunsch nach Präsentationsfläche und einem Ladengeschäft ließ sie schließlich in den Räumen in der Bahnhofstraße sesshaft werden.

Kurzweilig gestaltete sich der Impulsvortrag von Sami Sokkar, der erläuterte, welche Faktoren bei Gründern zum Erfolg führen. Dabei sei es nicht immer die „Killeridee“, denn selbst eine solche führe nicht zwingend zum wirtschaftlichen Erfolg. Zwar seien eine solide Ausbildung und Erfahrung oft von Vorteil und wichtig, wer eine innovative Idee habe, könne aber nicht immer auf Erfahrung oder gar eine Ausbildung zurückgreifen. Neben den oft bei Existenzgründungsberatungen genannten Skills und Aufgaben wie Marketing oder Personal komme es vor allem auf die Persönlichkeit des Gründers an.

Sokkar erläuterte die unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen am sogenannten DISG-Modell (englisch: DISC) mit den vier Grundtypen Dominanz, Initiative, Stetigkeit und Gewissenhaftigkeit und erklärte, wodurch sich die unterschiedlichen Typen auszeichnen und welche Kombinationen sich wie bedingen. Wem Merkmale in seiner Persönlichkeit fehlten, der müsse dafür sorgen, dass etwa das eigene Personal diese mitbringe: „Nur Leute einzustellen, die genauso sind wie man selbst, ist ein großer Fehler“. Auch motivierte Sokkar die Zuhörer, sich bewusst zu sein, dass eine Selbstständigkeit nicht nur die maximale Freiheit und Unabhängigkeit bringe, wie das viele erwarteten. Vielmehr müsse man bereit sein, auch Dinge zu tun, die man nicht leiden könne, da man für alles selbstverantwortlich sei. Wichtig sei auch, seine persönliche Komfortzone immer wieder zu verlassen, um das eigene Fortkommen zu sichern.

Im ersten Teil der Veranstaltung hatten sich die verschiedenen Institutionen und Netzwerkpartner in kurzen Impulsreferaten vorgestellt, die Beratungs-, Unterstützungs- und Finanzierungsangebote für Gründer anbieten. Neben der TIG GmbH waren das die Wirtschaftsförderungen der Stadt Gießen und des Landkreises Gießen, der Einheitliche Ansprechpartner des Regierungspräsidiums Gießen, die IHK Gießen-Friedberg, die Handwerkskammer Wiesbaden, die Kreishandwerkerschaft Gießen, das Entrepreneurship Cluster Mittelhessen (ECM), der Verein Wirtschaftspaten, das RKW Hessen, die TransMIT GmbH sowie die GründerWerkStadt der Stadtwerke Gießen. Außerdem präsentierten die Sparkasse Gießen, die Volksbank Mittelhessen, die Bürgschaftsbank Hessen und die Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen ihre Förderangebote. Alle Institutionen standen nach den Kurzreferaten an ihren Infoständen noch für Gespräche und Fragen zur Verfügung.

Der 4. Existenzgründertag TIG StartUp fand im Rahmen der Gründerwoche Deutschland statt und wird von der Europäischen Union aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) kofinanziert.

 

21.11.2017 
Quelle: Technologie- und Innovationszentrum Gießen GmbH (TIG) 

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