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Familie Fuld und Dora Selig ab 1934

Isaak Fuld musste als beruflich voll ausgelasteter Witwer ab 1934 plötzlich zwei minderjährige Söhne, davon ein Kleinkind, allein großziehen und versorgen. Wahrscheinlich holte er sich deshalb eine Haushalts- und wohl auch Erziehungshilfe ins Haus. Ab welchem Zeitpunkt die unverheiratete Dora Selig dem Hausstand des Isaak Fuld angehört haben muss, lässt sich leider nicht genau feststellen. Die am 15. Mai 1902 im fränkischen Zeilitzheim Geborene sollte jedoch die beiden Halbbrüder bis zu ihrem gemeinsamen gewaltsamen Ende begleiten.

Ingbert Fuld musste früh selbstständig werden. Wir wissen von Aufenthalten in Hattendorf bei Fulda und in Frankfurt, vermutlich um seine Ausbildung als Bäcker fortzuführen. Anfang Februar 1939 kehrte er wieder nach Gießen zurück, musste nun jedoch mit Vater und Bruder in das sogenannte Judenhaus Walltorstraße 48, das ehemalige Israelitische Altersheim, umziehen, wo mindestens 60 weitere gettoisierte jüdische Bürger von der Gestapo zusammengepfercht worden waren.

Am 10. Februar 1940 starb dort Isaak Fuld mit 57 Jahren. Sein schlichtes Grab auf dem Rodtbergfriedhof muss als eine der letzten jüdischen Ruhestätten vor der gewaltsamen Auslöschung der Gießener jüdischen Vorkriegsbevölkerung angesehen werden. Ingbert und Martin blieben als Vollwaisen zurück und wurden voneinander getrennt. Martin musste nun in ein Kinderheim nach Frankfurt, Ingbert arbeitete spätestens ab 1941 als Zwangsarbeiter, wie aus seinem Schreiben an das Gießener Finanzamt vom 22. Februar 1942 hervorgeht.

In dieser einzigen uns zugänglichen Originalquelle Ingbert Fulds heißt es: "[...] Von den Außenständen der früheren Firma Fuld & Co. gingen RM 233,- ein. Dieser Betrag wurde ebenso wie mein Verdienst als Erdarbeiter der Fa. Gebrüder Pausch, Gießen, zum Lebensunterhalt für mich, meinen minderjährigen Bruder und die Haushälterin meines Vaters, Frl. Dora Sara Selig, verwandt.[...]"

In dieser verzweifelten Situation bemühte er sich, Verwandte und Bekannte in den USA aufzuspüren, die für ihn eine Einwanderungsgenehmigung erwirken, also finanziell bürgen würden. Seine ganze Hoffnung richtete er auf Levi Sondheim, einen Freund seines verstorbenen Vaters:

 "[...] Bitte bemerken Sie, dass ich Waise bin und hat das vielleicht Zweck. Es ist zu traurig, in welcher Situation ich eben dastehe, hier mutterseelenallein, und drüben niemand, der mir helfen könnte. Meine Verwandten wollen zwar nach Möglichkeit etwas tun, aber vor mir kommen immer noch andere. Das Mitleid ist zwar sehr groß, aber helfen tut niemand. Sehr verehrte Familie Sondheim, ich vertraue auf Sie, dass Sie mich nicht im Stich lassen. Es ist heute das erste Gebot, die Auswanderung so rasch als nur möglich zu bearbeiten."

Levi Sondheim willigte ein, eine Bürgschaft zu übernehmen. Alles war in die Wege geleitet, doch die bürokratischen Prozesse dauerten zu lange.

Am 15. September 1942 wurde der knapp 23 Jahre alte Ingbert zusammen mit seinem 11-jährigen Halbbruder Martin Fuld und der 40-jährigen Dora Selig aus Gießen deportiert. Alle drei sind wahrscheinlich Anfang Oktober im Vernichtungslager Treblinka umgebracht worden.

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