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Margot Adler

Margot Adler ist unter den Schülerinnen der Ricarda-Huch-Schule, wohl diejenige, über die wir am meisten Informationen haben.

Margot wurde am 21.10.1921 in Gießen geboren. Ihre Eltern waren Albert Abraham Adler, der als selbständiger Kaufmann tätig war, und Helene Adler, geb. Gutmann.

Margot hatte eine jüngere Schwester namens Hannelore, die den Holocaust überlebte. Sie war noch als Kind in die Schweiz verschickt worden, wo sie in einem Internat lebte. Schließlich zog sie nach Israel, später unter neuem Vornamen (Aviva) in die USA.

Von ihr erfuhr Frau Buseck, dass Margots Vater, der im November 1936 verstarb, Opfers eines rassistischen Übergriffs war. Er wurde von Nazis im Bereich des Gießener Bahnhofs verprügelt und verstarb. Sein Grab befindet sich auf dem Neuen Friedhof.

Margot und ihre Mutter mussten von nun an das Leben im nationalsozialistischen Deutschland alleine meistern. Da Margots Mutter, Helene, ursprünglich aus Bad Homburg stammte, gingen die Adlers wieder an diesen Ort zurück. Man zog in das Elternhaus in der Wallstraße (Nr.11), in dem neben den Geschwistern Franziska und Ludwig Gutmann damals viele Juden wohnten.

Margot konnte, wie praktisch alle Juden zu dieser Zeit, zwar keinen ordentlichen Beruf erlernen. Allerdings machte sie (unter anderem) in Frankfurt vom 22. August bis zum 1. November 1938 in der Damenschneiderei Roleff-Walther ein Praktikum. Die lobende Beurteilung Margots besagt, sie „verfügt über eine vorzügliche Auffassungsgabe und zeichnete sich besonders durch außergewöhnliches Geschick, Akkuratesse und Gewissenhaftigkeit“ aus.

Im Jahre 1939 wollten Margot und ihre Mutter nach Palästina auswandern. Die diesbezüglichen Unterlagen in den Akten lassen erkennen, was für Schikanen Juden ausgesetzt waren, wenn sie versuchten, sich dem Nazi-Terror auf diese Weise zu entziehen. Der gesamte Haushalt der kleinen Familie musste bis auf die letzte Kleinigkeit in langen Listen erfasst werden. Diese Listen liegen uns vor. Sie wurden dann der Ausreisebehörde vorgelegt, und man kann noch heute erkennen, dass völlig willkürliche Streichungen vorgenommen wurden, welche Gegenstände die Familie nicht mitnehmen durfte. Die von der Auswandererbehörde gestrichenen Dinge mussten dann der jüdischen Gemeinde (wahrscheinlich für bedürftige Mitglieder) abgegeben werden, die auf diese Weise gezwungenermaßen zu Mittätern der Enteignung der jüdischen Glaubensgeschwister gemacht wurde.

Auf dem Antrag zur Auswanderung vom 29.11.1939 findet sich unter der Frage „Wohin wandern sie aus?“ der handschriftliche Vermerk von Margots Mutter: „Palästina am 5. Dezember“. Mutter und Tochter lebten also in dem Glauben innerhalb einer Woche ein neues Leben in Palästina zu beginnen, zumal auch die Schiffspassage schon bezahlt war. Allerdings war nach Kriegsbeginn im September 1939 für Juden aus Deutschland die Einreise nach Palästina, das unter britischem Protektorat stand, nicht mehr möglich. Es ist schwer vorstellbar, was es für Mutter und Tochter bedeutet haben muss, dass die geplante Auswanderung nicht zustande kam.

Bis zu ihrer Deportation im Juni 1942 von Frankfurt aus wurde Margot nun zu Zwangsarbeit herangezogen. Welcher Art diese Arbeit war, wissen wir nicht.

Mutter und Tochter wurden am 10. bzw. 11. Juni 1942 über Frankfurt in den Osten deportiert und ermordet. Rolf Weinreich konnte mit einer Bad Homburgerin, Frau Rohde, sprechen, die Margot Adler persönlich kannte und sie am Vorabend ihrer Deportation getroffen hatte. Margot wollte ihr ihr Fahrrad verkaufen, da sie dieses ja nicht auf die Reise nach Osten mitnehmen dürfe. Nach Aussage von Frau Rohde war Margot Adler sehr ruhig und gefasst. Sie war sich augenscheinlich der mit der Deportation einhergehenden Gefahr in keiner Weise bewusst. Margot und Helene Adler wurden in Sobibor ermordet.

Im Falle Margot Adler erschüttert den Betrachter aber nicht nur das Schicksal der Adlers selbst, sondern auch die Art und Weise, wie mit diesem Schicksal nach dem Krieg von der Entschädigungsbehörde umgegangen wurde.

So musste im Streit um die Entschädigungssumme an Margots überlebende Schwester Aviva die Frage geklärt werden, ob Margot einen Schaden hinsichtlich ihrer Ausbildung erlitten hat. Die Tatsache, dass Margot Adler im Alter von 14 Jahren die Schule ohne Abschluss verließ, obwohl sie eine ausgezeichnete Schülerin war (ihr letztes Zeugnis bestand nur aus Einsen und Zweien), wird von der Entschädigungsbehörde im Jahr 1969 folgendermaßen kommentiert:

„Es besteht der Verdacht, dass die Erblasserin (Margot Adler) nicht wegen der rassischen Verfolgung an einer weiteren Schulausbildung kein Interesse mehr hatte, sondern weil sie eine Ausbildung in einem praktischen Beruf bevorzugte und das Alter von 14/15 Jahren, in dem üblicherweise eine Lehre begonnen wird, erreicht hatte.“

Soweit die amtliche Einschätzung!

Die naheliegende Erklärung, dass Margot um Ostern 1936 die Schule verlassen hat, weil sie, wie ja auch zahllose andere Jüdinnen, den Schikanen gegen die Juden sich auf andere Weise nicht zu entziehen wusste, wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen, weil dies für die Behörde teurer geworden wäre.

Weiter wird argumentiert, Margot habe wohl eine Lehre machen wollen, obwohl sie gar keine gemacht und natürlich als Jüdin auch keine hätte machen können. Man kann in diesem Zusammenhang nur von einer beschämenden Verhöhnung des Schicksals von Margot Adler sprechen!

 

Text: Trialogteam Ricarda-Huch-Schule

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