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Margot Marianne Rosenbaum

Margot Marianne Rosenbaum besuchte unsere Schule bis 1938. Laut der erhaltenen Zeugnislisten war sie eine turnwillige, eifrige und strebsame Schülerin. Marianne Rosenbaum war am 01.04.1922 in Gießen zur Welt gekommen. Ihre Eltern Isidor und Dora Rosenbaum, geborene Sternberg, (geboren 1887 bzw. 1891) stammten aus Gießen und aus Weilburg an der Lahn. Sie hatten 1914 geheiratet.

Während Marianne Rosenbaum in den ersten Jahren noch von der Liebigstraße 33 aus zur Schule ging, verkürzte sich 1934 ihr Schulweg mit dem Umzug an die Westanlage, oder - wie diese Straße nach der Umbenennung durch die Nationalsozialisten hieß – an den Horst-Wessel-Wall. Das Mehrfamilienhaus Nummer 46, das der Familie gehörte, und in dem sie bis 1940 lebte, steht heute noch. Es ist das rote Backsteinhaus direkt neben dem Parkhaus Schanzenstraße.

Außer Marianne Rosenbaum wohnten hier ihre Eltern Dora und Isidor Rosenbaum, für kurze Zeit ihre sechs Jahre ältere Schwester Alice (geboren 29.9.1916) und die Großmutter Helene Rosenbaum, geb. Flörsheim.

Die Familie war sehr angesehen und wohlhabend. Mariannes Vater hatte zusammen mit seinem Bruder ein großes Vermögen durch einen Getreide Import und Export Großhandel erworben. Die Firma Samuel Rosenbaum und Söhne handelte mit Agrarprodukten, Getreide, Mehl und Futtermitteln. Die Geschäfte kamen jedoch schon kurz nach 1933 auf Grund der Boykottmaßnahmen gegen die Juden fast völlig zum Erliegen. Um sich vor schlechten Zeiten zu schützen, hatte Isidor Rosenbaum sein Geld auf vielfältige Art und Weise angelegt, unter anderem in Wertpapieren, Edelmetallen und -steinen. Dieser gesamte Besitz wurde der Familie ebenso geraubt wie ihre wertvolle Wohnungsausstattung und der Schmuck. Das Auto der Familie, ein fast neuer Mercedes Benz, wurde von der Gestapo beschlagnahmt.

Obwohl aus den Akten lediglich zu ersehen ist, dass der Bruder von Isidor Rosenbaum, Willi, am 9. November 1938 verhaftet wurde, ist anzunehmen, dass es Mariannes Vater ebenso erging. Willi Rosenbaum hatte zu diesem Zeitpunkt Schmuckgegenstände im Wert von 5000,- RM bei sich. Sie wurden ihm bei seiner Verhaftung abgenommen und sind nie wieder aufgetaucht.

Nachdem Marianne Rosenbaum die Schule 1938 hatte verlassen müssen, ging sie nach Frankfurt. Aus den Unterlagen des dortigen Stadtarchivs ist zu ersehen, dass sie seit dem 18.12.1939 dort lebte. Zunächst wohnte sie im jüdischen Schwesternheim in der Bornheimer Landwehr 85 und seit dem 19.11.1940 im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in der Gagernstraße 36. Ihre Eltern zahlten für ihre Ausbildung als Lernschwester, die sie mit dem Abschluss einer staatlich anerkannten Krankenschwester beendete.

Marianne folgte damit dem Beispiel ihrer älteren Schwester Alice. Diese hatte nach dem Besuch der Handelsschule zunächst im elterlichen Geschäft gearbeitet. Als es geschlossen werden musste, ging sie 1935 nach Berlin, wo sie im Jüdischen Krankenhaus in der Elsasserstraße 85 als Krankenschwester arbeitete. Sie konnte im Mai 1938 von Hamburg aus per Schiff nach New York auswandern. Sie überlebte den Holocaust ebenso wie ihr Onkel Willi Rosenbaum, der 1938 nach Australien entkam.

Während Marianne in Frankfurt lebte und arbeitete, mussten ihre Eltern im Sommer 1940 die Wohnung in der Westanlage aufgeben. Das Haus hatten sie bereits 1937 verkaufen müssen. Im Zuge der ersten Zusammenlegung der Juden wurden sie gezwungen, in die Liebigstraße in das Haus der Familie Sternberg, die emigriert war, umzuziehen. Die gesamte Einrichtung wurde aus der Westanlage mitgenommen, konnte aber aus Platzmangel nicht wieder aufgestellt werden und wurde in einem Raum der Wohnung untergebracht. Nach und nach musste in den folgenden beiden Jahren der gesamte Besitz abgeliefert werden entsprechend der nationalsozialistischen Verfügungen zur Enteignung der Juden. Verkauf von Hab und Gut war nicht erlaubt. Die Einrichtung wurde versteigert oder von der Gestapo abtransportiert. Ein großer Koffer mit Wäsche im Werte von über 2000,- RM wurde einem Nachbarn zur Aufbewahrung überlassen und nie zurückgegeben.

Nachdem den jüdischen Familien in weiteren Zwangsmaßnahmen Räume in so genannten Ghettohäusern zugewiesen worden waren, mussten Rosenbaums wie viele andere in die Walltorstraße 48 umziehen, wo ihnen als Ehepaar mit Kindern zwei Zimmer und Küchenmitbenutzung zustanden. Außerdem hatten sie einen kleinen Büroraum zur Verfügung, der Isidor Rosenbaum vermutlich in seiner Funktion als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde zustand.                     

Nach der Zerstörung der Synagoge und des Gemeindehauses an der Südanlage in der Pogromnacht 1938 war das Gemeindebüro in seine Privatwohnung verlegt worden.

Die ältere Tochter der Rosenbaums, Alice, versuchte im amerikanischen Exil zwei Mal vergeblich, die Ausreise ihrer Eltern und ihrer Schwester in die USA zu organisieren. 1939 konnte sie Durchreisevisa für Kuba besorgen. Ihrer Familie gelang es jedoch nicht, Deutschland zu verlassen. Erhalten ist dazu ein Brief an Isidor Rosenbaum von einem unbekannten Verfasser B. (vom 01.06.1939), in dem dieser tröstend über den Verlust des Geldes und den Aufschub der Reise schreibt. Er berichtet, dass mehrere Schiffe mit jüdischen Flüchtlingen vor Kuba lägen und an der Anlandung gehindert würden. Es drohe die Rücksendung der Menschen nach Deutschland. Auch die St. Louis liege mit 900 Menschen an Bord im Hafen von Havanna. Sie alle hätten dieselbe Einwanderungserlaubnis wie die Familie Rosenbaum. B. schildert unbeschreibliche Zustände an Bord und meint wörtlich „Bleiben Sie schön auf der Warteliste und warten Sie ab.“

1941 buchte und bezahlte Alice Rosenbaum mit Unterstützung ihres ebenfalls emigrierten Onkels Dr. Adolph Sternberg Schiffspassagen für ihre Angehörigen nach Uruguay bei der Hamburg-Amerika-Linie, jedoch wieder vergeblich. Die Ausreise war nicht mehr möglich.

Das Schicksal der Familie Rosenbaum ist ein Musterbeispiel für die Ausplünderung der Juden und für den Zynismus, mit dem sie betrieben wurde. Aktien der Firma Samuel Rosenbaum und Söhne, die in einem Depot bei der Dresdener Bank lagerten, wurden an die Preußische Staatsbank Berlin für, so heißt es in den Unterlagen „Sühneleistungen für die Familie Rosenbaum“ abgeliefert. Ebenso bietet ihre Geschichte Einblick in die Schwierigkeiten, denen sich Überlebende gegenüber sahen, die nach dem Krieg versuchten, geraubtes Eigentum zurück zu bekommen oder Entschädigungszahlungen zu erhalten. Wie die Akten im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden zeigen, kämpfte Alice Hirsch, die überlebende Schwester von Marianne, nach dem Krieg von den USA aus in mehreren langwierigen Entschädigungs- und Rückerstattungsverfahren bis in der 60er Jahre um einen Ausgleich für die enteigneten Vermögenswerte ihrer Eltern. In einem Verfahren geht es um den Verkauf eines Grundstücks in Wieseck an die Stadt Gießen noch durch Isidor Rosenbaum im Jahr 1939. Der vereinbarte Kaufbetrag wurde erst nach einem Rückerstattungsverfahren in den 50er Jahren an Alice Hirsch ausbezahlt.

Marianne Rosenbaum kehrte im September 1942 von Frankfurt nach Gießen zurück. Sie wurde über Darmstadt (vermutlich) nach Treblinka deportiert. Über ihr weiteres Schicksal gibt es keine Informationen. Sie wurde für tot erklärt.

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