Rathaus

Seiteninhalt

Nordanlage 49 - Helene, Margot, Hannelore Adler

Helene Adler, geb. Gutmann
*30.07.1888 in Bad Homburg vor der Höhe
deportiert 1942 ab Frankfurt nach Sobibor
ermordet in Sobibor
Stolperstein verlegt am 15.11.2017

Margot Adler
*21.10.1921 in Gießen
unfreiwillig verzogen
1938 Bad Homburg
deportiert 1942 ab Frankfurt nach Sobibor
ermordet in Sobibor
Stolperstein verlegt am 15.11.2017

Hannelore Adler
*06.04.1927 in Gießen
1938 unfreiwillig verzogen nach Bad Homburg
1939 Kindertransport in die Schweiz
überlebte
Stolperstein verlegt am 15.11.2017

 

Standort Stolpersteine Nordanlage 49


Helene Adler

Helene Adler, geb. Gutmann, wurde am 30. Juli 1888 in Bad Homburg geboren. Ihr Vater, David Gutmann, betrieb eine Fellhandlung. Helene hatte noch zwei Geschwister, Franziska, geb. 1891 und Ludwig, geb. 1893. Die Familie lebte in der Wallstraße 11.       

Helene heiratete im September 1920 Albert Adler. Zunächst wohnte die Familie in der Ebelstraße 20 und zog 1926 in die Nordanlage 49, in das Haus des Schwagers Alfred Fröhlich. Der Betrieb war ebenfalls auf dem Grundstück. Am 21. Oktober 1921 wurde Tochter Margot Frieda geboren und am 06. April 1927 Tochter Hannelore.

Albert Adler war selbstständiger Kaufmann. Er handelte mit chemischen Fetten und Ölen. Albert Adler verstarb am 12.11.1936 an den Folgen eines Angriffs durch Nazis im Bereich des Gießener Bahnhofs. Sein Grab befindet sich auf dem Neuen Friedhof. Die Firma Albert Adler, Gießen, wurde am 19. März 1937 im Handelsregister gelöscht.

Nach dem Tod des Ehemannes verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie. Helene Adler verließ daher mit ihren Kindern Gießen und zog zurück nach Bad Homburg, denn unter anderem fiel das Haus ihres verstorbenen Schwagers Alfred Fröhlich im Rahmen einer Erbauseinandersetzung an die Bank und wurde verkauft. In Bad Homburg lebten sie mit Helenes Geschwistern Franziska und Ludwig Gutmann im dortigen Elternhaus, in der Wallstraße11, zusammen.

Im Januar 1938 konnte die jüngere Tochter Hannelore mit einem Kindertransport das Deutsche Reich in Richtung Schweiz verlassen. Dank dieser Möglichkeit hat sie den Naziterror überlebt.

Helene Adler wollte 1939 mit ihrer Tochter Margot nach Palästina auswandern. Diese Vorbereitungen gestalteten sich schwierig und nach Ausbruch des Krieges war es nicht mehr möglich, Deutschland zu verlassen (siehe Margot Adler).

Helene Adler wurde mit ihrer Tochter Margot am 11. Juni 1942 von Frankfurt in den Osten deportiert und in Sobibor ermordet.

 

Text: Christel Buseck

Margot Adler

Margot Adler ist unter den Schülerinnen der Ricarda-Huch-Schule, wohl diejenige, über die wir am meisten Informationen haben.

Margot wurde am 21.10.1921 in Gießen geboren. Ihre Eltern waren Albert Abraham Adler, der als selbständiger Kaufmann tätig war, und Helene Adler, geb. Gutmann.

Margot hatte eine jüngere Schwester namens Hannelore, die den Holocaust überlebte. Sie war noch als Kind in die Schweiz verschickt worden, wo sie in einem Internat lebte. Schließlich zog sie nach Israel, später unter neuem Vornamen (Aviva) in die USA.

Von ihr erfuhr Frau Buseck, dass Margots Vater, der im November 1936 verstarb, Opfers eines rassistischen Übergriffs war. Er wurde von Nazis im Bereich des Gießener Bahnhofs verprügelt und verstarb. Sein Grab befindet sich auf dem Neuen Friedhof.

Margot und ihre Mutter mussten von nun an das Leben im nationalsozialistischen Deutschland alleine meistern. Da Margots Mutter, Helene, ursprünglich aus Bad Homburg stammte, gingen die Adlers wieder an diesen Ort zurück. Man zog in das Elternhaus in der Wallstraße (Nr.11), in dem neben den Geschwistern Franziska und Ludwig Gutmann damals viele Juden wohnten.

Margot konnte, wie praktisch alle Juden zu dieser Zeit, zwar keinen ordentlichen Beruf erlernen. Allerdings machte sie (unter anderem) in Frankfurt vom 22. August bis zum 1. November 1938 in der Damenschneiderei Roleff-Walther ein Praktikum. Die lobende Beurteilung Margots besagt, sie „verfügt über eine vorzügliche Auffassungsgabe und zeichnete sich besonders durch außergewöhnliches Geschick, Akkuratesse und Gewissenhaftigkeit“ aus.

Im Jahre 1939 wollten Margot und ihre Mutter nach Palästina auswandern. Die diesbezüglichen Unterlagen in den Akten lassen erkennen, was für Schikanen Juden ausgesetzt waren, wenn sie versuchten, sich dem Nazi-Terror auf diese Weise zu entziehen. Der gesamte Haushalt der kleinen Familie musste bis auf die letzte Kleinigkeit in langen Listen erfasst werden. Diese Listen liegen uns vor. Sie wurden dann der Ausreisebehörde vorgelegt, und man kann noch heute erkennen, dass völlig willkürliche Streichungen vorgenommen wurden, welche Gegenstände die Familie nicht mitnehmen durfte. Die von der Auswandererbehörde gestrichenen Dinge mussten dann der jüdischen Gemeinde (wahrscheinlich für bedürftige Mitglieder) abgegeben werden, die auf diese Weise gezwungenermaßen zu Mittätern der Enteignung der jüdischen Glaubensgeschwister gemacht wurde.

Auf dem Antrag zur Auswanderung vom 29.11.1939 findet sich unter der Frage „Wohin wandern sie aus?“ der handschriftliche Vermerk von Margots Mutter: „Palästina am 5. Dezember“. Mutter und Tochter lebten also in dem Glauben innerhalb einer Woche ein neues Leben in Palästina zu beginnen, zumal auch die Schiffspassage schon bezahlt war. Allerdings war nach Kriegsbeginn im September 1939 für Juden aus Deutschland die Einreise nach Palästina, das unter britischem Protektorat stand, nicht mehr möglich. Es ist schwer vorstellbar, was es für Mutter und Tochter bedeutet haben muss, dass die geplante Auswanderung nicht zustande kam.

Bis zu ihrer Deportation im Juni 1942 von Frankfurt aus wurde Margot nun zu Zwangsarbeit herangezogen. Welcher Art diese Arbeit war, wissen wir nicht.

Mutter und Tochter wurden am 10. bzw. 11. Juni 1942 über Frankfurt in den Osten deportiert und ermordet. Rolf Weinreich konnte mit einer Bad Homburgerin, Frau Rohde, sprechen, die Margot Adler persönlich kannte und sie am Vorabend ihrer Deportation getroffen hatte. Margot wollte ihr ihr Fahrrad verkaufen, da sie dieses ja nicht auf die Reise nach Osten mitnehmen dürfe. Nach Aussage von Frau Rohde war Margot Adler sehr ruhig und gefasst. Sie war sich augenscheinlich der mit der Deportation einhergehenden Gefahr in keiner Weise bewusst. Margot und Helene Adler wurden in Sobibor ermordet.

Im Falle Margot Adler erschüttert den Betrachter aber nicht nur das Schicksal der Adlers selbst, sondern auch die Art und Weise, wie mit diesem Schicksal nach dem Krieg von der Entschädigungsbehörde umgegangen wurde.

So musste im Streit um die Entschädigungssumme an Margots überlebende Schwester Aviva die Frage geklärt werden, ob Margot einen Schaden hinsichtlich ihrer Ausbildung erlitten hat. Die Tatsache, dass Margot Adler im Alter von 14 Jahren die Schule ohne Abschluss verließ, obwohl sie eine ausgezeichnete Schülerin war (ihr letztes Zeugnis bestand nur aus Einsen und Zweien), wird von der Entschädigungsbehörde im Jahr 1969 folgendermaßen kommentiert:

„Es besteht der Verdacht, dass die Erblasserin (Margot Adler) nicht wegen der rassischen Verfolgung an einer weiteren Schulausbildung kein Interesse mehr hatte, sondern weil sie eine Ausbildung in einem praktischen Beruf bevorzugte und das Alter von 14/15 Jahren, in dem üblicherweise eine Lehre begonnen wird, erreicht hatte.“

Soweit die amtliche Einschätzung!

Die naheliegende Erklärung, dass Margot um Ostern 1936 die Schule verlassen hat, weil sie, wie ja auch zahllose andere Jüdinnen, den Schikanen gegen die Juden sich auf andere Weise nicht zu entziehen wusste, wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen, weil dies für die Behörde teurer geworden wäre.

Weiter wird argumentiert, Margot habe wohl eine Lehre machen wollen, obwohl sie gar keine gemacht und natürlich als Jüdin auch keine hätte machen können. Man kann in diesem Zusammenhang nur von einer beschämenden Verhöhnung des Schicksals von Margot Adler sprechen!

 

Text: Trialogteam Ricarda-Huch-Schule

Hannelore Adler

Hannelore Adler wurde am 06.04.1927 als zweites Kind der Eheleute Albert und Helene Adler in Gießen geboren. Sie wurde Ostern 1934 in die Schillerschule – heute Haus B der Ricarda-Huch-Schule – eingeschult. Im November 1937 verließ Hannelore die Schule. Sie ging mit ihrer Mutter nach Bad Nauheim und besuchte dort fortan die Jüdische Bezirksschule in der Frankfurter Straße 103 (heute Sophie-Scholl-Schule Wetterau)

Mit dem ersten Kindertransport wurde die 12-jährige Hannelore mit weiteren 100 Kindern im Januar 1939 in die Schweiz geschickt. Im Kinderheim Wartheim in Heiden, Kanton Ausserrhoden, besuchte sie zunächst bis 1942 die Elemantarschule und anschließend eine Höhere Schule. Dieses Kinderheim wurde vom Israelitischen Frauenverein Zürich unterhalten und bot jüdischen Kindern ein sicheres Zuhause. Die Kosten für den Schulbesuch und den Unterhalt der Schülerin wurde von Jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen übernommen. Ein Abschluss in der Höheren Schule war nicht möglich, da die weitere finanzielle Unterstützung nicht gewährleistet wurde. Ab Herbst 1944 wurde Hannelore bei Familie Gugenheim in Zürich untergebracht.

Ein Jahr später, im Oktober 1945, wanderte Hannelore, nach Aussage ihres Sohnes Mark, entgegen dem Willen ihrer Pflegefamilie, nach Palästina aus. Sie lebte und arbeitete zunächst in einer landwirtschaftlichen Niederlassung, in einem Kibbuz, bis Oktober 1946. In der folgenden Zeit besuchte Hannelore in Jerusalem Kurse zur Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in der Hoffnung, dass diese Ausbildung ihr die Möglichkeit zum Medizinstudium geben würde.

Im Herbst 1948 wurde sie zum Militär eingezogen. Sie erzählte ihrem Sohn, dass sie die erste weibliche Krankenschwester auf den vorderen Linien im Unabhängigkeitskrieg 1948 für den Staat Israel war. Sie nahm an dem Kampf um Jerusalem teil.

Ab 1950 war Hannelore als Krankenschwester tätig. 1953 ging sie zurück nach Frankfurt am Main. Verwandte, die in Beverly Hills lebten, ermöglichten ihr 1954 die Ausreise in die USA. Sie erhielt eine Anstellung im Sinai Krankenhaus in Los Angeles im Bereich Innere Medizin. Wann Hannelore ihren Vornamen in Aviva, die weibliche Form von Frühling, änderte, ist nicht bekannt. Vermutlich als sie nach Palästina einwanderte. Sie heiratete im Sommer 1958 und lebte mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Northridge unweit von Los Angeles.

Im August 1982 folgte Hannelore Adler einer Einladung der Stadt Gießen zur ersten Begegnungswoche. In Anwesenheit der ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger wurde das Mahnmal gegenüber der jüdischen Friedhofskapelle auf dem Neuen Friedhof eingeweiht. Mit Jossi Stern und seiner Schwester Sonja Porath pflanzte sie Zypressen rund um das Mahnmal. Hannelore Adler – Aviva Lefitz starb 1993.

 

Text: Christel Buseck

Seite drucken:

Seite empfehlen:

Newsletter

Bestellen Sie sich hier den Newsletter und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Corona: Stadtverwaltung geschlossen - telefonische Erreichbarkeit ist sichergestellt
Dringende unaufschiebbare Dienstleistungen werden in allen Ämtern erst nach vorheriger Terminabsprache erledigt. Termine bekommt man durch telefonische Anfrage oder per  E-Mail mit Angabe des Anliegens an info@giessen.de.

Mehr Infos und Kontakte für Terminvereinbarung

Die wichtigsten Meldungen im Überblick


Startseite giessen.de