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Walltorstraße 10 (ehem. Walltorstraße 18) - Philippine Leschhorn

Philippine Leschhorn, geb. Wöll, verw. Klee
*23.09.1883 in Brauerschwend (Ortsteil von Schwalmtal)
eingewiesen 1932 in Anstalt Gießen; 1940 in Anstalt Weilmünster;
am 24.04.1941 in „Heilanstalt“ Hadamar
ermordet am 04.05.1941 in Hadamar
Stolperstein verlegt am 08.09.2010

 

Standort Stolperstein Walltorstraße 10


Rede zur Verlegung des Stolpersteins von Pfarrer Leschhorn (Enkel von Philippine Leschhorn)

 

"Liebe Anwesende,

Ja, ich hätte sie auch gerne kennengelernt oder wenigstens Bilder von ihr gesehen. Ja, vielleicht hätten wir Geschichten von ihr gehört oder miteinander gespielt, meine beiden Brüder Karl Heinz, Dieter und ich. Ja, wir hätten gerne Philippine Leschhorn, geb. Wöll, kennengelernt, die unsere Großmutter gewesen wäre, hätte es da nicht dieses grausame Euthanasie- Programmgegeben, innerhalb dessen sie von den Nazis am 4. Mai 1941 ermordet wurde.

Zunächst nur kurz etwas zu ihrem Leben:

Philippine Wöll wurde am 23.09.1883 in Brauerschwendt geboren. Sie war eines von vier Geschwistern. Sie heiratete. Doch ihr Mann verstarb. In zweiter Ehe heiratete sie 1922 Heinrich Leschhorn. Der gleichnamige Sohn Heinrich, mein Vater, wurde am 04.01.1923 geboren. Hier an dieser Stelle, in der Walltorstraße 18, im Jahr 1931, als mein Vater acht Jahre alt war, verstarb sein Vater und ihr Ehemann. Ende der zwanziger Jahre musste sie in der Gießener Universitätsklinik am Kopf operiert werden. Bald danach erfolgte eine zweite OP. Von dieser erholte sie sich nicht mehr. Deshalb versorgte eine Kusine meinen Vater von 1931 bis 1933. Dann wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt in der Licher Straße 106 eingeliefert. Bei anfänglichen Besuchen erkannte sie meinen Vater noch, später nicht mehr. Durch die Krankheit wuchs mein Vater in einer Pflegefamilie auf, erlernte den Beruf des Huf- und Wagenschmiedes. Nach der Lehre ging er sofort zur Unteroffiziersschule nach Potsdam. Hierher bekam mein Vater auch den Totenschein geschickt, dass sie am 4. Mai 1941 in der Landesheil- und Pflegeanstalt in Hadamar an einem Herzschlag um 3.30 Uhr gestorben sei. Er bekam zwei Tage Sonderurlaub zur Beisetzung auf dem Gießener Friedhof am 02.07.1941.

Mein Vater ahnte damals nichts davon, dass sie wahrscheinlich kurz nach ihrer Einlieferung in Hadamar vergast worden war, da sie nach dem Gesetz zum sogenannten „lebensunwerten Leben“ zählte, das ausgelöscht gehörte. Sie hatte somit das Recht zu leben verloren, ebenso wie 260 weitere Personen aus der Heil- und Pflegeanstalt Gießen. 70.273 Menschen fielen im Großdeutschen Reich diesen unmenschlichen Euthanasiegesetzen zum Opfer.

Diese Fakten aber stellten sich erst Jahre später heraus. Meinem Vater fiel es unwahrscheinlich schwer, über seine Mutter zu reden. Er hat nach dem Krieg die Wahrheit erfahren und konnte es nicht verstehen, dass er sein Vaterland im Krieg verteidigt hatte. Dieses faschistische Vaterland hatte seine Mutter getötet. Persönlich tief verletzt, sprach er nie freiwillig über den Tod seiner Mutter. Und die bewegendste Erzählung aus seiner frühen Kindheit, die ich erinnere, war, und daran konnte er sich gut erinnern, die Reichskristallnacht. Er sah die Synagoge, die hier ganz in der Nähe war, brennen - und er dachte sich damals nichts dabei. Erst viel später sollte er die Wahrheit erkennen. So, heute würde man sagen traumatisiert, sprach mein Vater nie freiwillig über diesen Tod. Und letztendlich konnte er von seinem tief christlich geprägten Menschenbild heraus nicht verstehen, wie Menschen anderen Menschen das Recht zum Leben, ja deren ganze Existenz absprechen konnten. Wir als Kinder erlebten das Ganze zwiespältig: Zum einen wollten wir natürlich über die Großmutter etwas wissen und erfahren, auf der anderen Seite spürten wir aber auch sein Unbehagen, darüber zu erzählen.

Nicht, dass es unser Familienleben beherrschte, aber ein gewisser Schatten, der nicht greifbar war, lag darüber. Erst in seinen letzten Jahren und als wir Kinder erwachsen waren, war es ihm möglich, über seine Mutter offener zu reden. Mit meinen beiden Töchtern und seinen anderen Enkelkindern konnte er jedoch nicht wie andere Großväter über die Urgroßmutter erzählen. Ich weiß nicht, wie er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte diesen Tag und das Gedenken an seine Mutter empfunden hätte. Als späte Genugtuung bestimmt nicht, denn Hassgefühle waren ihm von seinem christlichen Menschenbild her fern. Jedoch die Angst ging mit ihm mit, bis auf sein Totenbett. Als Demenzkranker in seinen letzten Tagen, als er die Wirklichkeit nicht von der Vergangenheit unterscheiden konnte, da rief er eines Abends meiner Mutter zu: Marie, versteck dich, dass sie dich nicht auch noch vergasen. Der schlimme Tod seiner Mutter ließ ihn bis auf seinem Sterbebett nicht los und zur Ruhe kommen. Bis dahin, so wurde mir klar, reichten doch noch die Hände der Schergen.

Eines ist mir jedoch, auch jetzt in der Aktion der Verlegung dieses Stolpersteins, klar geworden: Man muss sich mit dieser Vergangenheit beschäftigen. Man muss mit seinen Kindern über diese Zeit und die Gräueltaten reden. Reden deshalb, damit wir aus der Geschichte lernen können und das weitergeben. Weitergeben, dass sich der Faschismus, gerade auch mit seiner schlimmen Fratze der Euthanasie nicht wieder Bahn brechen darf. Das Ganze darf nicht hoffähig sein oder werden. Das sind wir unseren Kindern und Enkelkindern schuldig.

Weckt und schärft die Sinne dafür bei euch, so sage ich es Jugendlichen und meinen eigenen Kindern. So hat uns diese Aktion, deren Initiatoren ich an dieser Stelle ausdrücklich meinen Dank und meine Hochachtung aussprechen möchte, doch noch einmal einen Schritt weiter gebracht.

Nie wieder - Philippine Leschhorn und dieser Stolperstein sollen uns daran erinnern und mahnen."

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