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Neuen Bäue 23 - Moritz, Lotte, Werner Guido Josef Herz

Moritz Herz
*9.03.1878 in Ehringshausen
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 26.04.2008

Lotte Herz
*07.10.1914 in Gießen
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 26.04.2008

Werner Guido Josef Herz

*05.07.1925 in Gießen
deportiert am 30.09.1942 ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka
ermordet vermutlich in Treblinka
Stolperstein verlegt am 26.04.2008

 

Standort Stolpersteine Neuen Bäue 23


Moritz Herz

Moritz Herz, geboren am 9. März 1878 in Ehringshausen bei Wetzlar, von Beruf Bankier.

Verwandtschaftsbeziehungen: Der Grabstein auf dem an der östlichen Mauer des Neuen Friedhofs gelegenen Familiengrab überliefert die Lebens- und Sterbedaten der Eltern von Moritz Herz und die seiner 1940 verstorbenen Ehefrau Hanna, geb. Meyer. Mit seiner Frau hatte er zwei Kinder: die Tochter Lotte, geboren am 7. Okt. 1914 und den Sohn Werner Guido, der am 5. Juli 1925 zur Welt kam.

Adressen in Gießen: Neuen Bäue 23, Wilhelmstr. 10 (Juni 1940), Frankfurter Str.11 (8. Nov.1941), Walltorstr. 42 (4. Feb. 1942).

Lebensspuren: Moritz Herz übernahm von seinem Vater Joseph Herz die Bank "Herz & Co". Er war an Literatur und Malerei interessiert. Lange Jahre arbeitete er als Kassenwart im Gießener Goethe-Bund mit, der im Kulturleben der Stadt eine bedeutende Rolle gespielt hat. Im März 1938 muss Moritz Herz sein Bankgeschäft abmelden.

Nach dem November-Pogrom 1938, bei dem auch die Räume des Bankhauses Herz geplündert werden, wird Moritz Herz für etwa fünf Wochen ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Der Gießener Schriftsteller Georg Edward berichtet in seinem Tagebuch darüber: "1938: 7. Dezember (Mi) – Besuchte den Bankier Herz, der kürzlich aus dem Konzentrationslager Buchenwald zurückgekehrt ist. Er erzählte, es sei ihm bei Todesstrafe verboten worden, darüber zu sprechen, aber was er durchgemacht habe, seit entsetzlich gewesen. Man würde ihm auch nicht glauben, wenn er schildern wollte, was für brutale Bestien die Angestellten in den Konzentrationslagern seien. Nicht nur die Juden, auch alle anderen Häftlinge würden unmenschlich behandelt. Eine Anzahl der am 10. November hingeschafften Juden sei wieder nach Hause geschickt worden, aber Tausende habe man zurückbehalten. Viele seien infolge der Misshandlungen gestorben. Alles ist entsetzlich und ich habe alle Achtung vor dem deutschen Volk verloren, das zu allen Untaten und Verbrechen stillgeschwiegen hat, die während der letzten fünf Jahre verübt worden sind. ...

1939: 30. Juli (Sonntag) – Zum Diner bei Bankier Herz, angenehme und freundliche Stimmung unter Leuten, die jetzt auf Schritt und Tritt verfolgt werden ... Bankier Herz erzählte von den Leuten, die er im Konzentrationslager zu ertragen hatte, wie man ihm drohte, ihn zu erschießen, wenn er sich weigere, die Kombination seines Tresors in der Bank zu verraten. Die Tage, während derer er die Hinrichtung erwartete, seien das Schrecklichste gewesen, das er je durchgemacht habe." (in: Georg Edward 1869-1969. Dokumente einer langen, konfliktreichen Lebensreise, CD, hrsg. von Hans-Joachim Weimann und Brigitte Hauschild, Gießen 2004).

Nach seiner Rückkehr aus dem KZ bemüht sich Moritz Herz monatelang verzweifelt um eine Auswanderung für seine beiden Kinder. Der Schriftverkehr mit den englischen Schulen und Hilfskomitees ist erhalten geblieben, und es ist erschütternd zu lesen, mit welcher Höflichkeit und Dringlichkeit Moritz Herz nach England schreibt, um für Werner eine Schule zu finden, die ihn aufnimmt. Im September 1939 erhält er dann die Auskunft, dass es weder für Lotte, deren Auswanderungsziel die USA war, noch für Werner eine Möglichkeit zur Auswanderung gibt.

Im Juni 1940 muss Familie Herz ihr Haus verlassen und zieht zwangsweise in die Wilhelmstr. 10. Die Gestapo hat sich das Haus Neuen Bäue 23 bereits vorher angeeignet und richtet im Keller des ehemaligen Bankhauses einen Folterkeller ein. Im November 1941 muss Familie Herz erneut umziehen, diesmal in die Frankfurter Str. 11 zu Familie Austerlitz, die dort eine Weinhandlung betrieben hatte.

Im Februar 1942 beginnt die Ghettoisierung der Gießener Juden: alle werden zwangsweise in sogenannte Judenhäuser umgesiedelt, die Familie Herz in die Walltorstr. 42. Am 14. September 1942 werden Moritz Herz und seine beiden Kinder wie die anderen 150 noch in Gießen lebenden Juden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt und in die Goetheschule an der Westanlage gebracht.

Zwei Tage später werden alle in einen Güterzug verladen. Der Zug mit den Gießener Juden steht eine Nacht auf dem Güterbahnhof und fährt dann nach Darmstadt. Nach etwa zwei Wochen wird Familie Herz mit 880 anderen Juden aus Hessen in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Auf der Steuerkarte steht dafür: "verzogen am: 20.10.42 nach: unbekannt". Nach 1945 wird auf diese Kartei eingetragen: "gestorben am 8.Mai 1945 Todeserklärung d. Amtsgerichts Gießen v. 27.9.1949". (Stadtarchiv Gießen)

Lotte Herz

Lotte Herz, geboren am 7. Oktober 1914 in Gießen, Plockstr. 9, Tochter von Moritz Herz und Hanna Herz, geb. Meyer, Schwester von Werner Guido Josef Herz.

Adressen in Gießen: Neuen Bäue 23, Wilhelmstr. 10 (Juni 1940), Frankfurter Str. 11 (8. Nov. 1941), Walltorstr. 42 (4. Febr. 1942).

Lebensspuren: Lotte Herz besuchte die Grundschule, vermutlich die Schiller-Schule (Grundschule für Mädchen); ab 1925 das Lyceum (heute Ricarda-Huch-Schule) In der Unterprima gibt es einen nicht mehr zu klärenden Vorfall; in der Schulakte ist formuliert: "Betragen 3, mit Ausnahme eines schweren Falles. Der Bestrafung entzog sie sich durch ihren Austritt (ausgetreten 01.03.1932)." Lotte Herz hat ihr Abitur also nicht mehr abgelegt. Über eine Ausbildung ist nichts bekannt.

Über das Leben von Lotte Herz nach dem März 1932 sind nur wenige Daten bekannt. Lotte lebte mit ihren Eltern und ihrem Bruder in der Neuen Bäue 23.

Aus ihrer Personenstandskartei geht hervor, dass sie ab dem 1.05.1936 für mehrere Monate in Berlin-Wilmersdorf gemeldet ist. Ab dem 4. Dezember des gleichen Jahres lebt sie aber wieder bei der Familie in Gießen.

Moritz Herz bemüht sich ab November 1938 intensiv um eine Auswanderungsmöglichkeit für Lotte. Er richtet 1938 bei der Dresdner Bank, Filiale Gießen ein Wertpapier-Depot für sie ein, um die geplante Auswanderung nach Amerika finanziell abzusichern.

Lotte beantragt am 29. Dezember 1938 zwei Geburtsurkunden, die nun zwangsweise den zweiten Vornamen "Sara" führen müssen. Sie benötigt die Urkunden für die geplante Auswanderung.

Aus einer Akte der Dresdner Bank geht hervor, dass Lotte Mitglied in einem Skiclub und beim Deutschen Tierschutzverein ist. Auswanderungsziel Nordamerika und Wartenummer sind hier belegt, ebenso die Tatsache, dass ein Visum noch nicht erteilt wurde. Ihr stehen von dem Konto monatlich 300 Reichsmark zur Verfügung.

Dieser Betrag wird nach und nach gekürzt, ab Mai 1941 darf sie nur noch 50 RM monatlich abheben. Am 3. Mai 1941 schreibt Lotte an die Dresdner Bank in Gießen einen Beschwerdebrief: "Es ist mir unmöglich, mit dem jetzt festgesetzten Freibetrag von RM 50.- auszukommen. Meine monatlichen Ausgaben sind ... zusammen 180.-" (Hessisches Wirtschaftsarchiv Darmstadt, Abt. 146, Nr.122).

Am 23. September 1939 besucht sie den mit der Familie befreundeten Gießener Schriftsteller Georg Edward, der in seinem Tagebuch berichtet:

"1939: 23. September (Sa) – Lotte Herz besuchte mich am Nachmittag und erzählte mir, die Geheime Staatspolizei habe sämtlich im Besitz von Juden befindlichen Radioapparate beschlagnahmt, und Werner Bock sagte mir am Abends, dasselbe sei bei ihm geschehen ...

1939: 24. September (So) – Lotte Herz hatte mich zur Feier ihres Geburtstages eingeladen und ich trank Tee mit ihr und ihren Angehörigen. Im Laufe der Unterhaltung hörte ich, dass Juden nur noch in gewissen Geschäften kaufen dürfen und nach 8 Uhr abends von der Strasse verbannt sind." (in: Georg Edward 1869-1969. Dokumente einer langen, konfliktreichen Lebensreise, CD, hrsg. v. Hans-Joachim Weimann und Brigitte Hauschild, Gießen 2004)

Im Juni 1940 muss Familie Herz ihr Haus verlassen und zieht zwangsweise in die Wilhelmstraße 10. Die Gestapo hat sich das Haus Neuen Bäue 23 bereits vorher angeeignet und richtet im Keller des ehemaligen Bankhauses einen Folterkeller ein. Im November 1941 muss Familie Herz erneut umziehen, diesmal in die Frankfurter Str. 11 zu Familie Austerlitz, die dort eine Weinhandlung betrieben hatte. Im Februar 1942 beginnt die Ghettoisierung der Gießener Juden: alle werden zwangsweise in sogenannte Judenhäuser umgesiedelt, die Familie Herz in die Walltorstr. 42.

Am 14. September 1942 werden Moritz Herz und seine beiden Kinder Lotte und Werner wie die anderen 150 noch in Gießen lebenden Juden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt und in die Goetheschule an der Westanlage gebracht. Zwei Tage später werden alle in einen Güterzug verladen. Der Zug mit den Gießener Juden steht eine Nacht auf dem Güterbahnhof und fährt dann nach Darmstadt. Nach etwa zwei Wochen wird Familie Herz mit 880 anderen Juden aus Hessen in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Auf der Steuerkarte von Lotte steht dafür: "verzogen am: 20.10.42 nach: unbekannt". Nach 1945 wird auf diese Kartei eingetragen: "gestorben am 8.Mai 1945 - Todeserklärung des Amtsgerichts Gießen v. 27.09.1949" (Stadtarchiv Gießen)

Werner Guido Josef Herz

Werner Guido Josef Herz, geboren am 5. Juli 1925 in Gießen, Sohn von Moritz Herz und Hanna Herz geb. Meyer, Bruder von Lotte Herz.

Adressen in Gießen: Neuen Bäue 23, Wilhelmstr. 10 (Juni 1940), Frankfurter Str. 11 (8. Nov. 1941), Walltorstr. 42 (4. Febr. 1942)

Lebensspuren: Werner Herz besuchte zunächst die Städtische Knabenschule (die alte Pestalozzischule) an der Nordanlage (heute befindet sich dort die Max-Weber-Schule). Sein damaliger Klassenkamerad Richard Wagner ist der einzige Zeitzeuge, der sich noch an ihn erinnern kann. Nach der Grundschule besuchte Werner Herz das Realgymnasium in der Ludwigstraße (heute Liebig-Gymnasium), das er kurz nach der Pogromnacht wieder verlassen musste. Sein Abgangszeugnis weist ihn als guten Schüler aus. Werner besuchte ab 1. Februar 1939 das Philanthropin in Frankfurt, eine jüdischen Schule, die am 1. April 1941 von den Nazis geschlossen wurde.

Nach Schließung des Philanthropins arbeitete Werner aus Not als Hilfsarbeiter (Holzschäler).

Schon vor dem Novemberpogrom bemüht sich der Vater von Werner Herz, der Bankier Moritz Herz, verzweifelt um eine Auswanderung für seinen Sohn nach England. Er korrespondiert unermüdlich mit englischen Schulen und Hilfskomitees, um seinen Sohn zu retten. Im September 1939 erfährt er schriftlich, dass alle Bemühungen gescheitert sind. Werners Klassenkamerad sieht ihn nur noch einmal mit seinem Vater und anderen Gießener Juden, und zwar bei einer Aktion der Gestapo, die uns der Gießener Schriftsteller Georg Edward geb. Geilfus, in seinen Tagebüchern überliefert hat:

"1940: 10. Februar (Sa) – Nachmittags besuchte mich Helmuth Bock in großer Aufregung: Die Geheime Staatspolizei in Gießen hat einen neuen Kommissar erhalten, einen von Hitlers Totenkopf - SS-Männern, einen brutalen Burschen niedrigster Sorte. Er lässt jetzt die Juden, alte und junge, das mit dickem Eis bedeckte Gebiet rings um das Theatergebäude reinigen und steht dabei auf dem Balkon des benachbarten Polizeigebäudes mit seinem Opernglas, um zu beobachten, ob sie auch wirklich arbeiten" (in: Georg Edward 1869-1969. Dokumente einer langen, konfliktreichen Lebensreise, CD, hrsg. von Hans-Joachim Weimann und Brigitte Hauschild, Gießen 2004).

Im Juni 1940 muss Familie Herz ihr Haus verlassen und zwangsweise in die Wilhelmstr. 10 umziehen. Die Gestapo hat sich das Haus Neuen Bäue 23 bereits vorher angeeignet und richtet im Keller des ehemaligen Bankhauses einen Folterkeller ein.

Im November 1941 muss die Familie Herz erneut umziehen: diesmal in die Frankfurter Str. 11 zu Familie Austerlitz, die dort eine Weinhandlung betrieben hatte. Im Februar 1942 beginnt die Ghettoisierung der Gießener Juden: alle werden zwangsweise in sogenannte Judenhäuser umgesiedelt, die Familie Herz in die Walltorstr. 42.

Am 14. September 1942 werden Werner, seine Schwester und sein Vater Moritz Herz wie die anderen 150 noch in Gießen lebenden Juden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt und in die Goetheschule an der Westanlage gebracht. Zwei Tage später werden alle in einen Güterzug verladen.

Der Zug mit den Gießener Juden steht eine Nacht auf dem Güterbahnhof und fährt dann nach Darmstadt. Nach etwa zwei Wochen wird Familie Herz mit 880 anderen Juden aus Hessen in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Auf der Steuerkartei von Werner steht dafür: "verzogen am: 20.10.42 nach: unbekannt". Nach 1945 wird auf diese Kartei eingetragen: "gestorben am 8.Mai 1945 Todeserklärung d. A. G. Gießen v. 27.9.1949" (Stadtarchiv Gießen).

Leider ist es uns – der Patengruppe – nicht gelungen, Bilder von Werner Guido Josef Herz ausfindig zu machen.

 

Text: Herbert Schweiger und Christa Schreier

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